Hermann Kurz und die Kauslers

Die Familien Caspart und Kausler in Winnenden

Neben dem Kronenbrunnen, der heute wieder als Replikat den Kronenplatz ziert, wohnt um 1835 die Professorenwitze Adelheid Caspart, eine geborene Kausler. Ihr im Vorjahr vestorbener Mann war der Heilbronner Gymnasialprofessors Christian Friedrich Gottlob Caspart (1796-1834). Gegenüber befindet sich die Metzgerei Schmalzried. Adelheid Caspart, ihre Tochter ist Marie Caspart, steht in einem Briefwechsel mit Eduard Mörike. Unweit davon, beim heute nicht mehr existierenden Bäcker Unkel, wohnt Großmutter Kausler. Sie erhält regelmäßig Besuch von Eduard Kausler, dem 1801 in Winnenden geborenen Historiker und Philologen. Auch Rudolf Kausler (1811-1874), Dichter und Vikar in Buoch, ist öfters zu Besuch.

Eduard von Kausler

Eduard von Kausler kommt am 20.8.1801 in Winnenden zur Welt. Er studiert in Tübingen, Göttingen und Berlin Jura und mittelalterliche Philologie. 1826 wird er als Archivar am Staatsarchiv zu Stuttgart angestellt. Kauslers Hauptwerk ist das Wirtembergische Urkundenbuch, das er redigiert und 1849–71 veröffentlicht. Auch die Denkmäler altniederländischer Sprache und Literatur (3 Bde., 1840–66) sind ein wertvoller Beitrag. Auch die kleineren Arbeiten sind verdienstvoll.


Bild: Georg Engelbach: Hermann Kurz, Lithografie, 1843

Hermann Kurz

1835 trifft auch Rudolf Kauslers Studienfreund, der Schriftsteller Hermann Kurz in Winnenden ein. Er hat das Pfarramt aufgegeben, um Schriftsteller zu werden. Die Familien Caspart und Kausler heißen den Gastfreund willkommen. Teils in Winnenden, teils in Buoch schreibt er Schillers Heimatjahre. Auch am Heinrich Roller arbeitetet er, das Manuskript erscheint Cotta jedoch nicht königstauglich; der Verleger lehnt es ab. Der kleinen Marie Caspart, die gerade fünf ist. widmet er die Dichtung Das Waldfegerlein. Allerdings zahlt sich die Arbeit über Schiller nicht aus, der Hof nimmt Anstoß an der kritischen Haltung zu Karl Eugen. Kurz zieht wieder zurück nach Stuttgart, wo er jedoch immer mehr in Bedrängnis gerät. 1839 lädt ihn sein Freund Rudolf Kausler dazu ein, sich doch in Winnenden niederzulassen. Kurz folgt der Einladung und findet in Winnenden die Ruhe, die er zum Übersetzen braucht. Immer wieder trifft er sich mit Kausler in der Storchenwirtschaft oder liest Marie vor.

1840 widmet er der nun zehnjährigen Marie das Gassenfegerlein. Noch 1846 erwähnt er Winnenden in Der Sonnenwirt. Heute erinnert das Buocher Heimstmuseum im früheren Gasthof Hirsch Hirsch (Eduard-Hiller-Straße 6) die ständige Ausstellung „Dichter in Buoch“ an die Freundschaft zwischen den Schriftstellern Rudolf Kausler, Hermann Kurz und Berthold Auerbach. In der Stuifenstraße 21 befindet sich das Pfarrhaus mit der Wohnung von Rudolf Kausler.

Rudolf Kausler


Bild: Rudolf Kausler

Der gebürtige Göppinger Rudolf Kausler (1811-1874) und Hermann Kurz waren Studienfreunde aus Tübinger Tagen. Kausler war drei Jahre als Vikar in Buoch bei seinem Onkel tätig, dem Buocher Pfarrer Maximilian Reinfelder. Eine schriftstellerische Karriere hatte sich ebensowenig verwirklichen lassen wie eine wissenschaftliche Laufbahn, es blieb bei verstreuten Aufsätzen – ein bei Krabbe in Stuttgart erschienener Erzählband Kauslers mit überwiegend historischen Erzählungen ist jedoch erhalten. Außer mit Mörike, der ihm später ein Engagement für das Beiblatt Salon der Metzlerischen Frauenzeitung zu vermitteln suchte, war Kausler auch mit Berthold Auerbach (1812-1882) in Kontakt. Der Verfasser der Schwarzwälder Dorfgeschichten war Ende des Jahres 1837 zu Besuch bei seinen Freunden in Buoch. Isolde Kurz, die Kausler nicht persönlich kannte, beschreibt den Freund des Vaters so:

