Winnenden im Dritten Reich (1933-1945)

1933

2.2.: Regierungsbaumeister Müller legt Pläne zum Bau einer Wasserleitung zur Weinbergsbewässerung vor. --- 5.3.: Bei den Reichstagswahlen siegt in Winnenden mit 50,5% die NDSAP und liegt damit 8% über dem Landessschnitt. --- 26.3.: Nach einem Beschluss des Gemeinderats erhält die Albert-Zeller-Schule (heute: Musikschule) ihren Namen. --- 13.4.: Lokale KPD-Politiker werden verhaftet und auf dem Heuberg interniert. --- 24.4.: Der Winnender Landjäger Mai wird von dem Ludwigsburger Einbrecher Jakob Füchsl bei einer Personenkontrolle erschossen. --- 11.5.: Das Vermögen der SPD-Ortsgruppe wird beschlagnahmt. --- 30.6.: Das Volks- und Anzeigenblatt darf nicht mehr erscheinen, obgleich es zum Aufstieg der NSDAP in Winnenden maßgeblich beigetragen hat. --- 1.7.: Karl Bohn wird Landjäger in Winnenden (bis 20.4.1945) --- .Juli: Bei den Kirchengemeinderatswahlen erhalten die NSDAP-nahen „Deutschen Christen“ keine Mehrheit. --- 14.7.: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wird erlassen. Auch über das Sterilisierungsgesetz und das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln zur Sicherung und Besserung“ wird in Berlin beraten. --- 14.9.: Die KPD-Ortgruppe, der Arbeitergesangverein „Freiheit“, die Ortsgruppe des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrbunds „Solidarität“ und der Gesangsverein „Konkordia“ werden aufgelöst. --- Der Freiwillige Arbeitsdienst unterhält ein Lager in Winnenden (Gerberstraße 19). Bäche werden reguliert, Feldwege angelegt und die Straße von Lehnenberg nach Breuningsweiler gebaut. --- Die Ortsgruppe Winnenden-Land der NSDAP unter Leitung von Paul Kreh. --- Die Künstler der „Villa“ in Hanweiler, der jüdische Maler Erwin Heilbronner und der überzeugte Pazifist Manfred Henninger, werden zu Staatsfeinden erklärt. Heilbronner kehrt daraufhin nicht nach Hanweiler zurück. --- Winnenden erwirbt zwei weitere Quellen auf Hößlinswarter Gemarkung. --- Karl Wöhrle gründet eine Obstbaumschule in Winnenden.

1934

Winnenden wird dem Kreis Waiblingen zugewiesen. --- 8.2.: Das Oberamt Waiblingen weist die Klinikleitung nachdrücklich darauf hin, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses umzusetzen. --- 7.4.: Die milcherzeugenden Landwirt Winnendens schließen sich zu einer Genossenschaft zusammen. --- 9.11.: Das FAD-Lager wird aufgelöst. --- Albert Gämßle wird Ehrenbürger Höfens. --- 1.8.: Marie Huzel ermöglicht mit ihrer Spende die Gründung eines Kindergartens, der unter der Leitung der Berkennenden Christen stand und frei von nationalsozialistischer Prägung sein sollte. --- Paul Wöhrle erwirbt ein Anwesen in der Winnender Schorndorferstraße 78, eine ehemalige Schweinezuchtanstalt und Pferdemetzgerei. --- Unter der Leitung von Erna Ungerer gründet sich beim SV Winnenden eine Frauenabteilung.

1935

21.3.: Auf Antrag der NSDAP müssen Stadtgeschäfte mit Mitgliedern der deutschen Arbeitsfront abgewickelt werden. --- 27.4.: Die Generalversammlung der Genossenschaftsbank wird zur „Winnender Bank eGmbH“ und beschließt einen Neubau. --- 1.5.: Otto Gutekunst wird ärztlicher Direktor der Heilanstalt (bis 6.11.1945). --- 24.8.: Der Sportverein Breuningsweiler wird im Kurhaus Sonnenberg gegründet. --- 27.9.: Marie Huzel wird Ehrenbürgerin von Winnenden für ihren Einsatz zugunsten Winnender Soldaten. Das Marie-Huzel-Heim wird eröffnet. --- Josef Huber, der NS-Bürgermeister, übernimmt die Leitung des Kleinkinderschulvereins. --- Der Darlehenskassenverein Winnenden firmiert als Spar- und Darlehenskasse. --- Die Deutsche Gemeindeordnung entmachtet den Winnender Gemeinderat. --- Wie alle Sportvereine im Deutschen Reich wird der SV Winnenden dem NS-Reichsbund für Leibesübungen unterstellt und damit gleichgeschaltet.

