Reiselyrik

Zur Einführung

Wenn einer eine Reise tut – dann gehört es fast schon zum guten Ton, davon zu erzählen. Vorbei sind zwar die Tage nicht enden wollender Diaabende, aber Reiseberichte und Reiseromane werden nach wie vor geschrieben. Es ist verständlich: Wer aus der Ferne zurückkehrt, legt Rechenschaft ab für die Daheimgebliebenen. Der Entdeckungsreisende schildert seine Entdeckungen. Der Wallfahrer bekundet, welche Heiligtümer dem Seelenheil besonders zuträglich sind. Der Auswanderer verrät anderen, wie man sich anstellen soll in der Fremde. Der Tourist beruhigt Oma, das Wetter sei gut gewesen und das Essen auch. Aber Gedichte schreiben - wozu? Für praktische Erläuterungen sind sie zu kurz. Unterhaltsam sind sie in aller Regel auch nicht.

Wer immer nur ans Publikum denkt, wird Mühe haben, dieses Rätsel aufzuklären. Reisen führt zu neuen Erfahrungen, zu Gefühlen: zu Glück, Wut und Trauer; zu überschäumender Freude und tiefer Melancholie. Um diese Erfahrungen nachvollziehbar zu machen, schreibt man Gedichte. Für sich und andere. Natürlich wird es auch genug Lyriker geben, denen zu Hause nichts einfällt, die aber dennoch ihren nächsten Lyrikband füllen mögen – geschenkt! Gedichte haben unschätzbare Vorteile, wenn es darum geht, Reiseerfahrungen festzuhalten. Erstens: Gedichte lassen sich so rasch aufsetzen, dass sie gewissermaßen Fotos nach innen sind – sie halten eine flüchtige Erfahrung fest. Zweitens: Gedichte sind so dicht, dass sie auf engstem Raum eine Vielzahl von Erfahrungen festhalten können. Drittens: Gedichte bieten uns die Freiheit, für das Fremde unsere eigene Sprache zu finden. Viertens: von Gedichten will niemand wissen, ob das Essen gut war und die Hotelbetten bequem. Denn, fünftens: das Sprechen in Versen verleiht unserer Reise würde. Es ist, sechstens, sogar völlig gleichgültig, ob die Reise jemals stattgefunden hat. Reisegedichte erinnern uns an die Tatsache, dass wir allesamt Reisende sind, Fahrgäste im selben Zug, wenn auch nicht im selben Coupé.

Warum eigentlich Reiselyrik lesen? Dafür kann es auch im Zeitalter des Selbstreisens viele Gründe geben.

  • Zum einen, um sich zu erinnern, was Heimat bedeuten kann und Fremde – und vor allem: Heimatlosigkeit. Insofern kann das Lesen von Reisegedichten dabei helfen, Mitgefühl für die Flüchtigen, Vertriebenen und Unbehausten dieser Welt zu gewinnen, aber auch für die Zurückgelassenen und Zurückbleibenden – für Fernweh, Heimweh, Sehnsucht.
  • Zum anderen schulen Reisegedichte den Blick und das Reflexionsvermögen: Was sehe ich, wenn ich reise – und aus welcher Sicht? Worauf hoffe ich beim Reisen? Warum bin ich enttäuscht?
  • Reisegedichte schulen die Stimme für das Sagbare und manches Unsagbare: Wie spricht man über das Erfahrene? Welche Möglichkeiten bieten sich?
  • Reiselyrik schult ferner das kritische Denken und die Widerständigkeit gegen Stereotype: Welche Bilder werden uns verkauft? Wie können wir eigene Ansichten gewinnen?
  • Reisegedichte sind Dokumente der Verkehrsgeschichte: Sie belegen den Wandel der Einstellungen zu Eisenbahn, Automobil oder Flugzeug.
  • Reisegedichte sind überdies gute Reisegefährten und vertreiben die Einsamkeit, die sich auf Reisen zuweilen einstellt: Sie erinnern uns daran, dass Reisende vor uns ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
  • Reisegedichte sind Denkmäler, die uns als Reisende an die Würde des Augenblicks erinnern und an dessen Einzigartigkeit, die unwiederbringliche sinnliche Erfahrung.

Unterrichtsideen: Kreativer Umgang mit Reiselyrik

  • Phantasiereise: Die SuS gestalten eine lyrische Phantasiereise, die dann in Partnerarbeit präsentiert wird.
  • Postkarten-Gedicht: Die SuS schreiben aus der Studienfahrt ein Reisgedicht zu vorgegebenen Augenblicken der Reise.
  • Lyrische Wanderung: Die SuS erhalten je ein Wandergedicht, das sie im Laufe der Wanderung vortragen. Auch Wanderlieder wären möglich!
  • Höhenblick: Der Kurs besteigt einen Berg oder Hügel (andernfalls: ein höheres Gebäude) und beschreibt die Besteigung in einem Gedicht.
  • Reisestationen: Die SuS besuchen einen Bahnhof (Flughafen) und halten in kurzen lyrischen Skizzen ihre Beobachtungen zu den Reisenden fest.
  • Abschied: Die SuS schreiben ein Abschiedsgedicht, mit dem sie sich von ihrer Schule (dem Ort) verabschieden.
  • Urian: Die SuS inszenieren in Sechser-Gruppen „Urians Reise um die Welt“ von Matthias Claudius.
  • Migrationsgedicht: Die SuS finden eine Person mit aktuellem Migrationshintergrund (oder eine geflüchtete oder vertriebene Person) und schreiben ein Gedicht über a) das Ankommen in Deutschland, b) den Abschied aus der Heimat.
  • Souvenir: Die SuS bringen ein Reiseandenken mit und verfassen dazu ein Dingegedicht.
  • Lyrischer Spaziergang: Die SuS begeben sich zu zweit auf dem Schulgelände auf einen Spaziergang, auf dem sie reimend eine Unterhaltung führen.
  • Reisekatalog: Die SuS besorgen sich Reisekataloge und stellen aus dem sprachlichen Material ein Gedicht her.
  • Auftragsgedicht: Die SuS verfassen im Auftrag eines Reisebüros ein Gedicht zum Thema „Einladung zum Reisen“. Das beste Gedicht wird prämiert!
  • Bahn-Fahrt: Die SuS bekommen in der S-Bahn so lange Zeit, ein Gedicht zu verfassen, bis die Fahrt beendet ist.
  • Reise nach Jerusalem: Die SuS spielen Reise nach Jerusalem, solange ein Reisegedicht rezitiert wird; alle ausgeschiedenen SuS stimmen in das Gedicht ein.
  • Insta-Gedicht: Die SuS greifen ein Reisemotiv aus Instagram auf und verfassen dazu ein kommemtierendes Gedicht.
  • Autogedicht: Die SuS verfassen Autogedichte und klemmen sie den Lehrkräften hinter den Scheibenwischer (mit Bitte um Rückmeldung).
  • Reisekritik: Die SuS sehen sich eine Tourismuswerbung auf YouTube an und verfassen dazu ein Gedicht.

Erschließungsfragen zur Reiselyrik

Reisegedichte lassen sich behandeln wie Gedichte aus anderen Themenkreisen. Als Hilfestellung zur genaueren Analyse des jeweiligen Motivs sind folgende Fragen gedacht:

  • Fiktionalität: Ist die geschilderte Reise eine zielgerichtete Reise mit festem Ausgangspunkt? Oder handelt es sich um eine imaginäre Reise, eine Traum-, Gedanken- oder Seelenreise?
  • Reisezweck: Welchem Zweck dient die Reise? Der Erholung? Der Befreiung? Der Erkundung? Der Selbsterkundung? Der Flucht? Wird der Zweck erreicht?
  • Sprechsituation: An wen wendet sich der Sprecher? An sich selbst? An einen Reisegefährten? An ein unbestimmtes Du? An ein konkretes Gegenüber? Welches Ziel verfolgt der Sprecher?
  • Form: Inwiefern färbt der Reiseverlauf auf die formale Gestaltung des Texts ab? Welche sprachlichen Mittel wurden gewählt?
  • Haltung zum Reisen: Wie stellt sich der Sprecher zum Reisen: Begrüßt er das Reisen oder verurteilt er es? Aus welchen Gründen? Verändert sich die Haltung im Verlauf des Texts?
  • Zeit: Welchen Standpunkt wählt der Sprecher: Schaut er voraus auf die erst beginnende Reise, spricht er während des Reisens oder blickt er auf eine Reise zurück?
  • Geschichte, Geschlecht, Kultur: Auf welche historischen Gegebenheiten bezieht sich der Text? Inwiefern ist der Text aus seiner Zeit heraus (anders) zu verstehen? Sind Geschlechtsrollen von Bedeutung? Wird die kulturelle Prägung des Texts deutlich?
  • Fortbewegung: Welche Fortbewegungsart wählt der Sprecher? Wandert er? Fährt er? Fliegt er? Inwiefern hat die Fortbewegungsart Einfluss auf die Form des Texts?
  • Perspektive: Welchen Blickwinkel nimmt der Sprecher ein? Was lässt sich über seine Blicklenkung sagen? Inwiefern ist der Blick vom Reisemittel beeinflusst?
  • Raum: In welchen Gegenden ist der Sprecher unterwegs? Was sagt die Wahrnehmung der Umgebung über den Sprecher aus?

Reiselyrik: Chronologie

-750c

Homer: Odyssee: Der von Poseidon an der Heimkehr nach Ithaka gehinderte Odysseus wird zum Symbol des Irrfahrers. An sie (und die Ilias) lehnt sich Vergils Aeneis an.

-250c

Apollonios von Rhodos: Argonautika: Die Meerfahrt der Argos unter Jason ist das Urbild der Heldenfahrt, die zur Erlangung eines kostbaren Guts führt (in diesem Fall: des goldenen Vlieses). 

830c

Santiago da Compostela wird zum Wallfahrtsort. Allerdings wird erst im 11. Jahrhundert die Pilgerfahrt (auch nach Rom und ins Heilige Land) in der Christenheit üblich. Die Attribute der Pilgerschaft (Jakobsmuschel, breitkrempiger Hut, Pilgermantel, Beutel und Flasche sowie der Pilgerstab) werden bis in die Gegenwart zitiert.

1095

Urban II. ruft zum ersten Kreuzzug auf: Die Lyrik des Mittelalters behandelt oft das Motiv des Ritters, der sich auf einen Kreuzzug begibt und die Minneherrin zurücklässt.

1204

Venedigs Macht hat mit der Plünderung Konstantinopels im IV. Kreuzzug ihren Höhepunkt erreicht. Die Adelsrepublik beherrscht als bedeutende Handelsmacht die Handelsströme im Mittelmeer. Als Modell des Verfalls wird die Serenissima für die deutsche Lyrik des ausgehenden 19. Jahrhunderts interessant.

1336

Der italienische Humanist Francesco Petrarca besteigt den Mont Ventoux in der Provence: Die rhetorische Ausarbeitung dieser Bergbesteigung, die in einer Augustinus-Lektüre gipfelt, macht Petrarca zum geistigen Begründer des Alpinismus, der sich als Bewegung erst um 1850 herum konstituiert. Mit dem Augustinus-Zitat aus den Confessiones wird er zudem zum Begründer der Reisekritik: „Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“

1440c

Die Roma erreichen Mitteleuropa: Auch vorher schon gab es wandernde Händler und Handwerker, doch keine andere Gruppe der Fahrenden wird in Gedichten so verklärt wie die „Zigeuner“ – im Widerspruch zur realen Diskriminierung, der sie vielfach bis heute ausgesetzt sind.

1492

Nach den Entdeckungsfahren Portugal entdeckt der Genueser Columbus für die vereinigten Kronen Spaniens Amerika und wird damit für spätere Lyriker zum Sinnbild des Entdeckers, der Wege ins Ungewisse beschreitet. Über den Weltumsegler Magellan und den Afrika-Umrunder Vasco da Gama gibt es dagegen kaum Gedichte.

1618-1648

Der Dreißigjährige Krieg führt zu ungeheurem Leid, zu Flucht und Vertreibung: In der barocken Reiselyrik werden Reisen werden oft allegorisch als Lebensreisen gedeutet, die den Sprecher aus dem unerträglichen Diesseits retten. Häufig ist die rhetorisch geformte Reiselyrik des Barocks auch an die jeweilige Mission der zumeist adeligen Verfasser gebunden. --- Nach dem Krieg nimmt die Zahl der jungen Adeligen zu, die sich auf eine Kavaliersreise begeben – auch in England endet der Bürgerkrieg und junge Gentlemen begeben sich auf die Grand Tour.

1729

Albrecht von Hallers Die Alpen verändert den Blick auf das Hochgebirge, das wegen seiner dramatischen Naturschönheit im 18. Jahrhundert auch vermehrt zum Reiseziel mit Eigenwert wird.

1731

Die vom Kaiser ratifizierte Reichshandwerksordnung modernisiert das Handwerk und führt in vielen Gewerben dazu, dass die Walz zunehmend an Bedeutung verliert. Zahlreiche Volkslieder geben Einblick in die Umstände der später verklärten Gesellenwanderung, die etwa bei Zimmerleuten auch heute noch praktiziert wird. --- Etwa 20.000 Salzburger werden des Landes verwiesen und infolgedessen heimatlose Exulanten.

1750c

Mit dem Ausbau des Postkutschennetzes und technischen Verbesserungen an den Kutschen selbst werden Postkutschen zur echten Alternative zum Pferd. Gleichzeitig wird mit dem Aufkommen des Spaziergangs (zum Beispiel im neu angelegten englischen Landschaftsgarten) eine neue Langsamkeit gepflegt.

1775

Johann Gottfried Herder sammelt und veröffentlicht Volkslieder. Die von ihm angeregte Beschäftigung mit Volksüberlieferungen, unter anderem mit der Ossian-Dichtung Macphersons, beeinflussen sowohl die Lyrik des Sturm und Drang als auch ab 1798 die Romantiker.

1778

Die deutsche Fassung von Georg Forsters A Voyage Round The World wird in Berlin veröffentlicht. Forsters Weltreise mit James Cook hinterlässt Spuren auch in der Literatur.

1786

Johann Wolfgang von Goethe erreicht Italien und bleibt bis Mai 1788. Seine Reisetagebücher werden in den Jahren 1813-17 zur Italienischen Reise verarbeitet, auf die sich viele spätere Italienreisende beziehen. Seit Winckelmanns Rom-Aufenthalt im Jahr 1755 entwickelt sich eine Begeisterung für die griechische Antike, die im Klassizismus mündet (und in der literarischen Klassik).

1804

Alexander von Humboldt und sein französischer Reisegefährte Bonpland betreten in Bordeaux wieder europäischen Boden. Mit seinem dreißigbändigen Reisewerk wird Humboldt zum bedeutendsten deutschen Forschungsreisenden. --- In Heidelberg greifen Achim von Arnim und Clemens Brentano (ab 1796) Anregungen der Jenaer Frühromantik auf und entwickeln mit Joseph von Eichendorff den Ton der Hochromantik, spürbar in einer Fülle von Wanderliedern und lyrischen Traum- und Gedankenreisen. 

1827

Karl Baedeker gründet den ersten deutschen Verlag für Reisehandbücher. Der „Baedeker“ gilt seitdem als Reiseführer schlechthin. Erstmals verfügen Reisende über systematisch zusammengestellte Informationen zum Reiseziel – und über Wissen darüber, was als sehenswert gilt.

1831

Heinrich Heine lässt sich als Emigrant in Paris nieder und wird zum Dichter der Heimatlosigkeit. Viele politische Reisegedichte beziehen sich direkt oder indirekt auf Heine, der die Sehnsuchtsmotivik der Romantiker aufgreift und mit ironischem Weltschmerz bricht.

1835

Die Inbetriebnahme der Ludwigsbahn zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet das Eisenbahnzeitalter. Erstmals sind Massenreisen mit hohen Geschwindigkeiten möglich, die allerdings mit ganz gehörigem Lärm einhergehen. Damit ist der Untergang der vorindustriellen Reisekultur zum Gegenstand der Lyrik des Biedermeier geworden.

1841

Thomas Cook veranstaltet die mutmaßlich erste touristische Pauschalreise. Damit entsteht eine touristische Infrastruktur, die sich bald nach Kontinentaleuropa ausdehnt. 

1848

Die gescheiterte Märzrevolution und eine Verschärfung der Zensurbestimmungen führen zu einer Zunahme der Auswanderung in die USA, nach Brasilien und Australien. Schon vorher entstehen Auswandererlieder („Heil dir Columbus, sey gepriesen“). 

1851

Zwischen Berlin und Deutz am Rhein verkehrt der erste Schnellzug, wenig später folgt der erste Nachtzug von Berlin nach Bromberg.

1863

Carl und Louis Stangen eröffnen ihr Breslauer Reisebüro und importieren damit den Gruppentourismus nach Deutschland. In der Lyrik werden bald erste Bedenken gegen den massenhaften Fremdenverkehr laut.

1884

Mit der Inbesitznahme der Lüderitzbucht im heutigen Namibia beginnt für das Deutsche Reich das Kolonialzeitalter. Die Tropen sind erstmals greifbar nah und werden zum Gegenstand exotistischer Lyrik, beispielsweise bei Max Dauthendey.

1886

Die Erfindung des Automobils durch Gottlieb Daimler und Carl Benz führt zu neue Reisemöglichkeiten im Individualverkehr. Die Verbesserung der Verkehrsnetze und der Beförderungsmittel durch industriell gefertigte Technik macht das Reisen technischer, massenkompatibler und schneller, was sich in der Lyrik des Naturalismus und besonders des Expressionismus bemerkbar macht.

