Winnender Literatur: Vom Kaiserreich zum Dritten Reich

Nach der Reichsgründung 1871 beginnt für Winnenden  ein neues Zeitalter. Die Meilensteine des Fortschritts sind der Anschluss Winnendens an die Murrbahn im Jahr 1876, die Gründung der Winnender Ziegeleiwarenfabrik und die Elektrifizierung. Die Industrialisierung nimmt zunehmend Schwung auf, die Stadt wächst rasant. Während Winnenden sich zunächst weitgehend um die Stadtachsen entwickelt, entlang der Markstraße und der Mühltorstraße wächst, kommen neue Wohngebiete hinzu - vor allem die Bahnhofsvorstadt mit ihen historisierendem Fassadenschmuck. Durch Telegraphie und Eisenbahn ist Winnenden nun stärker ans Weltgeschehen angeschlossen; so hält beispielwweise Burenoberst und Autor August Schiel Kontakt in seine Jugendheimat. Um die Jahrhundertwende macht sich der Jugendstil in Winnenden bemerkbar, Panoramen und Kinematographen spiegeln die große Politik ins kleine Städtchen.

Auch die literarische Produktion, bis dahin von religiösem Schrifttum dominiert, nimmt an Bedeutung zu, vor allem durch die Gründung des Winnender Verlags Müllerschön und die „Zentralstelle zur Verbreitung guter deutscher Literatur“. Mit Cornelie Lechler hat Winnenden seine erste hauptberufliche Autorin. Die Heilanstalt bleibt bedeutend: Hermann Hesse wird dort untersucht, der schreibende Amokläufer Ernst Wagner ist dort Patient. Auch Honoratioren wie der Oberlehrer Gotthold Börner und der Anstaltslehrer Immanuel Beck greifen zur Feder. Letzterer wird sich im Gegensatz zu Winnendens bekanntestem Autor, dem George-Verleger Robert Boehringer, von den Nationalsozialisten vereinnahmen lassen. Aus Winnenden stammt auch der Vorsitzende des NS-Studentenbunds, Gerhard Rühle; er wirkt jedoch nicht vor Ort.