Alwine Wuthenow: Eine plattdeutsche Dichterin in Winnental

Warum denn mir auf dieser Erde
So schwere Last?
Daß ich von ihr geknechtet werde,
Zermalmet fast?

(Alwine Wuthenow, Der Gefangene)

Zur Biographie

Alwine Wuthenows Geburt ist von einem tragischen Unfall überschattet, der insbesondere ihre Mutter, Ida, eine geborene Otto, schwer trifft: Ihr zweijähriger Bruder Bernhard ertrank im Gartenteich der Familie. Diese Konstellation lässt ahnen, welche Lasten die spätere Dichterin von Jugend an mit sich trägt. Am 16.9.1820 kommt Friederike Charlotte Alwine Balthasar in Neuenkirchen bei Greifswald zur Welt, der Vater Johann Carl Balthasar ist Pfarrer, auch die Mutter entstammt einer Pfarrerfamilie. 1824 wird der Vater nach Gützkow versetzt. Von 1827 bis 1849 lebt Alwine auf dem Schulzenhof in Gützkow und schreibt ihre ersten Gedichte. Eine Gedenktafel erinnert dort an sie. Alwines Begabung veranlasst die Eltern, sie von 1833 bis 1835 bei dem Greifswalder Professor Hornschuch in Pension zu geben. Am 29.9.1843 heiratet Alwine den Juristen Ferdinand Wuthenow, der von 1842 bis 1849 Bürgermeister von Gützkow war und anschließend Kreisrichter in Greifswald ist. Fünf Kinder bringt Alwine Wuthenow zur Welt: die Töchter Helene (*1846), Anna (*1846) und Hermine (*1852) sowie die Söhne Arthur (1844–1921 und Max (*1853). Von 1853 bis 1874 lebt Alwine Wuthenow wegen ihrer angegriffenen Gesundheit im St. Katharinenstift in Rostock. in dieser Zeit entsteht der überwiegende Teil ihrer Gedichte. 1855 und 1856 veröffentlichte Fritz Reuter, der bis heute bekannteste Lyriker in plattdeutscher Sprache, in seinem Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern erste Gedichte von Alwine Wuthenow. Reuter gibt auch ihren ersten eigenständigen Gedichtband heraus. Zudem steht Alwine Wuthenow von 1857 bis 1861 in regem Briefverkehr mit Klaus Groth und später, von 1878 bis 1904, mit dem Kieler Schriftsteller Johann Meyer. Im April 1862 ermöglicht Amalie Gräfin zu Solms der Kranken einen Aufenthalt in der Heilanstalt Winnental. Bei einem Besuch in Stuttgart trifft sie im Oktober 1865 bei einem Hausbesuch Eduard Mörike. Im Juli 1867 kehrte Alwine versuchsweise zu ihrer Familie nach Greifswald zurück, wo sie am 8.1.1908 stirbt. Ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Friedhof in Greifswald. Die Kasseler Komponistin Luise Greger (1861–1944), selbst eine gebürtige Greifswalderin, war eng mit Alwine und Hermine Wuthenow befreundet und vertonte einige Gedichte Alwines.

Abb.: Alwine Wuthenow im Alter von 80 Jahren

Alwine Wuthenow in Winnenden

Alwine Wuthenow war vom 9.4.1862 bis zum 15.7.1908 Patientin an der Königlichen Heilanstalt Winnental bei Ober-Medizinalat Ernst Zeller. Alwine Wuthenows Krankheit ist von Immobilität und Antriebslosigkeit gezeichnet. Die Hinweise in der Patientenakte deuten auf eine schwere Depression hin. Ihre Patientenakte wird heute im Haupstaatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrt. Neben verschiedenen Gutachten enthält sie ein Porträt der Dichterin, das vom hiesigen Fotografen Weber angefertigt wurde. Den größten Teil der Aufzeichnung bildet jedoch die Korrespondenz Alwine Wuthenows, beispielsweise mit der Gräfin zu Solms. Auch ein Gedicht mit dem Titel „Parabel“ ist enthalten.