1891

Albert Ballin entsendet die Augusta Victoria zu einer Vergnügungsreise ins Mittelmeer – und erfindet damit gewissermaßen die touristische Kreuzfahrt.

1896

Angeregt durch Ideale der Romantik gründet sich in Steglitz die Wandervogel-Bewegung. Um die Jahrhundertwende wird auch FKK populär, die Freikörperkultur. Die Sehnsucht nach Naturerlebnissen jenseits elektrifizierter Großstädte wirkt sich auf die Neuromantik aus.

1909

Mit der Deutschen Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft (DELAG) wird die erste Fluggesellschaft der Welt gegründet – das kurze Zeitalter der Zeppeline beginnt. --- Hans Breuer veröffentlicht 1909 die Volksliedsammlung Der Zupfgeigenhansl, die zum musikalischen Begleitbuch der Wanderbewegung wird.

1919

Mit der Gründung der Deutschen Luft-Reederei setzt in Deutschland ein regulärer ziviler Luftverkehr ein.

1929

Werner Helwig, Mitglied des Nerother Wandervogels, komponiert das Lied Trampen wir durch Land. In den Zwanzigern wird das Trampen zur beliebten Fortbewegungsart.

1933

Mit Hitlers Machtergreifung nimmt für viele Deutsche die Notwendigkeit der Emigration zu – erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist eine Rückkehr aus dem Exil möglich. Die für viele traumatische Erfahrung des Exils wird von zahlreichen Emigranten in Gedichten bearbeitet.

1945

Mit der Flucht und Vertreibung verlieren etwa zehn Millionen Deutschen aus den Ostgebieten ihre Heimat. Zahlreiche Lyriker mit Wurzeln in Schlesien, Ostpreußen und Pommern verfassen Gedichte über ihre Entwurzelung.

1950

Der belgische Unternehmer Gérard Blitz richtet auf Mallorca ein Zeltdorf am Strand von Alcúdia ein und begründet damit den Club-Urlaub.

1955

Die Bundesrepublik wird souverän: Das Wirtschaftswunder ermöglicht erstmals auch der Mittelschicht Reisen ins europäische Ausland, vor allem nach Italien.

1961

Mit dem Bau der Berliner Mauer wird vollendet, was die DDR mit der Abriegelung der Grenze zur BRD 1952 begonnen hat: die Reisefreiheit wird abgeschafft.

1963

Der Jahresurlaub wird rechtsverbindlich. --- Josef Neckermann erweitert die Angebotspalette seines Versandhauses um „Urlaubsreisen für Jedermann“ und veröffentlicht 1963 den ersten Reisekatalog.

1968

Unter dem Eindruck der Studentenproteste verändert sich Deutschland: Hippie-Reisende brechen in bewohnbaren VW-Bussen nach Indien auf.

1972

Mehrere europäische Eisenbahngesellschaften führen das Interrail-Ticket ein. Bahnreisen ins europäische Ausland werden auch für Jugendliche und junge Erwachsene bezahlbar.

1973

Tony und Maureen Wheeler veröffentlichen den ersten Reiseführer von Lonely Planet. Der Backpacker wird zur Galionsfigur des Individualtourismus. Gleichzeitig werden Flugtickets für die breite Masse erschwinglich.

1991

Ryanair übernimmt das Konzept der Billigfluggesellschaft aus den USA und macht das Fliegen zum selbstverständlichen Fortbewegungsmittel.

Glossar zur Reiselyrik

Das folgende Glossar geht von den Erschließungsfragen zur Reiselyrik aus und ist nach Motivgruppen gegliedert. Jeder Eintrag versucht (allerdings nicht in aller Konsequenz) weitere Einzelmotive zu unterscheiden und mit Auszügen zu belegen. Wo nötig, sind kulturhistorische Erläuterungen eingestreut.

Abschiedslyrik: Gedichte von Abschied und Aufbruch

Der Abschied von Geliebten gehört zu den häufigsten Motiven der Liebeslyrik seit dem mittelalterlichen Taglied. Auch in der Reiselyrik sind Abschiedsgedichte nicht selten – sie widmen sich dem Abschied von der Heimat, dem Dorf, dem Elternhaus, der Familie oder einem geliebten Menschen. Verabschieden kann man sich außerdem – wie im Volkslied Innsbruck, ich muss dich lassen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts – von einer Stadt: „Innsbruck, ich muss dich lassen, / ich fahr dahin mein’ Straßen, / in fremde Land’ dahin.“ Paul Flemings 1635-1636 in Reval entstandenes Gedicht Als einer von seiner Liebsten verreisete weist typische Elemente eines Abschiedsgedichts auf. Auf Hinweise zu den Gründen des Abschieds folgen Klagen, die sich aus der Trennung ergeben; das Übergeben eines Erinnerungsstücks oder Pfands schließt die Hoffnung auf baldiges Wiedersehen ein. Nicht selten beschwören Abschiedsgedichte auch die fortdauernde Gegenwart des Verlassenen, so etwa in Eichendorffs Abschied von 1810, wo die Erfahrung des Waldes nachwirkt, wenn der Wanderer in die die Zivilisation zurückkehrt: „Bald werd ich dich verlassen, / Fremd in der Fremde gehn, / Auf buntbewegten Gassen / Des Lebens Schauspiel sehn.“ Auch in Eichendorffs Der Jäger Abschied sagt das lyrische Ich dem Wald Lebewohl: „Lebe wohl, / Lebe wohl, du schöner Wald!“. Ganz anders verhält es sich mit dem lyrischen Ich in Wilhelm Müllers Gute Nacht (1823), das bereits in den ersten beiden Zeilen das Verweilen zur bloßen Station erklärt: „Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh’ ich wieder aus.“ Ein „Tüchlein“ winkt in Luise Hensels Scheidegruß dem Wandernden einen Abschiedsgruß zu, dem daraufhin der Abschied erst recht schwer wird: „Oh, wie bitter ist das Wandern, / Wenn eine Seele rückwärts zieht, / Und ein liebes Auge lange / Weinend noch herüber sieht.“ Theodor Kramer beschreibt in Abschied von einem ausreisenden Freund die Gefühlslage des Dableibenden: Der Sprecher hat Hände „wie aus Watte“, er ist „stumm“, „wie erschlagen“ und „wie betäubt“, die Gedanken kreisen um den Fehlenden, der Appetit bleibt aus. Anderen Abreisenden vergeht der Trennungsschmerz jedoch rasch, zukünftiges Ankommen überstrahlt das Leiden am Abschied. Stefan George eröffnet sein Gedicht Verjährte Fahrten (1891) mit einer solchen Überwindung des Abschiedswehs: „Wir jagen über weisse steppen / Der trennung weh verschwand im nu / die raschen räder die uns schleppen / Führen ja dem frühling zu.“ Ein mögliches Thema der Abschiedslyrik sind auch Reisevorbereitungen. Selten handelt es sich dabei um praktische Hinweise, was mitzunehmen und was dazulassen ist. Meist sind es Hinweise, die sich auf die Haltung zum Abschied auswirken. Dazu gehört der Katalog von Anweisungen, den Ingeborg Bachmann in einem ihrer Lieder von einer Insel (1956) formuliert: den Hut mit den eben gesammelten Muscheln, den für die Liebe gedeckten Tisch und die Neige des Weins sollen ins Meer geworfen werden, ehe man „mit wehendem Haar“ abreist. In Vorbereitung einer Reise (1956) empfiehlt Karl Krolow, sich seinen eigenen Abschied zu bereiten, indem man „das Gesicht des Kalenders verhängt“ und sich von einem Handschuh zuwinken lässt. Anders als der freiwillig Abschied Nehmende wird der Exilant zur Flucht genötigt und verliert sein Heimatland – selbst dann, wenn eine Rückkehr wahrscheinlich ist. Der Auswanderer in Nikolaus Lenaus Abschied mit dem Untertitel Lied eines Auswandernden (1832) verbindet die Kritik am Untertanengeist der verlassenen Heimat mit der Hoffnung, am „blütenreichen Strand“ der neuen Heimat die „Götterflamme“ der Freiheit zu finden. In Eichendorffs 1850 entstandenem Fragment Der Auswanderer ist es ein letzter Stoß ins Waldhorn, des Leitinstruments der Romantik, der den Abschiedsschmerz auslöst: „Und als die alte Welt versank, / nahm ich mein Waldhorn und blies Ade, / Das gab einmal einen prächtigen Klang, / Mir aber tats doch im Herzen weh.“

Lyrische Autoreisen

Die Erfindung des Automobils durch Gottlieb Daimler und Carl Benz (Benz’ „Patent-Motorwagen Nummer 1“, 1886) ermöglicht dem Individualreisenden eine betrachtende Reisetätigkeit im Sitzen. Otto Julius Bierbaum verfasst 1903 Eine empfindsame Reise im Automobil, in dem er seine Autofahrt von Prag über Wien nach Italien schildert. Häufig fahren die Autos in den Zehnerjahren noch auf holprigen Landstraßen und mit offenem Verdeck, was naturgemäß gewisse Vorkehrungen mit sich bringt. Nicht ohne Spott schildert Detlev von Liliencron in Ihre Exzellenz die alte Gräfin oben auf der Freitreppe (1909), wie die jungen Komtessen ein Automobil besteigen: „Das Automobil ist vorgefahren. / Und in den geschmacklosen, schrecklichen Schrein / Steigen vier junge Komtessen hinein. / Alle vermummt wie beim Femgericht. / Und gegen Insekten, Staub, Regen und Licht / Tragen sie schwarze Brillen sogar, / Und sind jetzt all ihrer Schönheit bar.“ Geschwindigkeit ist in der Frühzeit des Automobils noch unmittelbar erlebbar, was Oskar Kanehls Auto (1914) mit seinen expressionistisch überspitzten Bildern und Lautmalereien deutlich macht: „Wir fressen das Land. Wie Windswut / fliegt es durch unsern Rachen. / Unsre Köpfe reißen vom Leib. / Uiii uiii / bellt die Sirene.“ Auch das lyrische Ich in Martina Wieds Bewegung (1919) erlebt den Rausch der Geschwindigkeit im scheinbaren Vorbeigleiten der Landschaft: „im Stechschritt schreiten Telegraphenstangen“; im Kontrast dazu steht die Geruhsamkeit eines Schäfers mit seiner Herde, den die Sprecherin als Folge einer Panne länger betrachtet. Die Autofahrt erlaubt es jedoch auch, ungehörige Gedanken zuzulassen, während das betrachtende Schauen an Gewicht verliert. In Ausflug von Joachim Ringelnatz (1928) heißt es: „Im Achtzigkilometertempo prickelten / Uns Phantasien über Tod und Glück, / Und in dem Staub, den wir dabei entwickelten, / Blieb rein Geschautes jämmerlich zurück.“ Bis zur massenhaften Produktion von Autos, begünstigt durch die von Ford ab 1913 eingesetzte Fließbandfertigung, bleibt der eigene Kraftwagen als exklusives Beförderungsmittel höheren sozialen Schichten vorbehalten, ein Umstand, den Bertolt Brecht in Fahrend in einem bequemen Wagen (1937) reflektiert: den „zerlumpten Menschen“ will die Fahrgemeinschaft nicht mitnehmen. Seit den Wohlstandsjahren der Fünfziger gehören Autos zum Straßenbild, Gedichte über Autofahrten werden häufiger. Das Auto wird insbesondere im automobilbegeisterten Deutschland zum Symbol des Wohlstands und der persönlichen Freiheit – erstmals sind Familienausflüge in die weitere Umgebung möglich: Während in ganzen Jahrhunderten vorher Reisegedichte emphatisch aufgeladen werden, entzaubert Erich Kästners Im Auto über Land (1958) den automobilen Familienausflug als Verlagerung alltäglicher Geschäfte in die freie Natur, „[d]ividiert durch viel Benzin“. Das Auto behält jedoch die dominierende Stellung im Individualverkehr, so sehr, dass sich in den Siebzigern auch Sub- und Gegenkulturen des Autos bedienen, um der Enge der Republik in den Süden oder Osten zu entfliehen. Dies belegt Wolf Wondratscheks In den Autos (1976): „Wir waren ruhig, / hockten in den alten Autos, / drehten am Radio / und suchten die Straße / nach Süden“. Nun wird es auch möglich, sich beim Reisen musikalisch begleiten zu lassen, wie das lyrische Ich aus dem anspielungsreichen Gedicht Lieder eines fahrenden Gesellen (1977) von Friedrich Christian Delius zeigt: „Wir fahren Im Radio Lieder / Von Mahler Nach Braunschweig“. Ähnlich wie im Zug ist auch im eigenen Wagen die Umwelt ausgeschlossen, wandelt sich zum Stummfilm, der aus der schützenden Hülle des Automobils heraus wahrgenommen wird. Dieses Motiv greift Nora BossongsAußerhalb (2014) auf: „Zurückgekrümmt in meinem Sitz, leg ich / das Ohr ans Fensterglas: kein Umland hörbar.“ In Günter Kunerts Unterwegs mit M. schafft die Schutzhülle des Wagens einen Raum für Geborgenheit und Sorglosigkeit: Auch „geborstene Wespen am Glas“ und „platzender Regen“ können dem Reisepaar nichts anhaben. Im Gegensatz zur Geschwindigkeitsbegeisterung, die Gedichte aus der Frühzeit des Automobils prägt, ist es gerade das lange und langsame Fahren durch monotone Landschaften, das den Blick trübt und Melancholie heraufbeschwört. Geradezu klaustrophobisch wirkt Jan Wagners Reiseerlebnis in Unterwegs im Nebel (2001): Nebel schränkt den Blick ein, der sich nun ganz auf das Straßengeschehen verengt. Ähnlich zäh wirkt die Fahrt zum Flughafen in Marion Poschmanns der Weg zum Flughafen (2010): „Vorübergezogen // über die Frontscheiben mühen sich / Wälder.“ In Frank Schmitters gegen abend gerieten wir (2013) löst ein Stau eine Rückbesinnung auf die „karawane“ und die ursprünglichen Wanderbewegungen der Siedler aus. Das Gedankenexperiment einer Autofahrt mit Goethe vollzieht Jürgen Theobaldy in Abenteuer mit Dichtung (1973): Der Dichterfürst wird zum Reisegefährten im Geist des Sturm und Drang, trommelt „auf das Armaturenbrett“ und bricht „den Scheibenwischer ab“.

Bootspartien: Vom Zürchersee zu Charons Nachen

Im Gegensatz zu Gedichten über ausgedehnte Meerfahrten befassen sich lyrische Bootsfahrten oft eher mit dem Verweilen auf dem See als mit der Reise an sich. Insbesondere in der Empfindsamkeit wird die im Freundeskreis durchgeführte Bootspartie zur Feier des Freundschaftsbundes in der Natur. Das bekannteste Beispiel ist Friedrich Gottlieb Klopstocks Der Zürchersee (1750), der die gesellige Bootspartie junger Zürcher auf dem Zürichsee schildert. In einer auf den „15. Junius 1775“ datierten Bootsfahrt auf dem Zürchersee fasst Goethe beliebte Motive der lyrischen Bootsfahrt zusammen: Den mit dem Wellengang zusammenfallenden „Rudertakt“, der auch das Metrum beherrscht, und das Motiv der Spiegelung der Welt im Wasser: „Auf der Welle blinken / Tausend schwebende Sterne.“ Friedrich Leopold Graf zu Stolberg nimmt in seinem von Schubert vertonten Lied auf dem Wasser zu singen eine Bootsfahrt zum Anlass, in der Landschaft des Sees seine Meditation über die Vergänglichkeit auszuführen: „Ach, es entschwindet mit thauigem Flügel / Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit. / Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel / Wieder wie gestern und heute die Zeit, / Bis ich auf höherem strahlenden Flügel / Selber entschwinde der wechselnden Zeit.“ Zuweilen wird aus der heiteren Bootspartie eine Fahrt in Charons Nachen: Bootsfahrten, die den Sprecher in der Dunkelheit auf einen See hinausführen, lassen Todesgedanken aufkommen. In Conrad Ferdinand Meyers melancholischem Gedicht Im Spätboot (1882) sind die Anspielungen auf den Charon-Mythos kaum zu überlesen: „Nur der Steurer noch, der wacht und steht! / Nur der Wind, der mir im Haare weht!“. Die einsame Bootsfahrt zeigt die Ferne aller Gewissheiten ebenso auf die die Unentrinnbarkeit des Todes, ein Hintreiben auf das unbekannte Ziel – wie in Christian Morgensterns Auf dem Strome (1897): „Ja, ich reise, ich reise, / weiß selbst nicht, wohin…“. Unverkennbar ist das Charon-Motiv auch in Günter Eichs Im Nebel ertastet der Uferrand (1950), wo der Sprecher sich an Charons „Schattenhand“ in den „Nachen“ führen und zum „Nebelland“ übersetzen lässt. Auch Günter Kunert lässt das lyrische Ich in Unterwegs mit Charon (1990) in „immerhin / unbestimmter Gegend“ ankommen, nachdem er die Reise nicht im Nachen, sondern „in stinkender Kiste“ vollzieht, die er bis zuletzt nicht verlässt: im Sarg?