1936

5.3.: Die Pfleger der Heilanstalt dürfen nach einem Erlass des Innenministeriums nicht mehr mit dem Vornamen angesprochen werden. --- 25.4.: Landesfeuerwehrinspektor Klett setzt die Umorganisation der Feuerwehr auch in Winnenden durch. --- Der Uhrturm des Schlosses wird abgebrochen. --- 1.10.: Der langjährige Bürgermeister Georg Schmidgall wird in den Ruhestand versetzt. An seiner Stelle wird der gebürtige Waiblinger NSDAP-Mann Josef Huber als Bürgermeister eingesetzt. --- Jüdische Viehhändler werden von den Winnender Märkten ausgeschlossen. --- Das Unternehmen Julius Dopslaff (heute: JUDO) wird gegründet. Das erste Patent gilt der „Impfbiene“, einer Mischvorrichtung für Flüssigkeiten und Gase.

1937

Die Mühlrain-Siedlung wird gebaut. --- Die Stadtverwaltung übernimmt die Bibliothek. --- Der Stadtgarten wird zur Dietrich-Eckhart-Anlage umgebaut. --- Das HJ-Heim in der Ringstraße 92 (Adolf-Hitler-Ring) wird gebaut. --- 21.3.: Hermann Grünspan, ein ursprünglich aus Hanau stammender jüdischer Schuster, zieht aus Schorndorf nach Birkmannsweiler. Er wird Schustergeselle bei Schuster Grotz in der Hauptstraße 45. --- 24.3.: Dr. Gutekunst gibt in einem Antwortschreiben an das Erbgesundheitsgericht an, man habe Sterilisierungen deswegen nicht durchführen können, weil sich die Patienten „hartnäckig“ geweigert hätten. --- Bürgermeister Josef Huber verlangt von der Anstaltsleitung eine Statistik über die Anzahl der Juden in der Heilanstalt. --- Eine HJ-Feuerwehr wird aufgestellt. --- Die Feuerwehr beschafft eine mechanische Handzugleiter. --- Luise Gmelin übernimmt die Turmapotheke. --- Die „Winnender Ziegelwarenfabrik“ erhält im Zuge eines Ausbaus einen zweiten Ringofen und eine Trocknereianlage.

1938

Winnenden kommt zum Landkreis Waiblingen. --- 8.2.: Dr. Gutekunst weist in einem Schreiben darauf hin, dass Sterilisierungen vor Ort zu großer Unruhe unter den Patienten führen könnten. --- 1.3.: Assistenzarzt Stegmann führt eine erbbiologische Bestandsaufnahme unter den Patienten der Heilanstalt durch. --- 27.4.: Der Mörder Ernst Wagner stirbt nach 25 Jahren als Patient in Winnental. --- Der Festplatz auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube wird zur Dietrich-Eckhart-Anlage umgebaut (heute: Stadtgarten). --- Die Stadtpfarrer Rooschütz und Flaxland gehen in Pension, Pfarrer Geißer wird nach Tübingen versetzt. Sie werden ersetzt durch Pfarrer Pfeiffer und die beiden Pfarrverweser Glässer und Brandt. --- Der VfR Birkmannsweiler wird gegründet. --- 28.10.: Bankdirektor Eppler weiht den Neubau der Bank bei der „unteren Apotheke“ ein. --- 17.11.: Ortspolizist Röhm durchsucht Hermann Grünspahns Wohnung in Birkmannsweiler nach Waffen, offenbar wurde der jüdische Schustergeselle denunziert.

