Karl Simrock in Winnenden

Zum Autor

Der Bonner Dichter, Philologe und Mediävist Karl Simrock ist insbesondere durch die Übersetzung des Nibelungenliedes im Jahre 1827 sowie durch die Übertragung und Herausgabe der Gedichte von Walther von der Vogelweide bekannt geworden (1833). Als Mitglied der „Berliner Mittwochsgesellschaft“ war Simrock in ein weitgespanntes Netz von Dichtern und Gelehrten eingebunden. Befreundet war Simrock sowohl mit den Berliner Romantikern (Adelbert von Chamisso und Friedrich de la Motte-Fouqué) als auch mit den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm und Vertretern des Vormärz (Ferdinand von Freiligrath).

Karl Joseph Simrock

Bezug zu Winnenden

Karl Simrock war Goedeke zufolge durch den österreichisch-italienischen Krieg so beunruhigt, dass er in „tiefe Melancholie“ verfiel (Goedeke, S. 556) und von seiner Familie 1859 zur Behandlung in die Heilanstalt Winnenthal gebracht wurde. Offenbar schlug die Therapie an, denn Goedeke merkt noch an: „Frisch und gekräftigt kehrte er nach Bonn zurück.“ Offenbar waren psychische Erkrankungen bei den Simrocks nicht selten: Auch Simrocks Tochter Dorothea wurde später entmündigt und in einer Heilanstalt untergebracht. Auch sein Biograph Nicolaus Hocker (Hocker, 1877, 132) führt Simrocks Leiden auf die Furcht vor einem Krieg mit Frankreich zurück; es bleibt allerdings offen, inwiefern das Zeitgeschehen tatsächlich zu Simrocks Erkrankung beigetragen hat oder gar dessen Ursache war. Heinrich Düntzer sieht „rastlose Thätigkeit“ als Ursache der „Geistesstörung“ Simrocks; er führt an, Albert Zeller habe „Blutarmuth und Ueberarbeitung“ diagnostiziert. Wie schwerwiegend die Erkrankung aus der Sicht des Umfelds war, ist unklar: Hocker führt aus, Simrock sei „weder am Geist noch am Gedächtniß“ beeinträchtigt gewesen. Auch Düntzer urteilt zurückhaltend, weist aber auf einen Verarmungswahn hin: „Der Kranke hatte nur die einzige Wahnidee, es werde ihm an Mitteln zu seinem Auskommen finden.“ Hocker erwähnt auch einen Besuch Uhlands bei Simrock, den auch Düntzer erwähnt: „Sehr erfreulich war ihm ein Besuch Uhlands, der ihn gar nicht krank finden wollte und scherzhaft meinte, man müsse die einsperren, die ihn für krank erklärt“ (Düntzer, 1876, S. 18). Nach Düntzer arbeitet Simrock in Winnenthal an der zweiten Auflage seiner Übersetzung des Parzival und des Titurel, die 1861 bei Cotta erscheint. Das meldet auch die Warschauer Zeitung, die ferner berichtet, man wisse „[a]us zuverlässiger Quelle, daß Simrock in seinem freundlichen Zimmer zu Winnenthal, der wohlbekannten Anstalt für heilbare Irren … in freiester Bewegung an der zweiten Ausgabe seines Parcival arbeitet“. Noch während seines Aufenthalts besucht er seine Verleger in Tübingen und Stuttgart, Uhland, Keller und Holland. Kurz nach Neujahr besuchen ihn seine ältesten Töchter, die abwechselnd bei ihm bleiben. Düntzer berichtet von Ausflügen in die nähere Umgebung. Am 8. Mai kehrt er zurück nach Bonn, allerdings ohne Eile. Düntzer zufolge befürchtet Simrock, er werde auch als Genesener mit „mit besonderer, fast zweifelnder Neugierde“ betrachtet. Von Simrocks Tochter Agnes ist ein Besuch bei Familie Zeller bekannt, nachdem Simrock bereits abgereist war. Simrocks 1864 erschienene Erzählung Der gute Gerhard von Köln (1864) ist „Herrn Obermedicinalrath Albert von Zeller in Winnenthal gewidmet“.

Bühler, Heinrich: Winnenthal (ca. 1860), Lithographie: Sepia, weiß gehöht ; Bildgr. 18,1 x 28,9 cm, Blattgr. 28,1 x 37,8 cm; WLB, Signatur: Schef. qt.11275 (Erscheinungsort: Ludwigsburg)

Verweise

Literatur

  • Goedeke, Karl: Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen, Dresden: Ehlermann, 1891, 2. Aufl., XIII, 8, 6, S. 556
  • Hocker, Nicolaus: Carl Simrock: Sein Leben und seine Werke. Leipzig: Siegismund & Volkening, 1877
  • Düntzer, Heinrich: Erinnerungen an Karl Simrock. In: Monatsschrift für rheinisch-westfälische Geschichtsforschung und Althertumskunde, hrsg. v. Richard Pick, 3. Jg., 1876, S. 17 f.
  • Warschauer Zeitung, 1860, Nr. 272, 15-27.11.
  • Krankenakte Karl Simrocks im Hauptstaatsarchiv Ludwigsburg, F 235, II und III

Internetquellen