Erlesene Reisen: Bildungsreisen

Die Bildungsreise beginnt als Kavaliersreise und soll dem Nachwuchs des europäischen Adels die Weltläufigkeit verschaffen, die er auf dem schlüpfrigen Parkett der Höfe benötigt. Im Gefolge des Adels macht sich gegen Ende des 18. Jahrhundert auch der bürgerliche Geldadel auf, die Grand Tour zu absolvieren. Es geht auch um Distinktion: Wer reist, gilt etwas. Dabei reist der Bildungsreisende selten unvorbereitet, hat bereits etwas gelesen, weiß, was sehenswürdig ist und was nicht. Er kennt die Texte anderer Reisender, forscht vor Ort ihren Spuren nach. Er kennt die Geschichte des Orts, kennt ihre literarische Bedeutung. Das Reisegedicht des Bildungsreisenden bietet, teils unverhüllt, teils versteckt, kanonisches Bildungswissen aus. Der Leser vollzieht dieses Spiel mit Anspielungen und Verweisen nach und macht sich zum Komplizen im gelehrten Reisespiel, bei dem Erwartungen bedient werden. August von Platen muss in Venedig „Palladios Tempel“ ebenso erwähnen wie „Venedigs Löwen“, den Dogenpalast mit der Seufzerbrücke und schließlich den Markusplatz, damit der reiseliteraturkundige Leser sich an Canalettos Veduten und ihre Reproduktionen erinnert. Wer nicht über derlei visuelle Erfahrung verfügt und zudem kein einschlägiges Hintergrundwissen vorweisen kann, also kein Mitwissender ist, dem verschließt sich der Text. Auch fremdsprachige Zitate sind in Verbindung mit historischen Anspielungen geeignete Pathosformeln. In Amsterdam (1844) zitiert Louise von Plönnies sowohl die Rolle Amsterdams im Ostindienhandel als auch den französischen Wahlspruch des Hauses Oranien: „Je maintiendrai.“ In der postmodernen Lyrik, die das Verweisspiel mit Zitaten auf den Gipfel treibt, trifft dies ebenso zu. Ingeborg Bachmanns Böhmen liegt am Meer bedient sich ausführlicher Shakespeare-Assoziationen; allein der Titel ruft Shakespeare’s A Winter’s Tale auf: „Bohemia. A desert country near the sea.“ Die Fußnoten sind überflüssig, weil Shakespeare beim gebildeten Publikum in Gänze vorausgesetzt wird. Ein Beispiel ist der folgende Vers: „Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle.“ Illyrien ist Schauplatz von Twelfth Night, or What You Will; in Verona spielt Romeo and Juliet; in Venedig The Tragedy of Othello, the Moor of Venice. Zuweilen dienen historische und mythologische Kontexte auch als Folie, durch die man die Gegenwart anders wahrzunehmen vermag. Heiner Müllers Fahrt nach Plovdiv bemüht den thrakischen Urpoeten Orpheus und Makedonen Alexander dem Großen, um das kommunistische Bulgarien der Gegenwart auszuleuchten. Ein ähnliches Verfahren wählt Uta Regoli in Über die Alpen: Die problemlose Alpenpassage „im Michelangelo-Express / mit Lufthansa und Orion“ wird mit „Ötzi“, „Hannibal“ und „Goethe“ in eine Reihe bedeutender Alpenwanderer gestellt; der Vergleich ist allerdings nur über Kontexte möglich. Im Gegensatz zum emphatischen Aufrufen des Bildungswissens, das im 19. Jahrhundert noch Gemeinsamkeiten mit dem Leser stiftet, wird der bekannte Name in der Lyrik des neuen Jahrtausends oft in seiner Bedeutungslosigkeit vorgeführt. In Dieter Hofmanns Paris-Gedicht Auf dem Eiffelturm werden „Invalidendom, / Montmarte, Sacre Coeur, / Arc de Triomphe“ mit reinen Zweckbauten als „graues Knöchenspiel“ zusammengefasst. In Zeiten des Kanonverfalls funktioniert das Spiel mit Referenzen ohnehin nicht mehr. Das Bildungsspiel verlagert sich deswegen: Nun werden Bilder aufgerufen, die in den Leitmedien dominieren, um sie als Bilder zu entlarven – oder die Anspielungen werden so abwegig, dass der Leser auch vermeintliches Bildungswissen als bloße Faktenhuberei begreift. Ein Beispiel für das erste Verfahren ist Rike Schefflers kolibri/hamburg (2013), wo bekannte Ansichten Hamburgs aufgerufen werden, um darzulegen, dass Bilder nicht ausreichen („schick mir ein stück von den landungsbrücken, / einen fingerabdruck von den gelben containern“). Das zweite Verfahren illustriert bildungsreise von Hans Magnus Enzensberger (1957). Hier werden Kuriositäten zusammengestellt, bis der Sprecher die Welt mit einem ironischen Ausruf anspricht: „wie belehrend belehrend dich zu durcheilen“. Deutlich wird schon vorher, dass keiner der genannten Sachverhalte zur Bildung beiträgt.

Reisen in vollen Zügen: Eisenbahngedichte

Mit der Inbetriebnahme der Ludwigseisenbahn zwischen Nürnberg und Führt am 7. Dezember 1835 beginnt in Deutschland das Eisenbahnzeitalter. Diese neue Möglichkeit des Reisens findet auch in der Lyrik einen lebendigen Nachhall. Louise von Plönnies schildert in Auf der Eisenbahn (1844) die Begeisterung, die das neuartige Gefährt auszulösen vermag: „Rascher Blitz, der mich trägt / Pfeilschnell, von der Glut bewegt, / Sausend durch des Tages Pracht, / Brausend durch die dunkle Nacht“. Allerdings stößt die Eisenbahn jedoch auf erheblichen Widerstand. Justinus Kerner beschreibt in seinem Gedicht Im Eisenbahnhofe (1852) die Lokomotive zunächst mit apokalyptischer Metaphorik als „[d]ampfschnaubend Tier“, eher er prophetisch den Untergang der herkömmlichen Reisewelt beschwört. Noch in Detlev von Liliencrons Der Blitzzug (1903) sind die Zweifel am Geschwindigkeitswahn der Eisenbahn spürbar: Er führt dort zu einem Eisenbahnunglück, das durch eine lautmalerische Wiedergabe der Signaltöne vorbereitet wird. In den Trümmern findet sich (und so endet der Text), „ein Püppchen, im Bettchen verbrannt, / Dem war ein Eselchen vorgespannt.“ Die Wirkungen des Eisenbahnfahrens reichen bis in die Poetik. Dem zum Volkslied gewordenen Wandergedicht sagt 1871 August Heinrich Hoffmann von Fallerslebenin Die Wanderlieder voraus, es werde an der Eisenbahn zugrunde gehen: „Es hat die Allgewalt der Eisenbahn / Zerstört auch dieses Stück der Poesie.“ Sobald Lyriker selbst mit der Eisenbahn fahren, ergeben sich zwei Perspektiven: der Blick aus dem Fenster und das Studium der Mitreisenden. Ein Beispiel für ersteres ist Ernst Stadlers expressionistisches Gedicht Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht (1913), das neben dem Rattern der Räder auf der Rheinbrücke auch die Bilderflut beim Blick aus dem fahrenden Zug thematisiert. Auch in Hans Carossas Der Eisenbahnwagen rollt (1912) fällt der Blick aus dem Guckloch im „weißen Reif des Fensters“ auf den Fluss, in dem ein Fährmann wie der antike Totenschiffer Charon sein Boot lenkt. Der Blick ins Innere der Bahn findet sich in Gottfried Benns D-Zug (1912): Eine von der Ostsee zurückkehrende Frau wird vom Sprecher exotisch aufgeladen („Malaiengelb“) und erotisiert („Eine Frau ist etwas für eine Nacht.“) Im Expressionismus sind die Zweifel vorheriger Epochen an der Technik längst im Rausch der Geschwindigkeit untergegangen. Das Motiv der Geschwindigkeit des Zuges, die sich auf die Verrichtungen im Zuginneren ausdehnt, findet sich in Lutz Rathenows Deutschland im ICE (1998): „Ein Blitz. / Blitzschnell Sonne. Deutschland im ICE. / Eine Sorte Bier ging schon aus, das Eis / Wärmt die Zunge. Die Servierer eilen. / Bewegung ist alles.“ In Georg Heyms Vorortbahnhof (1910) wird Ankunft und Abfahrt eines Zugs als geradezu technischer Vorgang im Massenzeitalter geschildert, zugleich aber ins Mythische überhöht: „Der Zug fährt aus, im Bauch die Legionen“. Auch in Ernst Stadlers Bahnhöfe wird der Bahnhof mit dem in ihm haltenden Zug ins Gigantische gesteigert, die Bahn wird zum vorsintflutlichen Raubtier: „Wie Lichtoasen ruhen in der stählernen Hut die geschwungenen Hallen / Und warten. Und dann sind sie mit einem Mal von Abenteuer überfallen, / Und alle erzne Kraft ist in ihren riesigen Leib verstaut, / Und der wilde Atem der Maschine, die wie ein Tier auf der Flucht stille steht und um sich schaut“. Im rasenden Zug ist die die dichterische Erregung möglich, die der Rhapsode braucht, um intensiv zu schreiben. Geschwindigkeit befreit, so wie in Alfred Wolfensteins Fahrt (1914): „Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug was uns umstellt, / Gebirge gleiten / in Seen… ins Meer der Schnelligkeiten.“ Zuletzt wird aus der Fahrt im D-Zug eine kosmische Reise, die lange nach dem Halt nicht abklingt und in der Seele der Passagiere nachwirkt. Nicht selten spiegelt sich die Geschwindigkeit der Eisenbahnfahrt in der assoziativen Reihung des sprachlichen Materials, so zum Beispiel in Günter Kunerts Lass uns reisen (1965): „Berg und Seen. Vergangenheit / Und Gegenwart. Wald und Sumpf. / Träume und Leben. Unaufhaltsam / Ziehen Sie vorbei.“ Dasselbe Verfahren wendet Nicolas Born in Im Zug Athen – Patras (1978) an: „Kahle Felsschädel, helle Augen / hell der Mund. / Alter Wortboden, wilder Rhododendron / auf der Höhe / fruchtbar fruchtbar das Meer, / – Licht / scharfe elektrische Küsten.“ In Wulf Kirstens vorübergefahren (2001) erscheint die Landschaft wie „auf eine Filmrolle gezogen“, die Einzelbilder verlieren beim Blick aus dem Zugfenster an Bedeutung. Die Rhythmisierung der Bahnreise durch Ansage, Halt und Wiederanfahrt ist ein oft gebrauchtes Strukturmittel, ebenso wie das Einbeziehen von Stationen auf der Strecke. Die Verankerung im Hier und Jetzt der Bahnpläne ermöglicht Gedankenflüge, das Zeitraster öffnet Räume für Poesie, etwa in Günter Eichs D-Zug München-Frankfurt (1955): „Zwischen den Ziffern der Abfahrtszeiten / breiten sich die Besitztümer unserer Liebe aus.“ In Sarah Kirschs Fahrt II (1967) wird die Fahrt mit der Eisenbahn zu einer Bestandsaufnahme der DDR, des „kleine[n] wärmende[n] Land[es]“; selbst die „blaue Diesellok“ aber kann den trennenden Draht zwischen Ost und West nicht durchstoßen. Die Eisenbahnreise mit ihrer festgelegten Route auf eisernen Gleisen wird häufig zum Symbol des festgefahrenen, unabänderlichen Lebens, bei dem ein Abzweigen unmöglich geworden ist. In Günter Kunerts Wir sind unterwegs (1950) sind „die Weichen gestellt“ und „das Ankunftsziel bestimmt“, die „Reise ins Morgen“ ist also „nicht mehr aufzuhalten“. Eine humoristische Variante der Lebensreise im Zug bietet Robert Gernhardts Gedicht Rheinfahrt im Winter (2002), in dem der Sprecher einen Bahnbeamten im Zug nach Köln um einen Lebenssinn bittet: „Ach bringse mir doch bitte einen Sinn, / worin / ich mich sowie mein Fahrziel finden kann“. Mit einem verwandten Gedanken schließt Kafkas Tunnel-Gleichnis aus den nachgelassenen Schriften (1917), das den Reisenden in der dunklen Ungewissheit des Tunnels festhält, in der „Verwirrung der Sinne“, und ein Ausweichen ausschließt: „Was soll ich tun? oder: Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen in diesen Gegenden.“ Auch in Schnellzug (1920) von Karl Kraus wird die Bahnfahrt zur Lebensreise, was schon die ersten Zeilen verraten: „Auf dieser Lebensbahn / rattert es drauf und dran / in schnellem Zug.“ Im Verlauf des fünfstrophigen Gedichts macht Kraus auch die scheinbare Rückwärtsbewegung der Landschaft zum Motiv, wie sie viele Bahnreisende erleben: „[ich] wollte die Landschaft sein, / die rückwärts rennt“. Ähnliches findet sich in Erich Kästners Eisenbahnfenster (1924): „Felder fliehen / in tanzenden Kreisen.“ Während der Zugreisende die eigene Bewegung durch die Größe der Waggons und deren ruhiges Anrollen übersieht, scheint die Umgebung (etwa die häufig personifizierten Bäume) vorbeizutanzen. Dass Landschaft durchwandert werden sollte, um sie zu verstehen, ist die Prämisse des epigrammatischen Gedichts Schwer zu verstehen von W. G. Sebald, das das Motiv der stummen Landschaft mit einer Umkehrung der Perspektive verbindet: „Schwer zu verstehen / ist nämlich die Landschaft, / wenn du im D-Zug von dahin / nach dorthin vorbeifährst, / während sie stumm / dein Verschwinden betrachtet“. Wenn auch nach dem Aufstieg des Autos noch Eisenbahngedichte entstehen, so ändert sich doch die Sichtweise – der einstige Drache wird zum Dinosaurier, zum Fossil des Industriezeitalters. Einen solchen Rückblick unternimmt Günter Kunert in Gewesene Größe der Eisenbahn (1966), wo es heißt: „Ungeschlachte Gefährte / Tonnenförmige Wagen hinter sich schleppend / Unter Klirren Poltern Pfeifen / Voll lebendiger Ware und toter / Auf endlosen Stahlbändern.“ Gerade Bahnhöfe sind in der Gegenwartslyrik Orte, die jegliche Eisenbahnromantik eingebüßt haben, was Robert Gernhardts Duisburg Hbf (1997) zeigt: „Grau aus dem Grau / Schlurft ein Mann / Schnippt sein Stock / Kippe für Kippe vom / Bahnsteig aufs Gleis: / Wie schaurig ist hier alles.“ Ähnlich trist wirkt der Bahnhof von Wolfenbüttel in W. G. Sebalds An einem Herbstsonntag 94 (2001), das typische Versatzstücke eines deutschen Provinzbahnhofs aufreiht: den Kiosk, ein Kebabstand, Trinker. Dass Bahnhöfe auch Orte des Abschieds, insbesondere des Liebesabschieds sein können, zeigt Uljana Wolfs Gedicht reisende (2003), in dem Liebesritual und Bahnhofsszene sprachbildlich verschmelzen: „an den weichen / geschiente küsse // gegen das fortklopfen / der züge“. Auch der Sprecher in Rolf Haufs Auf den Bahnhöfen (2002) bemerkt auf Bahnhöfen „[ü]berall Abschiede letzte Umarmungen“, sieht im Fortfahren jedoch eine Befreiung: „Alles lassen wir zurück / Falsche Wörter / Halbe Nächte / Das Gewesene flattert davon“. Bahnhöfe emotionalisieren, wecken Sehnsüchte. Der Sprecher in Mascha Kalékos Schienen-Sehnsucht (1956) sagt von sich: „Ich kann auf keinem Bahnsteig der Welt / Mit kühlen Gefühlen stehen“; fünfzig Jahre später phantasiert Hans-Ulrich Treichels Sprecher in Alter Bahnhof (2009): „Was für Abschiede / gäbe es hier und was für / Umarmungen.“ Der monotone Wechsel der Bahnansagen gibt regio (2013) von Gerhard Ruiss das Gerüst; von Ortsnamen leitet der Sprecher zum Carpe-diem-Motiv über. Der Reisende kann auch selbst zum Element des Zuges werden, wie in Wolfgang Heidenreichs Blues II (2007): „Ich kreise strecklings in der Nabe / Das Schwungrad hämmert seinen Takt / Ich schlenze blaue Fetzen aus der Seele / Und pfeife schmutzige Synkopen obendrein.“

