Der Pfarrer und die Schlafwandler: Johann Ulrich Wirth

Ein philosophierender Pfarrer mit parapsycholgischen Interessen - in Winnenden? Seit 1842 wirkt der Theologe Johann Ulrich Wirth als Stadtpfarrer in Winnenden und verbreitet nebenbei die Ideen Hegels und der Aufklärung.

Johann Ulrich Wirth

Johann Ulrich Wirth war Pfarrer in Winnenden – und nicht nur das: Wirth war Aufklärer, Philosoph und evangelischer Theologe. Geboren ist Wirth am 17.4.1810 in Ditzingen als Sohn des gleichnamigen Metzgers und Lammwirts Johann Ulrich Wirth. Seine Mutter Christina Margaretha war eine geborene Schwaderer. Nach dem Abschluss der Lateinschule in Weinsberg durchläuft Wirth das evangelisch-theologische Seminar im Kloster Schöntal. In Tübingen studiert er Theologie und wird Vikar in Kleingartach. 1836 erscheint bei Scheible in Leipzig und Stuttgart seine Theorie des Somnambulismus oder des thierischen Magnetismus. 1841 promoviert Wirth und erlangt den Grad des Dr. phil. Noch im selben Jahr erscheint der erste Band seines Grundlagenwerks System der spekulativen Ethik. Ab 1842 wird Johann Ulrich Wirth Stadtpfarrer in Winnenden. Dort schreibt er Die speculative Idee Gottes, das 1845 in Stuttgart erscheint. Eine eigene Zeitschrift, die er unter dem Titel Philosophische Studien herausgibt, stellt er bald wieder ein. Ab 1852 redigiert er dafür die Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, die Immanuel Hermann Fichte und Hermann Ulrici herausgeben, denen er als spekulativer Vertreter des Theismus und als Hegelianer nahesteht. Wirths Ansichten sind recht modern: Unter anderem setzt er sich gegen die Todesstrafe ein. Am 20.3.1879, mit 69, stirbt Johann Ulrich Wirth in Winnenden.

Bezug zu Winnenden

Als Pfarrer in Winnenden gab Wirth 1850 die von David Pistorius verfasste Descriptio urbis Winindae unter dem deutschen Titel Geschichte der Stadt Winnenden und der umliegenden Orte heraus. Auch die von Wirth herausgegebenen Philosophischen Studien wurden in Winnenden gedruckt. Allerdings muss Wirth das mögliche Scheitern seines mutigen Projekts vorausgesehen haben. Im Vorwort schreibt er am 18.6.1851 in Winnenden: „Im Uebrigen verhehlt sich die Redaction durchaus nicht die Schwirigkeiten ihres Unternehmens, und kann daher die Fortsetzung desselben auch, wie sich von selbst versteht, nur abhängig machen von der lebendigen Theilnahme derjenigen, welche für die Entwicklung der Philosophie als eines der höchsten deutschen Nationalgüter ein Interesse haben.“

Wirths Theorie des Somnambulismus

Bild: Robert Dodd: The Operator Inducing a Hypnotic Trance, kolorierter Kupferstich, 1794. Aus: Ebenezer Sibly: A Key to Physic, 1794

Die Erforschung des Somnambulismus beginnt in Frankreich. Der aus Moos am Bodenstee stammende Magnetiseur Franz Anton Mesmer hatte in Paris eine Praxis eröffnet, in der er magnetische Kuren durchführte. Seine Grundsätze legte er in der Abhandlung über die Entdeckung des tierischen Magnetismus nieder, Von ihm stammen die Begriffe des „animalischen Magnetismus“ und des „Rapports“, der zwischen dem Patienten und dem Kosmos herrsche. Armand de Chastenet de Puységur veröffentlicht im Jahre 1784 seine Beobachtung, dass eine mesmerische Behandlung einen schlafartigen Zustand auslöst, den „provozierten Somnambulismus“. Daran entwickelt Tardy de Montravel 1785 mit seinem Essau sur la théorie du somnambulisme magnétique. Infolgessen verbreitet sich das Konzept auch in Deutschland, vor allem, nachdem der Chirurg James Braid 1843 den Begriff der Hypnose entwickelt. Auch in der Literatur wird das Motiv der Schlafwandelei aufgegriffen, etwa in Kleists Prinz Friedrich von Homburg (1810) oder in der Oper, beispielsweise in Bellinis La somnambula (1831). In diesen Zusammenhang gehört auch Wirths Arbeit.

Zunächst entwickelt Wirth im ersten Hauptstück seiner Abhandlung eine Entwicklungsgeschichte des Somnambulismus: Der menschliche Geist gelange über die Ekstase und deren Überwindung zum Christentum. Demgemäß überwinde auch die Philosophie den Somnambulismus. Im zweiten Hauptstück betrachtet Wirth den Somnambulismus als Krankheit des Leibs und der Psyche. Im dritten Hauptstück wendet sich Wirth den einzelnen Formen des Somnambulismus zu. Besonders interessant ist das zweite Kapitel, in dem sich Wirth kritisch mit Nebengebieten des Themas befasst, die heute ins Feld der Parapsychologie fallen: mit Vorahnungen, der Beziehung der Somnambulen zum Jenseits, dem Geistersehen, der Existenz von Schutzgeistern und der Besessenheit.

Quellen

  • Wirth, Johann Ulrich. In: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 533–534, digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wirth,_Johann_Ulrich&oldid=- (19.7.2020)

Bibliographie

  • Wirth, Johann Ulrich: Christus, der Sohn Gottes. Bemerkungen zu den Untersuchungen und Streitigkeiten über das Dogma von der göttlichen Würde und Natur Jesu. Nürnberg: Riegel & Wießner 1844
  • Wirth, Johann Ulrich: System der speculativen Ethik, eine Encyclopädie der gesammten Disciplinen der practischen Philosophie. Bd. 1-2. Heilbronn: Drechsler 1841-42
  • Wirth, Johann Ulrich [Nachruf]: Zum Andenken an Johann Ulrich Wirth, Stadtpfarrer in Winnenden: geb. den 17. April 1810, gest. den 20. März 1879, begraben den 23. März 1879. Winnenden: Fetzer, 1879
  • Wirth, Johann Ulrich: Theorie des Somnambulismus oder des thierischen Magnetismus: Ein Versuch, die Mysterien des magnetischen Lebens, […] vom Standpunkte vorurtheilsfreier Kritik aus zu erhellen und zu erklären. Leipzig und Stuttgart: Scheible, 1836
  • Wirth, Johann Ulrich: Die speculative Idee Gottes und die damit zusammenhängenden Probleme der Philosophie: Eine kritisch-dogmatische Untersuchung. Stuttgart: Cotta, 1845
  • Pistorius, David: Geschichte der Stadt Winnenden und der umliegenden Orte, hrsg. v. Johann Ulrich Wirth. Winnenden: Fetzer, 1850