Literatur

Ausgaben

  • Wuthenow, Alwine: En poa Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goahrn, hrsg. von Fritz Reuter. Greifswald: Koch, 1858 (Neue Ausgabe: Greifswald und Leipzig 1860; dritte Ausgabe, hrsg. von Otto Vogel, Greifswald 1874)
  • Wuthenow, Alwine: Nige Blomen ut Annemariek Schulten ehren Goren. Greifswald und Leipzig: Koch,1861.
  • Wuthenow, Alwine: Hochdeutsche Gedichte. Greifswald: Koch, 1862
  • Wuthenow, Alwine: Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren, hrsg. v. Marx Möller. Greifswald: Julius Abel, 1896

Neuausgaben

  • Bunners, Christian (Hg.); Suhrbier, Hartwig: Fritz Reuter, Ernst Moritz Arndt, Alwine Wuthenow. Rostock: Hinstorff, 2004 (Beiträge der Fritz-Reuter-Gesellschaft; 14)
  • Wuthenow, Alwine: Briefwechsel zwischen Alwine Wuthenow und Klaus, hrsg. v. Eberhard Groth Rostock: Verl. BS, 2006
  • Wuthenow, Alwine: Briefe an Johann Meyer, hrsg. v. Eberhard Schmidt. Rostock: BS-Verlag, 2017
  • Wuthenow, Alwine: Hochdeutsche Gedichte und zwei Briefe an Johann Meyer, hrsg. v. Eberhard Schmidt. Rostock: BS-Verl., 2015
  • Wuthenow, Alwine: Briefwechsel zwischen Alwine Wuthenow und Klaus Groth, hrsg. v. Jürgen Grote und Reinhard Rösler. Rostock: Verl. BS, 2006

Literatur zu Alwine Wuthenow

  • Wuthenow, Frau Alwine. In: Sophie Pataky (Hg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 454 f.
  • Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Band 8, 6. Auflage. Leipzig 1913, S. 58
  • Spiero, Heinrich: Geschichte der deutschen Frauendichtung seit 1800. Leipzig 1913, S. 48.
  • Otto Altenburg: Alwine Wuthenow. In: Pommersche Lebensbilder. Band I, Stettin 1934, S. 197–207.
  • Brun, Hartmut: Verse wie Perlen unter Kieseln. In: Norddeutscher Leuchtturm. Wochenendbeilage der Norddeutschen Zeitung vom 24. März 1981, S. 6.
  • Schüppen, Franz: Lyrik des bürgerlichen Realismus aus Vorpommern. In: Quickborn. Band 82, 1992, S. 248–267 und Band 83, 1993, S. 13–31
  • Schüppen, Franz: Eine frühe Lösung von Frau Jenny Treibels Problem: Alwine Wuthenow über Poesie und Prosa 1862. In: Heinrich Kröger, Henning Wiechers (Hrsg.): Stünn um Stünn. Festschrift för Bernd Jörg Diebner to sienen 60. Geburtsdag den 8. Mai 1999. De Kennung, Beiheft 9. Soltau/ Heidelberg 2000, S. 86–98.
  • Rösler, Reinhard: „… es waren die besten Sachen, die im Unterhaltungsblatt gestanden haben“ – Alwine Wuthenow und ihre Gedichte. In: Beiträge der Fritz Reuter Gesellschaft. Band 14, Rostock 2004
  • Müller-Waldeck, Gunnar: Wuthenow, Alwine (1820–1908). In: Dirk Alvermann, Nils Jörn (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Pommern. Band 2 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern. Reihe V, Band 48,2). Böhlau Verlag, Köln/ Weimar/ Wien 2015
  • Jahn, Bruno: Wuthenow, Alwine. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Bd. XXXVI, 3. Auflage. Berlin / Boston 2017, Sp. 451–454.