Heil dir, Columbus: Entdeckungsreisen

Entdeckungsreisen in den Osten, nach Ostindien und China, nach Amerika, ins Herz Afrikas und zuletzt in den Pazifikraum haben die Literatur von Anfang an beschäftigt – doch schon die mittelalterlichen Nachdichtungen des Alexanderzugs durch Persien nach Indien erfüllt alle Kriterien einer Entdeckungsfahrt. Wenn Alexander an die Pforte des Paradieses vorstößt oder in einer Taucherglocke vorstößt, zeigt dies einerseits seine Vermessenheit (hybris), andererseits seine Neugier (curiositas). In der Lyrik hat insbesondere die Reise Georg Forsters mit James Cook nachgewirkt, was sich beispielsweise in Matthias Claudius’ Urians Reise um die Welt aus der Sammlung Asmus omnia sua secum portans zeigen lässt, der die Hauptfigur unter anderem nach Tahiti („Otahait“) gelangen lässt. Auch als Vorbildfigur eignet sich der wagemutig ins Unbekannte vorstoßende Entdecker, wie etwa der Kolumbus in Schillers gleichnamigem Epigramm von 1795. Insbesondere Columbus, der mutig ins Ungewisse aufbricht und die alte Welt hinter sich lässt, wird zur übermannsgroßen Heldengestalt des Fernwehs. Friedrich Nietzsche lässt Columbus in Der neue Columbus (1882) einer Freundin zuraunen, in der Ferne liege eine besondere Verheißung: „Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!“. Den Augenblick vor der Entdeckung Salvadors und die Vorzeichen der Ankunft in exotischer Fremde schildert Georg Heym in Columbus (1911). Auch wer tatsächlich auswandert, orientiert sich an jenem Genueser Abenteurer, der gegen alle Denkgewohnheiten eine neue Welt findet. Ein am 23.1.1833 in Baltimore gedrucktes Auswandererlied hebt an: „Heil dir Columbus, sey gepriesen, / Sey hoch geehrt in Ewigkeit, / Du hast uns einen Weg gewiesen / Der uns aus harter Dienstbarkeit / Erretten kann, wenn man es wagt, / Und seinem Vaterland entsagt.“ Noch im Sommer wird die „Schmähschrift“ von den Polizeibehörden im Osnabrücker Land konfisziert. Überraschend früh wird auch die Schattenseite der europäischen Entdeckungsfahrten thematisiert, etwa in Johann Gottfried Herders Kolumbus (1770c.). Während der erste Vierzeiler noch den „Schöpfer Kolon“ preist, übt das baugleiche zweite Quartett ätzende Kritik: „Ach Mörder Kolon! ach und wie denn unsere Welt / und alles, was sie Schönes hält, / Reiz, Sitte, Leben, Jugendkraft, / Mit deinem Gift verheeret!“ Noch 1982 lässt Erich Fried in Glückhafte Deckungsreise Nachbauten der Schiffe aus Columbus’ Entdeckerflottille anfertigen. Sie sollen die „Entdeckung Amerikas rückgängig machen“. Dass der Ruhm selbst der kühnsten Entdecker verblasst, konstatiert Hans Magnus Enzensberger in Entdecker (1999). Der Sprecher stellt lakonisch fest, die Entdecker verschwänden rasch und würden vergessen, nur deren „Namen wuchern fort, […] bis sie verschwinden wie alle andern, / die vor ihnen kamen / und nichts zurückließen.“ Das Neugiermotiv greift Sarah Kirsch in Kleine Adresse (1965) auf und verbindet es mit einer Bestandsaufnahme der Moderne und ihrer Zeitprobleme: „[B]esichtigen möchte ich den Umbruch der Welt. / Wo ist die Praxis hinter der Grenze? Wo / Steppenkombinate? Slums? Streiks? / Weizen im Meer? Segen und Fluch der / Zivilisation?“. Eine schonungslose Abrechnung mit dem Entdeckungsdrang liefert Dieter Kühn in Humboldt, eine Episode: Alexander von Humboldts Entdeckungsfahrten werden mit einem Katalog ökologischer Katastrophen kombiniert, bevor der Sprecher sein beklemmendes Fazit formuliert: „Ballade von der großen Weltzerstörung fortgesetzt / Mit neuen Wörtern, Namen, Daten, Fakten –“.

Reisen aus der Vogelperspektive: Fluggedichte

„Über den Wolken / Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ (Reinhard Mey): Luftreisen haben die Menschheit lange vor dem Aufstieg des ersten Fesselballons am 4.6.1783 fasziniert. Nach diesem Experiment der Brüder Joseph Michel Montgolfier und Jacques Étienne Montgolfier folgt am 2.7.1900 der erste Motorflug, als das Luftschiff LZ 1 von Ferdinand Graf von Zeppelin erfolgreich startet. Bereits in den Jahren 1802 bis 1804 befasst sich Karoline von Günderode in Der Luftschiffer mit einer Flugreise, die letztlich am „Gesetz der Schwere“ scheitert. Ballonreisen sind verhältnismäßig rar; die wenigen Beispiele sind oft Allegorien. Symbolisch zu verstehen ist Hilde Domins Fesselballon (1962), der die Verlorenheit des Exilanten dem Forttreiben eines Fesselballons vergleicht. In Terminal B, Abflughalle (1999) thematisiert Hans Magnus Enzensberger, wie plump sich Flugtechnik gegen Flugwerke der Natur ausnimmt: Ein Flugreisender versäumt seinen „Jumbojet“, weil er in die Betrachtung einer Feder versinkt: „Doch soviel siehst du mit bloßem Auge, / dass sie vollkommener ist, / die verlorene Feder, / als der hinter dem Isolierglas / auf Position 36 lautlos dröhnende / Jumbojet, den du versäumt hast.“ Gegen die Vollendung der Vogelfeder erscheint selbst das Flugzeug, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, als bloßes Machwerk. Gedichte über Flugreisen bedienen sich aus einem Fundus von Motiven, der den Götter- und Vogelblick auf die Landschaft ebenso einschließt wie das Gefühl unbedingter Freiheit. Flugreisen ermöglichen einen neuen Blick auf die Erde, wo das Flugzeug als Schatten mitfliegt – so etwa in Köln – Brüssel – London (1929) von Joachim Ringelnatz, der auch zahlreiche weitere Fluggedichte verfasst hat. Die große Reisehöhe lässt das Darunterliegende gewissermaßen erstarren: „Zwei Dampfer sah ich, die mit ihren Wellen / Scheinbar ganz still, wie starrgefroren standen“. Der Blick aus der Höhe reduziert und abstrahiert die Landschaft, etwa in Emma Kanns Mittagessen im Flugzeug: „Das Flugzeug rast durch den Äther. / Die Erde dreht sich dahin. / Das weite Meer ist glatt / Wie sein Abdruck im Kinderatlas.“ Im Grunde bleibt der Fluggast ein Fremdling in der Luft, ein Frevler und Emporkömmling im Reich der Götter. Noch 1914 schreibt Alfred Wolfenstein in Luftschiff über der Stadt (1914) über den prometheischen Frevel des Menschen, der sich in den Himmel erhebt: „In des Himmels leuchtendere Geberde, / Greifen wir ein mit neuen Händen!“. Diesem Gedanken setzt Dieter Mucke in Reiseeindruck (1977) ein überwältigendes Flugerlebnis entgegen, das bestaunt werden darf: „Du traust fast deinen eignen Augen nicht“. Als Kritik an der protzigen Selbstverständlichkeit, mit der ein „rastloser Krisenmanager“ die Welt umrundet, lässt sich Wolfgang Opplers Miles & More (2013) lesen. Bezeichnenderweise scheitert der buchstäblich abgehobene Vielflieger zuletzt „am Gebührensystem / des regionalen Verkehrsverbunds“. Mit der Nutzung und Übernutzung von Zeit im Flugzeug befasst sich Kathrin Niemala in ihrem Gedicht zwischenortzeit (2017), das sie durch die englischsprachigen Ansagen im Bordfunk gliedert: „now all / electronic devices must be turned off / the road treiben wir zwischenzeitort / ost west ost digitaler entzug illusion / gestohlengeschenkter stunden slow / motion gummibandzeit“.

Reisen im Fluss der Zeit: Flüsse und Wasserfälle

Gedichte über Flüsse sind oft in paradoxer Weise Reisegedichte: Während der Fluss die Gedanken des Sprechers ins Weite trägt, bleibt dieser zurück. Als sichere Verkehrswege in unwegsamer Landschaft bieten sie andererseits Gelegenheiten für den betrachtenden Blick zum Ufer, laden aber auch zu Meditationen über das Dahinfließen der Lebenszeit ein und zur Reflexion über das Mitgerissenwerden in der Zeit. Dann mag man an Heraklits Fluss-Fragmente denken und an die Formel des Panta rhei („Alles fließt.“): „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Das Bild des Flusses verwendet Joseph von Eichendorff in Frische Fahrt (1810), dem die Wirklichkeit als „magisch wilder Fluss“ erscheint. Sich dem Fluss hinzugeben und einem unbekannten Ziel zuzutreiben ist ein häufiges Motiv in der Reiselyrik: Es findet sich beispielsweise in Schillers Der Pilgrim von 1803: „Und zu eines Stroms Gestaden / Kam ich, der nach Morgen floss, / Froh vertrauend seinem Faden, / Werf ich mich in seinen Schoß.“ In ähnlicher Form lässt sich das lyrische Ich in Friedrich Hölderlins alkäischer Ode Der Nekar (1792): „Der Berge Quellen eilten hinab zu dir, / Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit, / Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen / Städten hinunter und lustgen Inseln.“ Bei Hölderlin wird der Neckar zum Träger der Sehnsucht, die das lyrische Ich schließlich die „schönen / Inseln Ioniens“ und ein idealisiertes Griechenland erblicken lässt. Auch im 37. Stück der Romanzen und Jugendlieder (1823) August von Platens vertieft sich der Sprecher in die Vorstellung, sich in einem Kahn, dem er „nie entsteigen“ will, dem Fluss hinzugeben, der ihn an den paradiesischen Vergnügungen des Lebens vorbeiträgt. Auch die Moderne behält die Vorstellung, sich dem Fluss zu überantworten bei. In Otto Julius Bierbaums Flussfahrt im Frühling empfiehlt der Sprecher: „Welle mag den Weg uns zeigen, / Führerin und Trägerin.“ Man solle dem Fluss „[t]räumend folgen und ihn lieben“.

Fremde, Heimat und Exil.

Die Erfahrung, als Fremder in der Fremde fremd zu sein, beschäftigt Lyriker seid Ovids Tristia aus Tomys am Schwarzen Meer. Wer fremd ist, nimmt sich selbst als andersartig wahr und als getrennt von der ihn umgebenden Welt. Seine Sprache wird zur Fremdsprache, fremde Sitten und fremde Bräuche machen den Reisenden zum Außenseiter. Dieses Gefühl ist die Voraussetzung dafür, Heimatgefühle zu empfinden – wer nie die Heimat verlassen hat, kann sie nicht als solche wahrnehmen. Allerdings kann ein Hinausgehen in die Fremde, beispielsweise in Clemens Brentanos In der Fremde (1810), auch ein gegenteiliges Bestreben auslösen: Wer seine Heimat verlässt, ist aufgerufen, sich zu beheimaten. Bei Brentano erkennt das lyrische Ich, dass auch in der Fremde „dieselben Klagen“ und „dieselbe Lust“ laut werden; daraus folgt: „Und so bin ich hier zuhaus.“ In Georg Brittings Bei den Tempeln von Paestum (1937 / 1938) ist es ausgerechnet der Löwenzahn, der die Erkenntnis fördert, dass auch Salerno und Bayern nicht weit auseinanderliegen: „Mein Schatten wirft sich schwarz. Und Schatten, Himmel und Löwenzahn / Sind wie bei uns.“ Auch im Reisegeldgedicht von Joachim Ringelnatz steht am Ende der Reise, dass im Grunde die Fremde sich wenig von der Heimat unterscheidet: „Auf Wiedersehn! Ich reise fort. / Mein Reisegeld sucht andres, andre. / Bis ich erkenne: Hier ist dort / Und neu vergnügt nach Hause wandre.“ Im Gegensatz zu Ringelnatz, dessen Sprecher die Übereinstimmung von Fremde und Heimat offenbar vergnüglich findet, erkennt der Sprecher in Berthold Viertels Gekritzel auf der Rückseite eines Reisepasses, dass die Parallelen erschauern lassen: „Das sind die Völker und die Reiche. / Man wandert aus und wandert ein. / Doch überall ist es das gleiche: / Die Hirne Wachs, die Herzen Stein.“ Diese bittere Einsicht setzt jedoch das Dritte Reich und den zögerlichen Empfang im Exil voraus. Bei Hölderlin verspricht die Heimat noch von seelischen Leiden. Der Sprecher in Die Heimat (1804) ersucht die Heimat am Neckar um Trost „Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, / Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, / Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich / Komme, die Ruhe noch einmal wieder?“. In Justinus Kerners Wanderlied (1809) macht sich die Heimat noch in der Fremde bemerkbar: den Ferngereisten grüßen schließlich die Vögel („die kennen sein väterlich Haus“), und der vom Wind ihm zugetriebene Blumenduft erinnert ihn an die zurückgelassene Liebe („Die Blumen einst pflanzt’ er der Liebe zum Strauß.“ Sowohl der Wind als auch das Blätterrauschen des heimatlichen Lindenbaums klingen dem Sprecher von Wilhelm Müllers Der Lindenbaum (1824) nach: „Nun bin ich manche Stunde / Entfernt von jenem Ort, / Und immer hör' ich’s rauschen: / Du fändest Ruhe dort!“. „Auch in Drei kleine Straßenvon Arno Holz (1899) verfügt das Heimatliche über eine hohe Bindekraft – hier sind es Brunnenrauschen und Lindenduft, die der Wanderer als Antwort verstehen kann auf die Frage: „Soll ich bleiben? Soll ich weiterziehn?“. Der Sprecher in Max Dauthendeys Zur Heimat fort (1914) spürt den Wind im Haar und sucht daraufhin „im Wind einen Heimatlaut“. Die Fremde verändert den Blick auf das Zurückgelassene, das nun erst recht wertgeschätzt werden kann – und das lyrische Ich „neu vergnügt“ sein lässt. Anders geht es dem Exilanten: Die erzwungene Trennung von Heimat und Vaterland im Exil verlangt nach Zugehörigkeit und Trost. Wenn die Heimat verloren ist, und erst recht, wenn sie den Exilanten verstoßen hat, bedarf er einer neuen Heimat. Das kann die dichterische Sphäre sein, die Welt der Phantasie oder der größere Rahmen des Kosmos. Im Traum kann das Vaterland wie bei Heine (1831) zur Geliebten werden, die in der Heimatsprache zum Heimatlosen spricht: „Ich liebe dich!“. Befreit von den engen Grenzen der politisch-geographischen Zugehörigkeit schreibt der Pariser Exilant Heinrich Heine gut zehn Jahre später: „Mich wird umgeben / Gotteshimmel, dort wie hier, / Und als Totenlampen schweben / Nachts die Sterne über mir.“ Ähnliches formuliert Hilde Domin, die aus der Erfahrung des Exils heraus dazu auffordert, „wie ein Baum“ Wurzeln zu schlagen und sich zu beheimaten, sodass „wir zuhause sind / wo es auch sei, / und niedersitzen können und uns anlehnen, / als sei es das Grab / unserer Mutter“. Domins Bild hat ein Vorbild in Joseph von Eichendorffs Heimweh (1841), das er seinem Bruder Wilhelm zueignet. Angesichts des Grauens „im fremden Land“ bietet er dem Bruder Geleit bis ans väterliche Grab: „Wir wollen zusammen ziehen, / Bis dass wir wandermüd / Auf des Vaters Grabe knien / Bei dem alten Zauberlied.“ Für Lyriker ist auch die Sprache eine Heimat – eine, die man zwar nicht gänzlich verliert, die aber gefährdet ist: „Gewiss“, heißt es in Mascha Kalékos Der kleine Unterschied (1977), „ich bin sehr happy: / Doch glücklich bin ich nicht.“ Erich Fried schreibt in Exil (1946): „Sechs Jahre Fremde bleichen jedes Wort.“ Hannah Arendt schildert in Dies war der Abschied (1947), wie die Ankunft in einer neuen Sprache die Selbstverständlichkeiten zertrümmert: „Brot heißt Brot nicht mehr / und Wein in fremder Sprache ändert die Gespräche.“ Es ist besser, sich in der Sprache des Exils nicht einzurichten, die Rückkehr nicht aufzugeben. Bertolt Brecht schreibt 1949 in Gedanken über die Dauer des Exils: „Wozu in einer fremden Grammatik blättern? / Die Nachricht, die dich heimruft / Ist in bekannter Sprache geschrieben.“ Wer reist oder reisen muss, läuft Gefahr, seine Heimat einzubüßen ohne eine neue Heimat zu gewinnen. In Franz Grillparzers In der Fremde wird diese Möglichkeit deutlich: Der Reisende, der reisemüde ist und gleichzeitig das „Einerlei“ der Heimat fürchtet, beklagt: „O Mensch, der nur zwei Fremden / Und keine Heimat hat.“ Grillparzers Verse werden in Stefan Zweigs Fahrten als Motto zitiert. Derselbe Gedanke liegt auch Bertolt Brechts kurzem Gedicht Der Radwechsel (1953) zugrunde: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“ Inhaltlich nah verwandt ist die paradoxe Pointe von Wolf Biermanns Und als wir ans Ufer kamen (1976): „Ich möchte am liebsten weg sein / Und bleibe am liebsten hier / - am liebsten hier“. Auch Volker Brauns Tagtraum bezieht sich beim Besuch „im Niemandsland zwischen den Grenzen“ auf Brecht: „kein / Rad war zu wechseln hier ungeduldig“. In Hilde Domins Herbstzeitlosen (1955) macht die Entwurzelung, der Verlust der Heimat, aus dem Lebenslauf eine „lebenslängliche Reise, / wie zwischen Planeten“, wenngleich ein Neubeginn zumindest als möglich erscheint. In der Fremde wird man sich selbst fremd, wird sprach- und spurlos. Diese Folgerung stellt Günter Kunert in Reiseresümee (1987) an: „Du wirst dir selber fremder / an einem fremden Ort. / Verschlossen Tür und Tore: / Dir fehlt das Losungswort.“ Die kurz gefühlte Freiheit des Exils verwandelt sich bald in Haltlosigkeit. Der aus Kolumbien stammende Erik Arellana Bautista schreibt in Ich atme (2017): „Ich besinne mich auf den Wert der Freiheit, / das gibt mir Hoffnung und rettet mich, / wie einen Schiffbrüchigen auf hoher See. / Nach der Flut kommt die Windstille.“ Das Motiv der Windstille betont dabei die Bewegungslosigkeit des gestrandeten Asylsuchenden, dessen Bewegung ins Exil zum Stillstand gekommen ist – ein Stillstand, der nun erdrückend wirkt. Der Wind, in der Reiselyrik ein wichtiges Symbol des Aufbruchs und der Veränderung, kann aber auch schmerzen, weil er das Bleiben unmöglich macht. Bei Guido Zernatto, ehemals österreichischer Arbeitsminister und dann Emigrant in den USA, heißt es in Dieser Wind der fremden Kontinente (1943): „Dieser Wind der fremden Kontinente / Bläst mir noch die Seele aus dem Leib.“ Bei Max Herrmann-Neiße, der 1936 zunächst über die Schweiz und Paris nach London gelangt, ist die Fremde in Heimatlos (1946) ein Labyrinth, in dem man sich nicht zurechtfindet: „Wir ohne Heimat irren so verloren / und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.“ Dasselbe Motiv findet sich bereits in Hermann-Neißes Ich gehe, wie ich kam (1919). Der Sprecher macht deutlich, dass es menschliche Bindungen sind, die das Gefühl von Heimat erzeugen: „Ich gehe, wie ich kam: arm und verachtet. / Keinen lernte ich lieben, keiner lernte mich lieben.“ Die existenzielle Unbehaustheit, die der Text offenbart, hat eine Entsprechung in der Biographie des Verfassers: Der Krieg hatte die Familie ruiniert, der Vater starb 1916, die Mutter ertränkte sich ein Jahr darauf. Der Emigrant, sprachlos und hilfsbedürftig, fühlt sich in der Fremde wie ein Kind. Dieses Motiv greift Johannes R. Becher in seinem Abendlied nach Matthias Claudius (1942) auf: „Wir haben uns verlaufen. / Wie ein verlorener Haufen / Stehn wir in fremdem Land. / Wer, der kein Heimweh spürte! / Oh, käme wer und führte / Uns heim wie Kinder an der Hand!“. Nicht nur der Emigrant ist fremd, auch der Einwanderer bleibt ein Fremder, und auch ein Zugehörigkeitsnachweis ändert nichts an der gefühlten Fremdheit der neuen Heimat. In SAIDs II. Empfang (1987) hält der Sprecher einer Passkontrolle skeptisch fest: „Das Dröhnen des Stempels / Behauptet: / Ich bin kein Fremder mehr.“ Im Grunde flieht der Exilant nicht nur aus der Heimat, sondern auch vor ihr. Diesen Gedanken formuliert Ludwig Greve in Linie 10. Das postum veröffentliche Gedicht spiegelt das verlorene Urvertrauen des Flüchtigen: „Wohin kann man entfliehen, / in welche Länder noch vor diesem Land, / das Heimat war, nun Fremde ist, doch Fremde / so fremd wie Kindheit, Todesleid und Schlaf!“ Für den Flüchtigen ist nicht nur die Abkehr von der Heimat eine prägende Erfahrung, sondern auch die Ungewissheit der Flucht, die gedehnte Zeit auf dem Weg. Peter Huchel beschreibt in Chausseen (1963) die Flucht am Beispiel ihrer Spuren: „Chausseen. Chausseen. / Kreuzwege der Flucht. / Wagenspuren über den Acker, / Der mit den Augen / Erschlagener Pferde / Den brennenden Himmel sah.“ Eine mögliche Folge ist der Verlust der Standfestigkeit in der Welt; wenn die eigene Position erschüttert ist, gerät die Welt ins Schwanken. Bei Dagmar Nick kommt in Flucht (1945) der Wind als Symbol des Wandels hinzu und das Kulissenhafte einer als vorübergehend erfahrenen Welt, die keine Bleibe bietet: „Häuser schwanken müde wie Kulissen / durch den Wind.“ Einen bedeutenden Beitrag zur Reiselyrik leisten seit den Sechzigern Autoren, die ursprünglich als Arbeitsmigranten in die BRD eingereist sind. Zunächst von der deutschen Wohnbevölkerung segregiert und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, finden sie bald ihre eigene Sprache und formulieren ähnliche Erfahrungen wie deutsche Emigranten und Exilanten in ihren jeweiligen Gastländern. Dazu gehört das Gefühl der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat. Alev Tekinay hält in Dazwischen (2001) fest: „Jeden Tag ist das Heimweh / unwiderstehlicher / aber die neue Heimat hält mich fest / Tag für Tag noch stärker.“ Insbesondere nach der sogenannten „Asylkrise“ von 2015 verändert sich auch der Blick auf die Flucht aus Krisenländern nach Europa. Aus Flüchtlingen werden Geflüchtete. Björn Kuhligk, erinnert sich in Die Sprache von Gibraltar (2016) an einen Besuch in der spanischen Exklave Melilla und den Unterschied zwischen denen, die flüchten, und denen, die diese Flucht – wie er selbst aus „fünfzig Metern Höhe“ – lediglich betrachten.