1939

Das Unternehmen Kärcher siedelt von Bad Canstatt nach Winnenden über. --- Im Saal des Gasthofs „Adler“ wird ein NSV-Kindergarten eröffnet. --- Sept.: Im Frauenpavillon (Station F) der Heilanstalt wird ein Reservelazarett eingerichtet, die Patientinnen werden im Festsaal untergebracht. --- Erste Zwangs- und Fremdarbeiter gelangen nach Winnenden, insgesamt sind es bis 1945 etwa 1200. Die meisten von ihnen sind Polen (61), Franzosen (209), Italiener (227) und vor allem Russen (427). Kriegsgefangenenlager gab es auf dem Gelände der Ziegelei Spingler (Ostarbeiterlager, Polenlager), bei Kärcher (Russenlager, Polenlager, Franzosenlager, Lager Ruitzenmühle). Weitere Lager befanden sich bei der Obstverwertung Hummel und in der Brückenstraße 19. Fast alle größeren Betriebe, aber auch Handwerksbetriebe und Landwirschaften, beschäftigten Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, unter anderem die Firmen Nusser, Benz, Eger, Giesser, Fessmann, Krämer. --- Die Feuerwehr erhält ihr erstes motorisiertes Feuerwehrfahrzeug. --- Die Turnhalle wird von NS-Gruppierungen fast vollständig belegt, ein Turnbetrieb ist kaum möglich.

1940

30.5.: 74 Frauen werden in den berüchtigten Grauen Bussen nach Grafeneck deportiert und dort getötet. Weitere Transporte finden statt am 3.6., am 11.6., am 24.6., am 24.7. am 29.11. Insgesamt finden sich 175 Frauen und 220 Männer zwischen 16 und 80 auf den Verlegungslisten. Dazu gehören auch jüdische Patienten, denen man oft mit besonderer Härte begegnet: Jeanette Metzger, Julius Schloss, Selma Heidenheimer, Gertrud Heilborn, David Neumetzger, David Neu, Charlotte Steiner, Klara Feit, Hermann Einstein, Alfred Günzburg, Dr. Karl Esslinger--- 5.9.: Aus den Reihen der Feuerwehr wird eine Fliegerbereitschaft eingerichtet. --- 25.11.: Ein Transport aus Stetten erreicht Winnenden. --- 29.11.: Fünf Stettener Patienten werden nach Grafeneck gebracht. --- Am Schnarrenberg (Birkmannsweiler) wird der letzte Weinberg gerodet. --- Die Gewerbebank firmiert nun als „Volksbank Winnenden e.G.m.b.H.“. --- Der Rathaussaaal wird umgebaut. --- Wöhrle beliefert Rüstungsbetriebe und Wehrmacht mit Besen und Handwaschpaste.

1941

10.3.: Sieben Bewohner der Paulinenpflege werden über die Heilanstalt nach Hadamar deportiert und getötet. --- Die Winnender Feuerwehr erhält einen Tragkraftspritzen-Anhänger. --- 26,5.: Die Gemeinschaftswaschküche der Milchverwertungsgenossenschaft wird eingeweiht. --- 14.10.: Britische Flieger werfen im Gebiet Haselstein, Schenkenberg und am Gänsebrückle Spreng- und Brandbomben ab. --- 21.11.: Der Landrat in Waiblingen wendet sich in einem Schreiben an den Bürgermeister von Birkmannsweiler mit dem Betreff „Abschiebung von Juden in das Reichskomissariat Ostland“. Am 27.11. begleitet Schuster Grotz den betroffenen Gesellen Hermann Grünspahn zum Bahnhof, wo er vom Durchgangslager Killesberg nach Ingolstadt verbracht wird. Von dort verliert sich seine Spur. --- 28.11.: Der langjährige Feuerwehrkommandant Krämer tritt nach Querelen mit der Ortsgruppe der NSDAP zurück. Für ein Jahr übernimmt Wilhelm Seitz.

1942

21.-22.1.: Die Glocken der Stadtkirche werden abgehängt. --- Die Ortsfeuerwehr erhält ein leichtes Löschgruppenfahrzeig (LLG). --- Der Schlosser August Voll stirbt unter ungeklärten Umständen im Reservelazarett. Ein Mord ist nicht auszuschließen. --- Die Firma Wöhrle verlegt Teile des Lagers zum Schutz vor drohenden Luftangriffen nach Birkmannsweiler und andere Außenlager.

1943

Die Darlehenskasse fusioniert auf Weisung aus dem Reichswirtschaftsministerium mit der Volksbank. --- Okt.: Zwangsarbeiter aus Italien werden in Winnenden eingesetzt. --- Juli: Der Altar der Schlosskirche wird abgebaut. Die Figuren werden im Salzbergwerk Kochendorf eingelagert, die Flügeltüren in Oppelsbohm. Die Schlosskirche wird als Möbellager ausgebombter Stuttgarter Familien genutzt. --- Die Milchverwertungsgenossenschaft übernimmt das Lagerhaus der Spar- und Darlehenskasse. --- Im Reservelazarett wird eine „Station der politisch Inhaftierten“ eingerichtet.