Auch Rudolf Kausler, der Mann mit dem feinen leidenden Schillerkopf, war ein geborener Poet, aber eine jener Naturen, die so tief ins poetische Element versinken, dass sie fast unfähig werden, es zu formen. Er hat später als Nachzügler der Romantiker in einer von der Romantik abgekehrten Zeit ein paar feine stille Novellen geschrieben, die im Lärm des Jungen Deutschlands verhallt sind. Eine edle, ebenso zarte wie feste ureigene Persönlichkeit, die verdient hätte, als Vorbild weithin sichtbar dazustehen und die nichts erreicht hat, als was sie in sich selbst besass. Ihm ist das Lebenslos noch viel karger gefallen als seinem Freunde Hermann Kurz, denn ihm gelang es nicht, sein Wesen in dauernder Gestalt vor die Nachwelt zu bringen, und für seine hohe Kultur hatte das arme Land keine bessere Verwendung als eine Dorfpfarrei, wo er ein einsames, fast schattenhaftes Dasein führte. Es ist ein Mangel dieser Blätter, dass ich dem Freunde seiner Jugend, der meines Vaters zweites Ich gewesen, nicht durch persönliche Erinnerung besser gerecht werden kann. Ich habe Rudolf Kausler nie mit Augen gesehen, obgleich er meinen Vater um ein Jahr überlebte. So weltflüchtig war der stille Weise geworden, dass er sein Stötten oder Klein-Eislingen nicht mehr verliess, uns zu besuchen. Die vielen Enttäuschungen seines Lebens hatten ihn zum Einsiedler gemacht; besonders gegen Tübingen, wo wir in den letzten zehn Lebensjahren meines Vaters wohnten, hegte er einen unüberwindlichen Groll. Seine Briefe sind aus dem Nachlass meines Vaters verschwunden, so kenne ich ihn eigentlich nur aus denen, die mein Vater an ihn gerichtet hat. Ich weiss, dass Hermann Kurz als Jüngling bei Kauslers Mutter und Schwester einen Ersatz für die eigene frühe verlorene Heimstätte fand; den Tod der ersteren hat er in einem schönen Gedichte besungen, das, so viel ich weiss, nirgends gedruckt ist. An Kauslers Nichte, Marie Kaspert, ist das liebliche Märchen vom »Wald- und Gassenfegerlein« gerichtet. Kausler starb als pensionierter Pfarrer im November 1874 zu Stuttgart; meine Mutter war bei seinem Ende zugegen. Sie erzählte von seiner Sterbenacht, wie, als man nach schwerem Kampfe schon den Frieden des Todes gekommen glaubte und alles sich zurückzog, plötzlich zum Schrecken der Anwesenden aus dem Sterbezimmer noch ein langer, letzter Seufzer ertönte – es war der Epilog eines grossangelegten, in der Enge erdrückten Lebens.

Text: Hermann Kurz: An R. K.

Der Text entsteht in der Zeit des Umzugs nach Stuttgart, wo sich Kurz, nachdem er aus dem Kirchendienst aussteigt, als Übersetzer, freier Schriftsteller und Journalist seinen Unterhalt verdient. Es wäre möglich, dass der Text auf seinen Winnenden-Aufenthalt zurückgeht. Auch in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ hat er Kausler („Ruwald“) und sich selbst („Cäerulus“) ein Denkmal gesetzt. Das Sonett entwirft im ersten Quartett ein Bild drangvoller Enge auf einem Markt; das zweite Quartett schildert die Begegnung des lyrischen Ichs mit einem Freund, mit dem er sich „aufwärts“ flüchtet. Das erste Quartett entwickelt die Möglichkeit, die Menge von oben zu betrachten; vernünftiger ist es jedoch, die gewonnene Höhe zur Selbsterweiterung zu nutzen: „Uns winken Bücher, ein Gespräch voll Laune, / Und ein bescheidner Wein, es zu erneuern“ (Z. 13.-14).

Quellen

  • Kurz, Isolde: Hermann Kurz: Ein Beitrag zu seiner Lebensgeschichte. München und Leipzig: Georg Müller, 1906
  • Börner, Gotthold: Winnenden in Sage und Geschichte. Winnenden: Selbstverlag, 1923
  • Fischer, Hermann: Kurz, Hermann. In: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 425–426, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kurz,_Hermann&oldid=- (19.7.2020)

Stälin, P.: Nekrologe Ed. v. Kausler’s. In: Würtembergischer Staatsanzeiger, Jahrg. 1874, Nr. 85, S. 573 u. Germania von Pfeiffer-Bartsch, Bd. XIX. 1874, S. 242–244.