Höhepunkte: Lyrik über Gebirgswanderungen

Spätestens seit der Besteigung des Mont Ventoux durch Francesco Petrarca ist der weltumfassende Höhenblick in die Reiselyrik eingeführt. Allerdings bleibt das Gebirgsgedicht lange allegorisch. Eine naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die zugleich die karge Schönheit des Hochgebirges preist, entwickelt der Schweizer Frühaufklärers Albrecht von Haller in seinem Langgedicht Die Alpen. Ausgangspunkt dieses 1729 gedruckten Alexandrinergedichts in 49 Stanzen ist eine Alpenreise mit dem Naturforscher Johannes Gessner im Jahr 1728. Hallers Text ist zugleich Naturaufnahme als auch anakreontische Idylle. Der Weg in die Einöde der Berge ist oft ein Abschied von der Zivilisation, von Stadt und Hof, etwa im Prolog von Heines Die Harzreise (1827): „Lebet wohl, ihr glatten Säle, / Glatte Herren! Glatte Frauen! / Auf die Berge will ich steigen, / Lachend auf euch niederschaun.“ Wie wirkmächtig Hallers Alpengedicht für die Wahrnehmung der Alpen war, verrät ein Naturbild in Friedrich Matthissons Der Alpenwanderer (1790): „Verklärt vom Sonnenstral, / Gränzt an beschneite Gipfel / Ein grünes Zauberthal. / Hier bliebe, wonnebebend, / Selbst Hallers Muse stumm. / Wie groß, wie seelenhebend!“.

Hoch auf dem gelben Wagen: Lyrische Kutschfahrten

Insbesondere seit der Aufnahme eines geregelten Postverkehrs durch privilegierte Postunternehmen wird die Reise in der Kutsche zum Reisestandard zumindest des gehobenen Publikums. Das einfache Volk geht weiterhin zu Fuß. Der Zustand der Straßen und Wege verbessert sich zunehmend – zunächst aber bleibt eine Kutschfahrt ein holpriges Unterfangen. Das spiegelt auch Goethes in der „Postchaise den 10. Oktober 1774“ entstandene Hymne An Schwager Kronos wider, die schon im Formalen durchgeschüttelt wirkt: „Frisch den holpernden / Stock Wurzeln Steine den Trott / Rasch ins Leben hinein!“. Neben dem Rumpeln der unruhigen Fahrt gehört das geräuschvolle Rasseln der Räder und der Hornstoß des Schwagers, des Kutschlenkers, zu den Motiven eines Kutschgedichts, beispielsweise in Eduard Mörikes Auf der Reise (1826): „Ich wiege mich in bunten Träumen, / Das muntre Posthorn klingt darein“.

Two roads diverged in a yellow wood: Gedichte über Lebensreisen

Es liegt nahe, das Reisen als Allegorie des Lebens zu verstehen: Man bricht auf, kommt an Scheidewege, durchläuft Täler und erklimmt Höhenzüge, um schließlich am Endpunkt der Reise anzukommen und zu ruhen. Für den Sprecher von Andreas Gryphius’ barockem Sonett Abend (1650) erscheint das Leben allegorisch als „Rennebahn“. Er bittet Gott um Beistand, des Lebens Lauf ohne Fehltritt zu bewältigen: „Lass, höchster Gott! mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten.“ Joseph von Eichendorff vergleicht in Die zwei Gesellen (1818) zwei Lebenswege: Zwar brechen beide „rüst’ge Gesellen“ gleichzeitig auf, der eine lässt sich jedoch in „Hof und Haus“ nieder, während der andere den Verlockungen von „tausend Stimmen“ folgt und sein Leben am Ende vertan findet. In Nacht-Wanderer (1758) schlägt Barthold Heinrich Brockes eine andere Typologie der Lebensreisenden vor, die dem Sprecher allesamt wie „mondsücht’g[e] Wandrer“ vorkommen: Die einen streben auf ihrer Lebensreise nach Ehre, die anderen nach Geld und die dritten nach Lust. In Heines Stammbuchblatt Lebensgruß für Prinz Alexander (1817-21) wird das Leben zur Landstraße, auf der wir alle unterwegs sind und einander nur flüchtig begegnen: „Eine große Landstraß ist unsere Erd, / Wir Menschen sind Passagiere; […] Kaum treffen wir uns auf derselben Station, […], Da bläst schon zum Abschied der Postillon, / Und bläst uns auseinander.“ Bedrückend nimmt sich Clemens Brentanos Ich bin durch die Wüste gegangen (1816): Die entbehrungsreiche Lebensreise führt durch die Wüste der Welt, Erlösung verspricht nur der Tod. Ähnlich trostlos erscheint die Lebensreise des Sprechers in Mein Pfad geht über dürre Heide (1786): „Mein Pfad geht über dürre Heide, / Hier flieht mich höhnend jede Freude / Und lässt nur Ekel mir zurück.“ Dass das Leben zwecklos sei, folgert der Sprecher in Friedrich Rückerts Reiseziel (1822), das im Schlussquartett die Anfangsverse wiederaufnimmt: „Nun ist das Leben an seinem Ziel, / Und ohne Zweck war die Reise.“ Mitunter wird die Lebensreise von der Symbolik der Jahreszeiten begleitet. Unter dem Eindruck einer Herbstwanderung bedauert der Sprecher in Theodor Storms Über die Heide (1875), seine Zeit nicht besser genutzt zu haben: „Wär’ ich hier nur nicht gegangen im Mai! / Leben und Liebe – wie flog es vorbei!“ Aus der Metapher der Lebensreise kann sich allerdings auch die Folgerung ergeben, selbst zu reisen: Nur wer reist, kann sich vervollkommnen, ein gelungenes Leben führen. In Wilhelm Buschs Reisegedanken (1877) wird angesichts des Todes die Notwendigkeit des Reisens deutlich: „Darum, Mensch, sei zeitig weise! / Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“. Gedichte über die Lebensreise können entweder den Aufbruch oder die Ankunft in den Blick nehmen, Rückblick oder Vorausschau sein. In Gottfried Benns Wenn dir am Ende – (1939) erscheint beides gleichermaßen „die nämliche Qual zu bieten: „die Blicke nach oben“ und die „Blicke zu Tal“; eine Situation, die an Henry Wadsworth Longfellows Mezzo Cammin (1886) erinnert, in dem sich der Sprecher auf halber Bergeshöhe befindet („half-way up the hill“) und die verlorene Vergangenheit ebenso wahrnimmt („A city in the twilight dim and vast“) wie den Wasserfall des Todes („The cataract of Death far thundering from the heights“). Die Heimatlosigkeit im stetig dahinfließenden Leben ist ein Dauermotiv romantischer Lyrik, das mit dem Fließen des „leise[n] Brunnen[s]“ noch in Hermann Hesses neuromantischem Gedicht Landstreicherherberge (1901) anklingt: „Wie Heimatahnung glänzt es her / Und war doch nur zu kurzer Rast / Ein fremdes Dach dem fremden Gast, / Er weiß nicht Stadt, nicht Namen mehr.“ Dass man auf der Lebensreise im Grunde nur wenig Gepäck mitführen kann, ist ein weiterer Gemeinplatz der allegorischen Reiselyrik. So heißt es in Dagmar Nicks Kein Zweifel (2016), die Sprecherin führe „geborgt[e] Tage“ mit, „im Rucksack, / der stündlich gewichtloser wird“. Am Ende der Lebensreise steht der Tod, wie in Rose Ausländers Wanderschaft (1979), wo dem wandernden Sprecher zuletzt die Zeit selbst begegnet: „Du wanderst / durch die Zeit / sie winkt dir zu / drei Buchstaben / liegen auf ihren Lippen / kannst du sie lesen“. Die Lebensreise vollzieht sich in Atemzügen; solange man atmet, reist man - das ist der Grundgedanke des Gedicht Atemzüge (1993) von Mario Wirz. Diese Lebensreise ist mit jedem Atemzug auszukosten: „[A]uch auf den letzten Atemzug werde ich springen, / gläubig, / ein Reisender, / immer.“

Frische Fahrt: Lyrische Meerfahrten

Spätestens seit Homers Odyssee und Senecas Briefen Ad Lucilium lässt sich die Meerfahrt als Sinnbild des menschlichen Lebens begreifen, das den sicheren Hafen verlässt, in der Weglosigkeit des Ozeans sein Ziel sucht und mit etwas Glück den Stürmen des Schicksals entgeht, um irgendwo den Anker zu werfen. Das Bild eines von Stürmen bedrohten Schiffs entwirft Andreas Gryphius in seinem allegorischen Sonett An die Welt (1658): Die Seele (das „oft bestürmte Schiff“) wird auf dem Weg zum Tod vom Schicksal hin- und hergeworfen. Auch Gryphius‘ Zeitgenosse Johann Matthias Schneuber spielt in Gesang von der gefährlichen Fahrt menschlichen Lebens (1644) mit dem Bild der Seefahrt als Symbol menschlichen Strebens: „Wir streben, wo wir es nur glauben, / Auf einem ungestümen Meer“. In der Kreuzstab-Kantate (1726) von Christoph Birkmann, von Bach vertont (BWV 56), wird die Allegorie der Meerfahrt aufgelöst: „Mein Wandel auf der Welt / Ist einer Schifffahrt gleich“. Die Wellen sind „Betrübnis, Kreuz und Not“, der Anker dagegen Gottes Barmherzigkeit. Dieses Schreibmuster scheint noch in Goethes 1777 entstandener Hymne Seefahrt durch, wo der Protagonist kühn dem Sturm die Stirn bietet: „Doch er stehet männlich an dem Steuer, / Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen“. Auch in Goethes Spruchgedicht mit dem Behelfstitel Sei du im Leben wie im Wissen (1827) wird die Seefahrt allegorisch auf das Leben angewendet. Auch hier widersteht der Segler „Sturm und Strömung“, um am Ende den Hafen zu erreichen, „wo er ausgeschifft“. Heine verknüpft in Lebensfahrt (1843) eine bereits gescheiterte Kahnfahrt mit einer Meerfahrt, die „[m]it neuen Genossen“ durch fremde Fluten“ führt. Selbst in der Moderne wird das Bild der Seefahrt als Lebensreise nicht selten eingesetzt. In Oskar Loerkes Hinter dem Horizont (1926) hat sich das Lebensschiff des lyrischen Ichs festgesetzt, bewachsen mit „Algen, Muscheln, Moos“. In Bertolt Brechts Das Schiff (1927) ist der Sprecher selbst ein Schiff, das langsam verfällt und zuletzt als Geisterschiff „schimmernd von Möwenkoten“ gesichtet wird. In Schiff 1931 (1931) von Joachim Ringelnatz befindet sich der Sprecher auf einem Schiff, das als Sinnbild des Lebens von höheren Mächten gesteuert wird: „Das Schiff, auf dem ich heute bin, / Treibt jetzt in die uferlose, / In die offene See. – Fragt ihr: ‚Wohin?‘ / Ich bin nur ein Matrose.“ Ein weiteres Motiv, das sich in vielen Meeresgedichten findet, ist das gedankliche Durchdringen der Meeresfläche, um den Meeresgrund mit Phantasiegestalten zu besiedeln, was sich beispielsweise in Eichendorffs Meeresstille (1837) vollzieht: Das lyrische Ich erblickt in der Tiefe, die sich „wie eine prächtige Nacht“ darstellt, „Seekönig auf seiner Warte“.