1944

7.3.: Eine größere Anzahl Winnender Patienten wird mit unbekanntem Ziel verlegt. --- 13.3.: Die entflohenen russischen Zwangsarbeiter Aleksej P. Kruschinskij und Nikolaj M. Magerko werden an der Hindenburgeiche im Schmelmenholzwald in Gegenwart der Winnender Hitlerjungen erhängt. --- Dez.: Der Saal des Bengel-Hauses wird für die Unterbringung einer Nachrichtenabteilung beschlagnahmt. --- Aus einer „Judenwohnung“ in Stuttgart flüchtet der jüdische Rechtsanwalt Dr. Robert Perlen und seine „arische“ Frau Martha nach Winnenden. Die junge Metzgersfrau Anna Hieber versteckt die Perlens in der von ihrem Mann betriebenen Metzgerei (Marktstraße 7), wo er sich im Keller versteckt. Die Bäckerfamilie Heinrich nebenan versorgt ihn mit Lebensmitteln. Die Helferin, Anna Hieber, stirbt am 20.4. durch einen Granatsplitter. --- Auch Hugo Göhre und seine jüdische Frau Selma Göhre-Richnowsly Göhre finden in Winnenden Zuflucht, ehe das Ehepaar 1944 in eine Stuttgarter Judenwohnung zieht. --- Im Gasthof „Adler“ wird ein NSV-Kindergarten eingerichtet. --- Über die Bahn bezieht das Unternehmen Wöhrle Ginster aus dem Odenwald zur Besenproduktion. --- Nach der Zerstörung des Betriebsgeländes in Stuttgart Bad-Cannstatt gründet Wilhelm Nusser 1944 den Zimmereibetrieb in Winnenden neu. --- Die Turnhalle wird beschlagnahmt.

1945

Februar: Wegen Brennstoffmangel wird in der Heilanstalt die Heizung abgestellt. Aus Dresden werden 76 pflegebedürftige Personen nach Winnental verlegt, weitere Personen werden im Taubstummenasyl untergebracht. 416 Patienten der Heilanstalt sterben an Unterernährung, Kälte und Krankheit. Ingesamt sind seit Kriegsbeginn 646 Zivilisten und 35 Militärs verstorben. --- 19.3.: Flakhelferinnen beziehen das Marie-Huzel-Heim. --- 20.4.: Artilleriebeschuss zerstört einige Gebäude zwischen Stadtkirche und Rathaus. Auch die Mager’sche Apotheke am Rathaus fällt den Flammen zum Opfer. Treffer erhält auch das Taubstummenasyl der Paulinenpflege. --- 21.4.-26.4.: Die amerikanische Besatzung verhängt eine Ausgangssperre. Zahlreiche belastete Unternehmer und Amtsträger werden abgesetzt. --- 21.4.-22.5.: Emil Weißhaar vertritt den geflüchteten NS-Bürgermeister Huber, sein Stellvertreter ist Wolfgang Best. --- 8.5.: Aufgrund eines Versehens der Militärregierung erscheint drei Wochen lang das Volks- und Anzeigenblatt. --- 23.5.-30.8: Der Schwaikheimer Hermann Rommel ist Bürgermeister. --- 30.8.: Der zehnköpfige Arbeitsausschuss wählt Luitpold Auhuber zum Bürgermeister. --- Vom Fröbel-Seminar werden Kinderpflegerinnen für die Betreuung der Kleinkindgruppen gewonnen. --- Kommandant Nißler tritt vom Feuerwehrdienst zurück und übergibt die Amtsgeschäfte dem Schuhmachermeister Paul Bihlmaier. --- 27.11.: Adolf Mattern wird Ärztlicher Leiter der Heilanstalt (bis 30.9.1947). --- 20.12.: Die Turngemeinde von 1848 und der Fußballclub schließen sich zur Sportgemeinde zusammen. --- Es kommt zu einem Großbrand auf dem Gelände der Firma Paul Wöhrle Seifen- und Sodafabrik Winnenden.