Kampagne und Feldzug: Gedichte über militärische Reisen

Die bis 1945 mit großem Abstand häufigste Reiseform war, so zynisch das klingen mag, der Feldzug, die Kampagne. Für viele junge Soldaten war die Einberufung zum Heer oder zur Marine der erste Ausblick auf einen Auslandsaufenthalt. Während im Vorfeld Glanz und Gloria die Rekruten begleiten, Bilder von Ruhm, Ehre und Lebensgenuss dominieren, wird dem reisenden Soldaten rasch klar, worauf er sich eingelassen hat. Er friert, stöhnt unter erbarmungsloser Hitze oder dem Drill der Feldwebel, erträgt Wochen der Langeweile, gerät an die Grenzen seiner Belastbarkeit und darüber hinaus, erlebt das Töten und tötet selbst. Im 19. Jahrhundert ist das Verhältnis zum Soldatenleben noch unbefangener; es geht weniger um die Militärmaschinerie, sondern um das individuelle Schicksal. In August Heinrich von Fallerslebens Der schwere Abschied sagt ein Gefreiter zum anderen: „Morgen gibt’s ein ander Städtchen, / Morgen weht ein andrer Wind. / Unser Leben, unsre Mädchen, / Beides ändert sich geschwind“. Der solchermaßen Angesprochene jedoch fällt in der nächsten Schlacht. Der Schmerz des Abschieds und die Sehnsucht nach der Familie wird allerdings auch in Norbert Hummels Gedicht feldpostkarte (2011) deutlich, in dem ein Sohn der Mutter neben Alltäglichem mitteilt: „ich bin / so voll leid. Mir träumte heut nacht, du tätest sterben.“ Die Verse erinnern an Heines gänzlich unmilitärisches und unpatriotisches Exilgedicht Nachtgedanken (1844): „Nach Deutschland lechzt' ich nicht so sehr, / Wenn nicht die Mutter dorten wär; / Das Vaterland wird nie verderben, / Jedoch die alte Frau kann sterben.“

Muschel, Hut und Pilgerstab: Lyrische Pilgerreisen

Die Pilgerreise (oder Wallfahrt) hat spirituelle und therapeutische Ziele: Sie bezweckt die Aufhebung eines Leidens, die Wiederherstellung des persönlichen Heils oder gar die vollkommene Erlösung. Während die tatsächliche Pilgerreise, wie sie in Christentum und Islam, aber auch im Hinduismus üblich ist, oft über festgelegte Stationen zu einer Heilsstätte führt, kann der lyrische Pilger sein Seelenheil auch an unbestimmtem Ort finden, wie der Pilger in Schillers Der Pilgrim (1803), der sich von einem Fluss ans Meer treiben lässt und dort die Unerreichbarkeit des Himmels (und der Erlösung) erkennt. Pilgerreisen verlangen häufig eine auf das spirituelle Ziel eingestellte Haltung, die sich in geeigneter Ausstattung beweist: Der christliche Pilger verschreibt sich absoluter Bedürfnislosigkeit und verzichtet auf seiner Reise auf alle Annehmlichkeiten, die über einen Pilgerbeutel, einen Wanderstab und die Jakobsmuschel am Pilgerhut hinausgehen. In der Reiselyrik lassen sich diese Attribute auch im Rollenspiel einsetzen. In Nikolaus Lenaus Der Maskenball hofft der Pilger „im härenen Gewande, / Mit Sandal und Muschelhut“ auf eine Heilung seines Kummers „im Niagararauschen“. Das Bild des Pilgers spielt auch Hans Magnus Enzensberger in seinem tourismuskritischen Gedicht Paxe (2003) durch: „Wallfahrer sind es, / wenngleich von andrer Art, / ohne Muschel, Pilgerhut, Stab und Kutte, / und ohne Hoffnung auf Gnade.“ Im Grunde sind allerdings die wenigsten Pilger auf der Suche nach spirituellem Heil. Ernst Moritz Arndt beschreibt in einem Geleitgedicht die Weltreise eines abreisenden Freundes (1849) als Pilgerfahrt: „Glück auf die Reise! Pilgre fort!“

Gedichte über Reisefreiheit und Grenzschutz

Artikel 11 des deutschen Grundgesetzes gewährt, zumindest für das Bundesgebiet, Freizügigkeit. Darüber hinaus können sich Bürger der Bundesrepublik Deutschland eines Reisepasses bedienen, der ihnen fast überall die Möglichkeit zur Einreise verschafft. Im Vormärz war schon der innerdeutsche Grenzübertritt erschwert durch streng überwachte Binnengrenzen. Mit sehnsüchtigem Blick hinauf zu den Wildgänsen beklagt der Sprecher von August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Die wilden Gänse (1840): „Kaum sind wir aber fort von Haus, / So muss auch schon der Pass heraus. / Wir werden niemals sorgenfrei / Vor lauter Maut und Polizei.“ Andere Bestimmungen als heute galten auch bis 1989 in der DDR. Das Strafgesetzbuch der DDR vom 1. Juli 1968 kennzeichnet in §213 den illiegalen Grenzübertritt als strafbare Handlung, als „Republikflucht“. Diese Einschränkung wird naturgemäß auch von oppositionellen Lyrikern aufgegriffen. In Am Abend verwandeln (1973) von Richard Piernass lässt sich die Mauer nur in der Phantasie überwinden: „Am Abend verwandeln wir uns und werden Vögel, Mauersegler, die mit schrillen / Schreien den ungeteilten Himmel befliegen“. Heinz Kalau schreibt in Elementares Bedürfnis (1978): „Ich will gar nicht / immerfort / woandershin. – // Aber es / können dürfen.“ Kurt Drawert persifliert in Gedicht, als Brief angekommen, 15. 7. 1981 (1981) die etwas hemdsärmelige Sprache der DDR-Behörden, die einen Ausreiseantrag mit einem hanebüchenen Ablehnungsbescheid versehen: „Leider / ist es nicht möglich, Deinen Antrag / zu realisieren, da alle Reisen / vergeben sind.“ Auch nach der Wende wirkt das Reiseverbot im anderen Deutschland nach: Die reale Grenze ist noch immer da, in der Vorstellung der ehemals Eingesperrten. In verlassener grenzübergang (1997) schreibt Thomas Spaniel: am schlafenden schlagbaum vorüber / wie über einen meridian / keine unsichtbare wand / kein widerstand“. Aus westdeutscher Sicht ist die DDR das „dämmernde Land“, die Diktatur des Volks legt sich wie Äther auf das Land. Eine solchermaßen politisierte Landschaft durchfährt Richard Wagners Sprecher in Die Reise (1988). Selbst die Menschen wirken abweisend: „Manchmal Gesichter, / kleine, verschlossene, in denen keiner las.“ 

Reisegefährten: Vom Reisen in Gesellschaft

Eine Reise ist ein sozialer Vorgang – auch und gerade dann, wenn Reisen eher wie eine Flucht vor der Gesellschaft wirken. Man verlässt Menschen, nimmt andere mit, begegnet dritten, um schließlich wieder zurückzukehren – und wieder anderen vom Reisen zu berichten: „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Mitreisende, oft eine Bereicherung der Reise, genauso oft Reisemangel, dienen oft als Spiegelbild oder als Zerrbild des eigenen Befindens. Als Wandergenossen und Reisegefährten im Individualverkehr sind sie selbst gewählt, im öffentlichen Verkehr ist die Begegnung oft durch die Notwendigkeit der Transportbedingungen aufgezwungen. Das Ich wird dann zum Wir, erst recht, wenn das Transportmittel so umfassend ist wie in Rose Ausländers Gemeinsam (1984), nämlich „diese zerrissene / ungeteilte Erde / auf der wir / gemeinsam reisen.“ Aber viel unmittelbarer ist Reisegesellschaft nötig: um das Heimweh zu dämpfen und die Einsamkeit in der Fremde nicht spüren zu müssen. In Eichendorffs Heimweh (1841) ist der Reisegefährte der Bruder des Sprechers: „Wir wollen zusammen wandern, / Reich treulich mir die Hand!“. Dasselbe Motiv wird der Heimatlosigkeit in Theodor Storms Gedenkst du noch? (1857) entgegengesetzt: „Wer in der Heimst erst sein Haus gebaut, / Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen! / Nach drüben ist sein Auge stets gewandt; / Doch eines blieb, – wir gehen Hand in Hand.“

Reisegepäck: Gegenstände in der Reiselyrik

Jeder Reisende verreist mit Gepäck – mit realem oder imaginärem, buchstäblich oder metaphorisch. Auch in der Lyrik begleiten Gegenstände die Reise oder lassen ans Reisen denken. In Conrad Ferdinand Meyers Der Reisebecher (1874) findet das lyrische Ich den Reisebecher des verstorbenen Vaters und erinnert sich an eine lange zurückliegende Wanderung: „Gestern fand ich, räumend eines langvergeßnen Schrankes Fächer, / Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher. / Währenddes ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre, / War’s, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, / War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, / War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.“ Der Wind als Symbol des Aufbruchs und mit ihm „das gefühl einer langen reise“ zur Reise weht auch aus der Flasche in Peter Neumanns buddelschiff (2014): „durch die schmale öffnung / im flaschenhals / flaut ab, ein helles pfeifen“. Eine imaginäre Reise, die im Koffer vollzogen wird, erlebt das lyrische Ich in Johannes Schenks Überseekoffer (2000): „Morgen begeh ich mit Fernrohr unterm Arm / bei gutem Wetter den Kofferdeckel / und bestaune das letzte Meer.“ In Günter Kunerts Urlaubsfoto (1987) ist es eine Aufnahme „tote[r] Boote auf den Stränden“ mit leeren Fischernetzen, die als Mahnung den Aufbruch begleiten: „Noch ein Blick: Das Bild erfassen. / Dann mache dich zur Abfahrt bereit.“ Eine andere Funktion haben die Postkarten in Peter Salomons Vorübergehende Entfernung (1983): „Fotos von schönen Landschaften“ und konventionelle Grüße erinnern an die Ausnahmesituation der Urlauber, die mit der Rückkehr in den Alltag abrupt endet.

Reisegründe: Warum verreist man?

Die Gründe, weshalb man sich zu einer Reise aufmacht, sind so vielfältig wie die möglichen Ziele einer Reise. Jeder Grund wiederum unterliegt der Beurteilung durch die Daheimbleibenden. Warum reist jemand? Aus Neugier (curiositas) oder aus Lebensüberdruss (taedium vitae); um einer wie auch immer gearteten Not zu entfliehen; um sich oder die Welt zu entdecken; um sein Seelenheil zu finden oder ein Abenteuer; um der Heimat den Rücken zu kehren oder um sie wiederzufinden; um Geschäfte zu machen oder Kriege zu führen. Zu den bestehenden Gründen kommen in der Moderne neue Gründe, die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel ergeben: Urlaubs- und Erholungsreisen, Vergnügungsreisen, Studienreisen. Ludwig Fels formuliert in Fluchtweg (1984) einen ökologischen Grund zu reisen: „Man muss erfahren haben / welche Welt vergeht.“ In Heines Wandere! (1844) empfiehlt der Sprecher dem Adressaten, dem Liebesverrat ins Wandern zu entfliehen: „Schnüre den Ranzen und wandre!“. Auch der Sprecher bei Joseph von Eichendorff sich enttäuscht auf den Weg, als er feststellt, dass die Geliebte einen anderen gefunden hat: „Ich aber wandt mich fort ins Feld, / Nun wandr ich bis ans End der Welt!“. Ähnliches ergibt sich in Wilhelm Buschs Reisegedanken (1877) aus der Tatsache, dass man erbarmungslos älter wird: Die Forderung, die „versäumten Lebensziele“ zu begreifen. Die sinnige Verbindung dieser Ziele („Freunde, Schönheit der Natur, / Gesundheit, Reisen und Kultur“ ist naturgemäß das Reisen, und so mahnt der Sprecher: „Darum, Mensch, sei zeitig weise! / Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“. Als Grundmotiv des Reisens gilt auch das ethnographische Interesse am Anderen; das Reisen verspricht Aufschlüsse über die Eigenart anderer Nationen oder Kulturen. Bei Mascha Kaléko erscheint dieses Motiv in ironischer Brechung, wenn sie ihre Sehensnichtwürdigkeiten (1958) mit folgendem Hinweis eröffnet: „Wenn man so durch die Länder reist, / Kommt man durch viele Zeiten / Und erkennt der Nationen, sagen wir, ‚Geist‘ / An den Sehensnichtwürdigkeiten.“ Die Reise kann auch der Überwindung der Zivilisation dienen, ein Versuch sein, die brutale Ursprünglichkeit eines einfachen Lebens zurückzugewinnen. Aus dieser Sicht erscheint Europa, wie in Gottfried Benns Alaska (1913) als „Nasenpopel / Aus einer Konfirmandennase“, während die ungezügelte Wildnis Alaskas dem Mann allerlei Bewährungsproben bietet. Verwandt ist Wolfgang Hilbigs „laßt mich doch“ (1965), in dem der Sprecher dem „warmen klebrigen brei“ seines Zuhauses in „kalte fremden“ entfliehen muss. Reisen kann, wie oben angedeutet, eine Flucht zum Ziel haben – durchaus auch eine mehrfache Flucht, wie in Otto Julius Bierbaums Sentimentale Reise (1905), der mit dem Vorsatz verreist, nicht nur vor sich selbst und dem Adressaten zu fliehen, sondern vor allem, was ihn „täglich quält und treibt und freudlos macht“. Seinem Vorsatz, er wolle „frei sein und Zuschauer sein“, wird er nicht gerecht, und so endet er als „Maulwurf …, [der] nur die engen Gänge sieht, die er durchwühlt.“

Endlich da: Gedichte und überwältigendes Reiseglück

Wenn Reisende in Jerusalem in religiösen Wahn verfallen (Jerusalem-Syndrom), in Florenz dem Zauber der Kunststadt nicht standhalten (Stendhal-Syndrom) oder in Paris halluzinieren (Paris.-Syndrom) – dann hat der Reiseeindruck das Fassungsvermögen der Reisenden überfordert. Es erscheint im Zeitalter medialer Dauerüberflutung kaum vorstellbar, dass ein Reiseziel den Reisenden so in seinen Bann schlägt, dass er ihm nicht mehr gewachsen ist. Reisegedichte können ein Versuch sein, die betäubende Vielfalt und verstörende Fremdheit in den Griff zu bekommen. Das geschieht beispielsweise durch Bezüge zum Mythos, passend zur Landschaft. Friedrich von Matthison belebt in Abendlandschaft (1787-1794) das Seeufer mit magischen Naturwesen: „Schleierlos / Tanzt auf Moos / Gnom und Elfe, dort wo Rüstern / Am Druidenaltar flüstern“. In Joseph von Eichendorffs Schöne Fremde (1834) machen „[u]m die halbversunkenen Mauern / Die alten Götter ihre Rund’.“ Ein ebenso übliches Verfahren ist es, sich eigene Mythen zu schaffen und das ersehnte Ziel zu personifizieren. Zuweilen muss der überwältigende Eindruck sich eine neue Sprache schaffen, sich in kühnen Metaphern und raunenden Neologismen ausprägen, umso mehr, wenn sie ohnehin zum poetischen Programm gehören. Dies geschieht beispielsweise in Georg Heyms Ostseegedicht Gegen Norden (1911): „Es zittert Goldgewölke in den Weiten / Vom Glanz der Bernsteinwaldung“.

Reisezweifel und Reisekritik

Obgleich das Reisen an sich schon früh kritisiert wird, insbesondere, wenn es eine Hingabe an Welt und Sinnenlust bedeutet, kann von einer eigentlichen Reisekritik erst in der Moderne gesprochen werden: Erst dann wird das Reisen um seiner selbst willen betrieben, um der Bedeutungslosigkeit des eigenen Ichs zu entfliehen. Darauf nimmt etwa Gottfried Benn in Reisen (1950) Bezug: „Ach, vergeblich das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich: / bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich.“ Das Aufkommen von Fernreisen, die keine spirituellen Ziele mehr verfolgen (wie Kreuzzug und Pilgerreise), sondern wie die Grand Tour und die Entdeckungsreise nur der Selbst- und Welterkundung dienen, erzeugt Druck auf die Sesshaften und fördert gleichzeitig deren Reiseskepsis. Insbesondere seit dem Aufkommen der Eisenbahn gilt die Kritik am Reisen besonders dem allzu schnellen Reisen, etwa in Friedrich Rückerts Eilfahrt (1833): „Du hast, was Monde sonst getrennt, / Wie Sonn’ in Einem Tag durchrennt. / Wie ein Spaziergang durch den Garten, / Geht eine Fahrt durch Länderkarten“. In Theodor Fontanes später Gedichtfolge Unterwegs und wieder daheim (1895) blickt ein gealterter Sprecher kritisch auf sein Leben und das Reisen zurück. Der Text lässt sich lesen als Absage an das Reisen und bietet einen Katalog grundsätzlicher Einwände gegen das Reisen: Es sei kein „echtes Leben“, es „wärm[e]“ nicht, es schaffe weder Glück noch Geselligkeit. Deshalb folgert das lyrische Ich zuletzt: „Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung, / Was sich, umwerbend, ihr gesellt; / Das Haus, die Heimat, die Beschränkung, / Die sind das Glück und sind die Welt.“ Noch deutlicher wird Fontane in Welches von beiden, das die Mark Brandenburg dem Latium gegenüberstellt, um dann zu folgern: „Lockt auch Fremde, Schönheit, Pracht, - / Glücklicher hat mich die Heimat gemacht.“ Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Sprecher in Hans Magnus Enzensbergers Kleiner Abgesang auf die Mobilität (2003). Nachdem alle denkbaren Reiseziele von Bogotá bis Bujumbura mit Schwierigkeiten behaftet sind, formuliert der Sprecher das nun wenig überraschende Fazit: „Noch am ehesten auszuhalten / war es unter dem Birnbaum / zu Hause.“ Auch der Reisende kann seinem Ich und den damit verbundenen Belastungen nicht entkommen, sie nicht zurücklassen. Das konstatiert Kurt Tucholsky in Luftveränderung (1924). Am Ende einer gedanklichen Weltreise wird der Angesprochene desillusioniert: „Wie du auch die Welt durchflitzt ohne Rast und Ruh – : / Hinten auf dem Puffer sitzt / du.“ Auch die Sprecherin von Sarah Kirschs Unterwegs (1989) kann sich selbst nicht entkommen, weder ihrem Körper, noch dessen Schatten: „Mein Körper der mich begleitet / Lebenslänglich verfolgt / Von einem dunklen Schatten / Geformt wie ein Hund versessen / Um mich zu sein.“ Matthias Politycki deutet in Goldener Oktober (2005) ein verwandtes Problem an. Der Sprecher sitzt in New Yorks Central Park, „inmitten bunter Blätter / und jeder Menge Wolkenkratzer“ und meditiert darüber, was alles zu unternehmen oder zu unterlassen sei, um im Schluss den Anfang wiederaufzugreifen. Was immer man tut, man bleibt auch auf Reisen derselbe: „Der solcherart säße / erlöst von all den Blättern, Enten, Wolkenkratzern, / das wäre noch immer / kein anderer als ich.“ Manchmal ist die Last, die das leichtfertige Reisen so schwer macht, dem Reisenden nicht nur auf den Leib geschrieben, sondern unter die Haut. Volker Braun schreibt in Bestimmung (2016): „Und so gern ich mich erhebe / Zieht mich eine Last nach unten / Eingenäht in mein Gewebe / Hat sie ihren Ort gefunden.“ Hermann Hesse verwendet das Bild des inneren Kompasses, um in Resignation (1915) deutlich zu machen, dass das Reisen ihn nicht „in der Erfüllung Reich“ führe: „Er weiß, der Zeiger in der eignen Brust, / Weist stets denselben steilen Berg hinan / Zu neuem Leid und keiner neuen Lust.“ Vergleichbares gilt für das lyrische Ich in Mascha Kalékos Auf Reisen (c1968), das die Einsamkeit zur Reisegefährtin erhebt, um am Ende festzustellen: „Die Fremde ist Tröstung und Trauer / Und Täuschung wie alles. Von Dauer / Scheint Traum nur und Einsamkeit.“ In Die Seßhaften (1976) formuliert Wolfgang Bächler Zweifel daran, dass Reisen die geistig Verhockten noch verändern kann: „Sie träumen von fernen Ländern / und hoffen, in anderen Räumen / verändert zu erwachen“. Auch die romantische Wanderung, längst volkstümlich geworden, zieht in der Moderne Kritik auf sich. Wulf Kirsten lässt in ausflug (1969) Wanderer in Tirolerhüten auf dem Weg „zum nächsten waldlokal“ das zum Volkslied gewordene Eichendorff-Gedicht Der Jäger Abschied schmettern: „Wer hat dich…“. Selbst der einstmals so tröstliche Gedanke, dass sich die Heimat auch in der Fremde auffinden lasse, wird im Zeitalter reproduzierbarer, eintöniger Urlaubserlebnisse fragwürdig. In Sarah Kirschs Fluchtpunkt (1982) verschwindet schon der Weg selbst, weil „[d]ie eignen Maschinen [uns zwingen,] / Ohne Verweilen weiterzurasen“. Letztlich lohnt sich der Weg ohnehin nicht mehr, weil es die Fremde im Zeitalter ihrer medialen Verfügbarkeit ohnehin nicht mehr gibt. Ähnliches stellt Günter Kunert in Genug gereist (2011): „Ich bin kein Columbus. / Benötigte Gewürze gibt’s / hinter der nächsten Ecke.“ Die Globalisierung lässt eine Straße wie die nächste aussehen: „Alles ist austauschbar wo wir auch sind“. Mit dem Massentourismus, dessen Vorboten die im Baedeker schmökernden Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts sind, findet die Reisekritik ein neues Ziel: den Pauschalreisenden. In Paxe (2003) karikiert Hans Magnus Enzensberger „[d]iese Leute mit ihren Sonnenbrillen, / ihren Cremes, ihren komischen Mützen“, die von Werbeprospekten in die Fremde gelockt und von Fremdenführern vor „Trümmerfelder und Tempel“ genötigt werden, die sie nicht verstehen. Schon Fallersleben beanstandet den Italien-Tourismus seiner Zeitgenossen: Was ein „deutscher Philister“ sei, scheue sich nicht vor Reisestrapazen, um nach der Besichtigung zahlreicher Sehenswürdigkeiten sagen zu können: „Italien ist doch schön!“. Ein ähnlich dürftiges Resumé bleibt dem Reisenden in Eugen Roths Nach der Reise (1973): „Da war ich auch – vor dreißig Jahren!“. Weder das Aufschreiben noch das Bildermachen verhelfen dem Reisenden dazu, die Reiseerinnerungen festzuhalten. In beiden Fällen gilt die Kritik der fehlenden Intensität des Erlebens, wenn nur Punkte auf einer Landkarte abgehakt werden. Idealtypisch erfüllt Roths Reisender damit Ilja Trojanows Beschreibung des Homo viator, des immerzu Reisenden: „Der Homo viator kommt eigentlich nie wirklich an, er kehrt zurück und plant schon seine nächste Reise, während er noch den Koffer der letzten Reise entleert.“ Als solcher kann sich der Homo viator kaum den Verlockungen der Reiseindustrie entziehen, die mit geschönten Bildern um Kunden wirbt. Jan Volker Röhnert beschreibt in Wahre Wunder (2014) die Überflutung mit touristischen Werbemitteln: „Das Material, uns darauf einzustimmen, / lag überall aus. Auf Monitoren, / Matratzen, Fellsesseln und Fensterläden verstreut - / Bunte Prospekte, Wettersegel, Fesselballons, Drachenkitsch.“ Dass die Tourismusindustrie dabei ihren Gewinn im Blick behält, stellt Wilhelm Riedel in seinem Reisebüro-Gedicht xenophil (2015) heraus: „Fernweh schweift über Berge, / um das geheimnisvoll Fremde zu erreichen – / und den Umsatz zu steigern.“ Das Geschwätz geistloser Pauschaltouristen imitiert Ralf Thenior in Gran Canaria (1977). Ihre kulturelle Einsicht beschränkt sich auf die Einstellung, es sei doch wirklich sauber auf den Kanaren, nur seien die Bewohner „so arm“. Eine beißende Abrechnung mit Salzburg ist Erich Frieds Salzburg? Der Sprecher gewährt der touristisch verhunzten Mozartstadt lediglich die Aussicht, später zu einer Schönheit werden zu können, wenn „keine Broschüren sie mehr anbieten und vermarkten.“ Einen „Vorgeschmack auf die Hölle“ nennt das Reisen Durs Grünbein in Kosmopolit. Neben der Eintönigkeit der Erlebnisse beanstandet er: „Dem Körper wird Zeit gestohlen, den Augen Ruhe. / Das genaue Wort verliert seinen Wert.“

Gedichte zum Geleit: Reisesegen und Reiselehre

Die beschwerlichen und nicht selten auch gefährlichen Reisebedingungen bis zum Aufkommen des Komfortreisens in der Moderne machen den Reisesegen zu einer der wichtigsten Gedichtformen. Dabei kann der Reisesegen, wie etwa Goethes Reise-Segen für Gräfin Julie von Egloffstein (1819), auch eine Einweisung ins rechte Reisen sein: „Sei die Zierde des Geschlechts! / Blicke weder links noch rechts; / Schaue von den Gegenständen / In dein Innerstes zurück; / Sicher traue deinen Händen, / Eignes fördre, Freundes Glück.“ Ein weiterer Reisesegen leitet den Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden (1821) ein. Er fordert indirekt dazu auf, ins „eigne Herz und das der Lieben“ zu sehen, sobald der Pfad „verfänglich“ wird. Auch in längere Texte können Reisesegen eingestreut sein, wie jener Segensspruch, der Ferdinand Freiligraths Die Auswanderer (1832) abschließt: „Der Bootsmann winkt! – Zieht hin in Frieden: / Gott schütz’ euch, Mann und Weib und Greis! / Sei Freude eurer Brust beschieden, / Und euren Feldern Reis und Mais!“. Auch Ulla Hahns Reisesegen (2013), der das Versprechen zum Ausdruck bringt, „niemals ans Ziel“ zu kommen, enthält reisedidaktische Züge – jedoch weniger konkrete Handreichungen als reisephilosophische Hinweise. Der Reisespruch (als weltliche Form des Reisesegens) versucht den Reisenden über richtiges Reisen zu belehren. Michael Moscherosch etwa schlägt in seinem Reisespruch (1640) vor, man solle schweigend reisen, „steten Schritt[es]“ und mit leichtem Gepäck. Otto Julius Bierbaum rät in Glück auf die Reise! (1897), sich von den „kreischenden Zwergen“ in der Heimat lachend zu verabschieden: „Lach ihnen Abschied! Fahr über das Meer! / Steig über die Berge!“.

Kennst du das Land? Rom und Venedig in der Reiselyrik

Als Nabel der antiken Welt und Machtzentrum der katholischen Christenheit fasziniert Rom deutsche Lyriker vom Humanismus bis zur Gegenwart. Schon Andreas Gryphius nennt Rom in seinem Sonett Als Er aus Rom geschidn (1646) eine „Stadt der nichts gleich gewesen“, deren Reichtum an Altertümern und Kunstwerken das Auge überwältigt: „Man kann euch nicht satt mit zwei Augen schauen.“ Romgedichte wie Ludwig Tiecks Erster Anblick von Rom (1805/1806) bedienen sich aus einer Motivreihe, die beim ersten Anblick der Ewigen Stadt beginnt, die Größe der Bauten der eigenen Geringfügigkeit gegenüberstellt um endlich in der Wirklichkeit der italienischen Gegenwart anzukommen. Auch verbindet Goethe in seinen Römischen Elegien (1788 / 1790) die klassische Schönheit mit der sinnlichen Grazie des Roms seiner Zeitgenossen, bietet Reiseerlebnis im antiken Distichon dar. Die Begeisterung der deutschen Klassiker glüht noch in Stefan Georges Rom-Fahrer (1899) nach, der den Lesern Roms historische Größe ins Gedächtnis ruft: „Dort gaukelt vor euch ein erhabnes ziel / Durch duft und rausch in marmor und paneelen / Dort lasset ihr vom besten blute viel / Und ewig fesselt eure trunknen seelen“. In Konstantin Weckers Rom (1978) bedarf es eines ganzen Tageslaufs, ehe der Betrachter im nächtlichen Rom das Erlebnis vieler Rombesucher sei Goethe wiederholt: „[D]u willst die ganze Stadt umfassen – / Rom hat dich endlich. Nie mehr bist du frei.“ Ganz der satirischen Desillusionierung des Rombegeisterten dient Robert Gernhardts in ROMA AETERNA (1987), der einem an Rilke geschulten Sonett über Roms Altertümer eine lakonische Pointe anhängt: „Rom hat viel alte Bausubstanz.“ Letztlich verschwindet Rom ganz, zumindest als emphatisch gefeierter Ort der Wiedergeburt antiker Größe. Durs Grünbein eröffnet FORMA URBIS ROMAE (2010) mit einer lyrischen Verlustanzeige: „Alles da ist verschwunden / Nichts mehr da von der Pracht, / Die der Grundriss uns glauben macht.“ Besonders in der Klassik, als die deutsche Gemeinde in Rom deutsche Dichter und Künstler anzieht und begeistert, wird die Italienreise zum Gegenstand der Lyrik. Das sicher bekannteste Stück ist das Lied der Mignon aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795 / 1796). Das oft parodierte Stück, das Goethe ohne unmittelbare Anschauung Italiens verfasste, vereint typische Versatzstücke des klassizistischen Italienbilds: die idyllischen Züge eines sorglosen Südens und die Allgegenwart der idealisierten Antike, die erst nach der Übersteigung der Alpen fühlbar werden: „Kennst du das Land? wo die Citronen blühn, / Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, / Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, / Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, / Kennst du es wohl? / Dahin! Dahin / Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.“ Viele der Motive Goethes, etwa die Myrte, finden sich auch bei Friederike Brun, die in der Ode Rückkehr auf sich (1801-1810) resigniert berichtet, wie wenig Italiens Reiz bei der seit über zehn Jahren gehörlosen Lyrikerin verfängt: „Meer, das hell den schimmernden Aether spiegelt / Sanft die Wälder röthlicher Küsten gürtend, / Mich vergebens lockst du mit deinen süßen / Schmeichelnden Tönen!“. Die Süße Italiens ist aber nur um den Preis einer Reise vorbei an schroffen Alpengipfeln zu kosten. Das Hochgebirge gibt erst allmählich den Blick auf Italien frei, wo alles anders ist. In Conrad Ferdinand Meyers La Röse (1873), der seinen Sprecher in der Poststation La Röse auf der Südseite des Berninapasses rasten lässt, tost sogar das Wasser „in weichern Lauten“. Bei aller Bezauberung durch Italiens Schönheit kehren zahlreiche Autoren zurück, um die herbe Schönheit des Nordens neu zu entdecken. In Joseph von Eichendorffs Rückkehr (1834) spricht das lyrische Ich zunächst schwärmerisch vom „Berg Vesuv und Romas Stern“, eher es zu der Überzeugung gelangt, es gefalle ihm „doch nichts so sehr / Als das deutsche Waldesrauschen.“ Kein gutes Haar an Italien lässt vollends August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in Addio! (1844). Sein auf den „28. September 1844“ datiertes Gedicht liest sich wie eine Litanei eines von Italien durchweg Enttäuschten: Er findet dort neben „Schmutz und Dürftigkeit“ ein „Volk der Wichte / Das vom Ruhm der Vorwelt zehrt“, stört sich am, „ew’gen Sonnenschein“ und an den italienischen Bettwanzen. Ein nostalgischer Rückblick auf Italiens gesunkenen Stern dominiert in Italien von Isolde Kurz (1925): „Hingestreckt zwischen beiden Meeren / Liegst du und träumst in Mittagsruh’, / Götterliebling!“ Das personifizierte Italien genießt, des „schwere[n] Lorbeer[s] ledig, einen „heiteren Abend“. Dass sich der Reisende beim Weg nach Italien wandelt, ist das Ergebnis von Walter Höllerers Jetzt geht’s nach Süden zu (1952): „Jetzt geht’s nach Süden zu. / Von Eseln klipp und klapp. / Und endlich fällt von deinem Schuh / Der Nordbär ab.“ In den Jahrzehnten nach dem Krieg wird die deutsche Beziehung zu Italien wieder inniger, die zwischenzeitlich verschüttete Liebe wird wieder ausgegraben und gedeiht bis zum Klischee. In Italien (1982) rühmt die Sprecherin Italiens Gastfreundschaft: „Die Menschen verstehen mich / antworten mir / mit gütigen Gesten / jeder Blick ein / Willkomm-Gruß // Italien / mein Immerland.“ Auch in Rainer Malkowskis Zu Gast bei Emilio (1983) heißt es zuletzt: „Wirklich, ich fühle mich / hier deutlicher zu Hause.“ Eine Sonderstellung für deutsche Lyriker hat (neben Rom) zweifellos Venedig, die verfallende Lagunenstadt, wo sich Dekadenz und der Zauber untergegangener Größe treffen. Schon Goethe setzt in den Venezianischen Epigrammen (1790) eine nächtliche Gondelfahrt dem Leben gleich: „Zwischen der Wieg’ und dem Sarg wir schwanken und schweben / Auf dem Großen Kanal sorglos durchs Leben dahin.“ Die Klage um den Verfall der Adelsrepublik findet sich beispielsweise bei August von Platen, der im 12. seiner 1824 entstandenen Sonette aus Venedig festhält: „Venedig liegt nur noch im Land der Träume, / Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen“. Das Motiv der geheimnisvoll umschatteten Stadt, die im Dunkel der Lagune versinkt, greift auch Conrad Ferdinand Meyer bekanntes Gedicht Auf dem Canal grande (1889) auf: „Auf dem Canal grande betten / Tief sich ein die Abendschatten, / Hundert dunkle Gondeln gleiten / Als ein flüsterndes Geheimnis.“ Das Bild des Traums greift auch Friedrich Hebbels Epigramm Venedig (1845) auf: „Wie ein verwirklichter Traum begrüßt dich das bunte Venedig, / Wenn du es flüchtig durchschiffst“. Der Traum, „das phantastische Bild“, löst sich jedoch auf, wenn der Reiseführer von der Entstehung der Stadt berichtet. Als Überrest einer glorreichen Vergangenheit, als Museum seiner eigenen Herrlichkeit, erscheint die Serenissima in Hermann Hesses Ankunft in Venedig (1903): „Von tiefem Traum besiegt, / Vom Tode eingewiegt, / Schläft hier die Zeit“. Als eigentümlich zeitloses Wesen erscheint die Lagunenstadt auch in Rainer Maria Rilkes Venezanischer Morgen (1908). Der Sprecher beschreibt Venedig als „die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer / von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut, // sich bildet ohne irgendwann zu sein“. Voller Todesahnungen ist auch Trakls In Venedig (1913): Reglos nachtet das Meer. / Stern und schwärzliche Fahrt / Entschwand am Kanal.“ Den Rang der Ewigkeit verleiht auch Stefan Zweig der von der Morgensonne erleuchteten Stadt in Sonnenaufgang in Venedig (1917). Der Zauber Venedigs überwältigt selbst die Skeptiker; die bloße Erwähnung des Stadtnamens lässt die Umstehenden, wie in Friederike Roths Sag Venedig (1985) in Verzückung geraten: „Sag Venedig. / Jeder dreht / blödsinnig geworden die Augen nach innen“. Venedig ist kein „zynischer Trick“. Venedig kann nicht verstanden werden, es wird gefühlt, „von Welle zu Welle / von Brücke zu Brücke“. Solcherart angeeignet ist Venedig eben doch unvergänglich. In Mein Venedig (1982) von Rose Ausländer lautet die Schlussstrophe: „Mein Venedig / versinkt nicht.“ In der Lyrik des neuen Jahrtausends wird allerdings auch Venedig entzaubert: In EvaChristina Zellers canale grande (centro tedesco) von 2007 scheint sich zunächst eine traditionsbewusste Verbeugung vor Venedig anzubahnen, bis in der Beschreibung des folgenden Morgens aller Zauber weicht: „am morgen die gondoliere das handy am ohr / eine schwarze müllfrau wirft / schwarze säcke ins boot der müllmann krault sich / die hand in der hose“. Ähnlich kritisch äußert sich der Sprecher in Durs Grünbeins Venezianische Sarkasmen (2007). Insbesondere der Ausverkauf Venedigs in Namen des Denkmalschutzes beanstandet er, klagt über den Tourismus in elegischen Distichen: „Er spült das Geld in die Kassen, zahlt für Müllabfuhr, Feuerwehr, / Die Restaurierung der Kirchen im Tausch für Plunder und Prunk.“

Rückkehrgedichte

Jedes Abreisen schließt die Möglichkeit einer Rückkehr ein, die den innerlich veränderten Reisenden an den Ausgangspunkt seiner Reise zurückführt – der sich möglicherweise selbst verändert hat. Es bieten sich zwei Möglichkeiten: die Rückkehr als Heimkehr in eine vertraute Heimat, die das Subjekt schützend aufnimmt, zum anderen die Rückkehr in eine Heimat, die dem Rückkehrer fremd geworden ist. In Adelbert Chamissos Bei der Rückkehr (1818, zuvor mit „An die Heimat übertitelt“) bittet der heimgekehrte Fernreisende, von seinen Gefühlen überwältigt, um ein Grab in der Heimaterde: „O deutsche Heimat! – Woll ihm nicht versagen / Für viele Liebe nur die eine Bitte: / Wann müd am Abend seine Augen sinken, / Auf deinem Grunde laß den Stein ihn finden, / Darunter er zum Schlaf sein Haupt verberge.“ Die andere Form der Rückkehr führt Joseph von Eichendorff in Rückkehr vor. Das lyrische Ich ist nach langem Aufenthalt in der Fremde selbst zum Fremden geworden: „Am Brunnen steh ich lange, / Der rauscht fort wie vorher, / Kommt mancher wohl gegangen, / Es kennt mich keiner mehr.“ Auch Eva Christina Zellers Sprecher aus hälfte (im zug zürich – horb – tübingen) (2003) erkennt nach der Rückkehr von einer Reise, dass das Zuhause fremd geworden ist: „verluste häufen sich in den ecken / es riecht nach katzen / und am ende wohnst du / in der fremde“. Besonders schmerzlich ist die Rückkehr für den Exilanten. In Hans Sahls Charterflug in die Vergangenheit (2009, postum) wird die Ankunft der Exilanten auf dem Berliner Flughafen Tempelhof geschildert: „Die Nachgeborenen begrüßten die / Überlebenden. / Schuldlose entschuldigten sich für / die Schuld ihrer Väter.“ Das Gefühl ihres Verlusts ereilt die Exilanten aber erst, als sie in die USA zurückgekehrt sind: „Als sie sich der Küste von / Long Island näherten, / sahen sie die Schwäne auf der Havel / an sich vorbeiziehen, / und sie weinten.“ Auch für den Exilanten in Carl Zuckmayers Elegie von Abschied und Wiederkehr (1939) ist die Heimat verloren, in die der Sprecher eines Tages zurückkehren wird: „Ich werde durch erloschne Städte gehen, / Darin kein Stein mehr auf dem andern Stein. […] Ich weiß, ich werde alles wiedersehen / Und nichts mehr finden, was ich eins verlassen.“ Ganz ähnliche Mutmaßungen stellt das lyrische Ich in Bertolt Brechts Rückkehr (1943) an: „Die Vaterstadt, wie find ich sie doch? […] / Wo denn liegt sie? Wo die ungeheuren / Gebirge von Rauch stehn.“ Den Verlust der Heimat prophezeit auch Klabund dem Polarforscher in Abschiedsworte an einen Nordpolarfahrer (1927): „Kehrst nach manchen Jahren dann zurück du – / Liegt Europa brach von Menschen leer. / Bleib in deinem weißen Nordpolglück – / Du findest eine goldne Welt nicht mehr.“

Imaginäre Reisen: Seelenreise, Gedankenreise, Traumreise

Wer nicht reisen will und kann, verreist als Lyriker dennoch: auf den Schwingen der Phantasie oder – wie Heinrich Heine im 10. Stück des Lyrischen Intermezzos von 1823) – „[a]uf den Flügeln des Gesanges“. Der poetische Entwurf liefert dazu wie in Friedrich Schillers Sehnsucht (1801) das Panorama, in dem sich die Sehnsucht beheimaten kann. Das Gedicht, das im Konjunktiv die Fluchtgedanken des noch Verharrenden schildert, endet mit der Aufforderung, die innere Reise zu wagen: „Nur ein Wunder kann dich tragen / In das schöne Wunderland.“ Die Möglichkeit eines Reisens in der Phantasie kann auch zur Verweigerung führen, wirklich zu reisen – dann wird, wie in Ludwig Uhlands Reisen (1834), die Heimat mit ihren Gedächtnisspuren zu einem weitaus besseren Reiseort: „Alt’ und neue Jugendträume, / Zukunft und Vergangenheit, / Uferlose Himmelsräume / Sind mir stündlich hier bereit.“ Bei Uhland führt die Intensität dieser Seelenreise letztlich zur Flucht: „Darum, Freunde! will ich reisen; / Weiset Straße mir und Ziel! / In der Heimat stillen Kreisen / Schwärmt das Herz doch allzuviel.“ Oft sind es Vögel, an die sich die Gedanken heften, wenn eine Seelenreise beginnt, beispielsweise in Friedrich Nietzsches Im Süden, wo das lyrische Ich sich von Vögeln das leichte Schweben abschaut: „Ich hieß den Wind mich aufwärts heben, / Ich lernte mit den Vögeln schweben, — / Nach Süden flog ich über’s Meer.“ Verwandt ist Bertolt Brechts Lied der Starenschwärme (1932), in der sich der Sprecher als Mitfliegender in einen „in südlicher Richtung“ fliegenden Starenschwarms inszeniert. In Hugo von Hofmannsthals Reiselied (1908) wird das lyrische Ich von Vögeln in ein utopisches Land entführt: „Kommen schon auf starken Schwingen / Vögel her, uns fortzutragen.“ In Stefan Zweigs Hymnus an die Reise (1924) ist das Fliegen die einzige Möglichkeit, sich von der Melancholie zu lösen und sich selbst zu finden: „Im Flug nur entfliehst du der eigenen Schwere, / Die dir dein Wesen umschränkt und erdrückt. / Wirf dich ins Weite, wirf dich ins Leere, / Nur Ferne gewinnt dich dir selber zurück!“. Auch Konstantin Wecker greift das Vogelmotiv auf, mit dem er in Ich fliege (1986) das in diesem Fall an den Ikarus-Sturz erinnert: „Ich fliege übers / Ach-ich-kann-nicht-Meer. / Die Wolken prasseln meine Flügel nass.“ Traumreisen können willkürlich durchgeführt werden oder sich unwillkürlich vollziehen. Letzteres geschieht in Eva M. SirowatkasLautlose Reise (1976), deren Sprecherin im Traum „in lautlosen Zügen / ostwärts“ fährt. Die Lautlosigkeit der Landschaft ergibt sich zum einen aus der Zugfahrt, die den Reisenden von der Landschaft isoliert, zum anderen ist sie wie Bewegungsunfähigkeit und Sprechversagen ein Anzeichen für den Zustand des Träumens. Einen traumhaften Ritt „auf einem schwarzen Pferde“ beschreibt Franzisca Stoecklin in ihrem Gedicht Im Traum. Der Sprecher, im Traum „ein junger Edelmann“, reitet ziel- und orientierungslos durch die Nacht: „Ich wusste nicht, woher ich kam. / Ich wusste nicht, wohin ich ritt.“ In Kerstin Hensels auf Shakespeare anspielende Hochsommernachtstraumreise (1988) zieht das lyrische Ich nachts durch einen mythischen Wald von Arden, in dem Boviste rauchen und Puck herumtollt. Traumreisen enden naturgemäß damit, dass der Träumende seine Augen öffnet. In Peter Beitlichs Sehnsucht (1971) nähert sich das lyrische Ich im Traum zunächst „fernen Ländern / weiten Sternen / fremden Welten“, ehe ihn ein Blinzeln mit der Welt konfrontiert, die „freudlos hässlich kalt“ ist. Die Gedankenreise (ganz im Sinne des Volkslieds Die Gedanken sind frei) beschreibt Joachim Ringelnatz in seinem humoristischen Gedicht Zu Dir. Die Gedanken sind Reisende, die man nicht aufhalten kann: „Sie schritten durch eine steinerne Wand, / Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand, / Durch Grenzverbote und Schranken, / Und durch ein vorgehaltenes Gewehr.“ Eine Reise des Herzens in „silberne Ferne“ entwirft Louis Fürnberg in Der neue Odysseus (1948). Die homerische Odyssee wird zur sinnlosen Suche nach dem Rätsel der Existenz: „Wohin? Um der Fahrten willen, des steten Entdeckens, / um der unersättlichen Neugier planlosen Suchens, / nimmer innezuhalten und hinzutreiben“. Das reisende Wort ist eine weitere Variante der Gedankenreise – ob es als Schall oder Brief reist, es lässt seinen Urheber zurück und nimmt ihn zugleich mit. Dieses Paradox ist in Eveline Haslers Auf Wörtern reisen (1993) angelegt: „Im Zimmer sitzen / und auf Wörtern reisen // Auf Sätzen durch verschlossene Türen fliegen / Herzen / aufschliessen mit dem / Schlüssel Wort“. Wie Wörter können auch Bilder Reisen ermöglichen, Reisen in den fiktiven Raum des Bildes. In diesem Sinne bereist die Sprecherin in Friedrich Mayröckers lieber in Gedanken reisen, Hokusai (1994) den Bildraum des Fuji-Bilds des im Titel genannten Farbholzschneiders: „Wie, frage ich, Erkundungen einer Ferne / mit den eigenen Füßen, wie, frage ich, Erfahrungen einer Ferne, / mit den eigenen Augen. Wie Sehnsucht nach Ferne / mit Sesshaftigkeit vereinen.“ Wenn schon das Bild eine Reise ermöglicht, um wieviel mehr dann das Fernsehen? In Liegewagen (1998) von Richard Pietrass reist der Sprecher klimafreundlich auf dem, Sofa („Mein Fahren tut dem Wald nicht weh“) durch eine „stummverfilmte Frühlingswelt“. Lange vor der Erfindung des Fernsehers war die gebräuchlichste Form des Reisens das Reisen mit der Lektüre. In Theodor Fontanes Meine Reiselust wird eine Reihe exotischer Reiseziele genannt. Spätestens die Erwähnung der einsam Insel Salas y Gomez macht deutlich, dass die Reise nur eine erlese ist: „Nach Salas y Gomez wurde ich getrieben, / Wo der Mann die drei Schiefertafeln geschrieben“. Es handelt sich um sekundäre Reiselyrik, die Anspielung gilt Adalbert von Chamissos Salas y Gomez (1830): „Salas y Gomez raget aus den Fluten / Des stillen Meers, ein Felsen kahl und bloß“. In Paul Boldts Gedicht In der Welt (1914) ist es das Ich, das die physisch erfahrbare Welt verlässt, um sich auf die „Sternenreise“ zu begeben: „Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.“ Solcherart ist auch Nadja Küchenmeisters reise zum mond (2014), die keine Weltraumreise im eigentlichen Sinne ist, sondern eine Reise ins Nirgendwo, wo sich Phantasie und sinnliche Erfahrung vermischen. Eine Sonderform der Seelenreise ist die Reise in die eigene Seele – als Entdeckungsfahrt ins Selbst wie in Der Abenteurer (1932) von Joachim Ringelnatz, der beim Reisen durch seine „eigene Brust“ die Weiten auszumessen hofft: „Ich will mich treiben lassen / In Welten, die nur ein Fremder sieht.“

Sehnsüchte: Sehnsucht, Fernweh und Heimweh

Kein Wort bringt die Grundhaltung romantischer Lyriker so deutlich zum Begriff wie „Sehnsucht“: das Gefühl der inneren Trennung vom Hier und Jetzt. Sehnsucht ist das Gefühl, hinausgezogen zu werden in die Ferne, nicht bleiben zu wollen, wo man ist. Auslöser der Sehnsucht kann der ungehemmte Vogelflug sein – etwa in dem bekannten Volkslied Der Flug der Liebe aus Herders Stimmen der Völker in Liedern (1778): „Wenn ich ein Vöglein wär’ / Und auch zwei Flüglein hätt’, / Flög’ ich zu dir.“ Der Modus der Sehnsucht ist der Konjunktiv der Unmöglichkeit – Flügel mag man sich wünschen, erlangen wird man sie nicht. In Friedrich Schillers Sehnsucht (1802) malt sich der Sprecher aus, er könnte fliegen: „Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel, / Nach den Hügeln zög ich hin.“ Ihm ist jedoch klar: „Nur ein Wunder kann dich tragen / In das schöne Wunderland.“ Ihm Ein anderes Motiv, das Sehnsucht auszulösen vermag, ist der entfernte Mond. In Eichendorffs Sehnsucht (1834) sind es die bekannten Sehnsuchtssignale, die man auch aus anderen Texten der Romantik kennt: das „Posthorn im stillen Lande“, das Wanderlied der Gesellen und das Rauschen entfernter Brunnen. Das romantische Sinnbild der Sehnsucht schlechthin ist jedoch die blaue Blume aus Novalis’ Roman Heinrich von Ofterdingen – sie ist jedoch, wie in Eichendorffs Die blaue Blume, auch nach langer Suche nicht auffindbar: „Ich wandre schon seit lange, / Hab lang gehofft, vertraut, / Doch ach, noch nirgends hab ich / Die blaue Blume geschaut.“ Die zunehmende Vorfreude auf eine Wiedervereinigung mit dem Vertrauten lässt die Reisezeit zusammenschmelzen. In Erich Frieds Rückfahrt nach Bremen (1983) lässt die Erwartung der Geliebten die Strapazen der Rückreise vergessen: „Dann im Morgengrauen / die Bahn / monoton / ermüdend / aber zu dir hin.“ In Mascha Kalékos Sehnsucht nach dem Anderswo wird jegliches Mittel verworfen, wie der Sehnsucht zu entkommen sei, das einerseits das heimische Herdfeuer, andererseits der pfeifende „Vagabundenwind“ auslösen: „Der Sehnsucht nach dem Anderswo / Kannst du wohl nie entrinnen: / Nach Drinnen, wenn du draußen bist, / Nach Draußen, bist du drinnen.“ Das naheliegendste und zugleich schleierhafteste Reisemotiv ist eine Sonderform der Sehnsucht: das Fernweh, die unbestimmte Ahnung, dass es woanders besser sei. In Charlotte von Ahlefelds Sonett Streben in die Ferne (1808) lautet die Antwort auf die Frage, was die Sprecherin „in’s Weite“ rufe: „Es ist der Hoffnung wunderbares Wehen / Das weit entlegne Länder mir verklärt“. Ähnliches formuliert Ludwig Tieck in Sehnsucht (1797): „Ach! ach! wie sehnt sich für und für / O fremdes Land, mein Herz nach dir.“ Das Gegenstück zum Fernweh ist das Heimweh, das den Reisenden oft unvermittelt in der Fremde anfällt und die Reisefreuden trübt. In August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Heimweh in Frankreich (1839) wünscht sich der Sprecher zwischen Saône und Rhône zurück nach Deutschland: „Die Fremde macht mich still und ernst und traurig; / Verkümmern muss mein frisches junges Herz. / Das Leben hier, wie ist es bang und schaurig, / Und was es beut, ist nur der Sehnsucht Schmerz.“

Gemächliches Betrachten: Lyrische Spaziergänge

Der Spaziergang, der keiner Vorbereitungen bedarf und sich von der Wanderung durch seine Kürze, Ziellosigkeit und Gemächlichkeit unterscheidet, ist ein kulturhistorisches Phänomen der Muße. Nur wer nicht arbeiten muss, kann sich zu einem Spaziergang aufmachen, der seinerseits Zeit und Anregungen für das Philosophieren bietet. Ein Beispiel für philosophische Spazierlyrik ist Friedrich Schillers umfangreiches Reflexionsgedicht Der Spaziergang, 1795 unter dem Titel Elegie veröffentlicht. Spaziergedichte wie Friedrich Hölderlins Der Spaziergang aus seiner Zeit im Tübinger Turm (1807-43) vereinen daher oft Landschaftsblick und Innenschau. Das Lustwandeln und Ambulieren rettet sich als Flanieren und Promenieren aus den Adelsgärten des Barocks auf die Boulevards des Bürgertums, wo man während des gemächlichen Gehens auch Kontakte pflegen kann. Einen Höhepunkt erreicht die lyrische Beschäftigung mit Spaziergängen zur Zeit der Jahrhundertwende. Das ostentativ langsame Gehen gibt dem Dandy, dem Flaneur, Gelegenheit zum Weltgenuss und zur Zurschaustellung seiner Unangestrengtheit. Der Ästhetizist findet reichlich Material für Lyrik, die in kostbaren Bildern schwelt. Spaziergedichte gibt es sowohl von Hugo von Hofmannsthal, von Clara Müller-Jahnke, aber auch an Kafkas Prosaskizze Der plötzliche Spaziergang wäre zu denken. An der Universität Kassel wird das abgesunkene Kulturgut des Spaziergangs von der Promenadologie (Spaziergangswissenschaft) untersucht, um das langsame Wahrnehmen für die Nachwelt aufzubewahren. Lyrische Spaziergänge können von einer Beobachtung oder einem Erlebnis in die Reflexion ausschweifen – in Klabunds Spaziergang (1927) ist es Vogelkot, der ein Räsonieren über die Ungerechtigkeit der Natur anstößt. Andererseits ermöglicht der Spaziergang im Gegensatz zur kraftraubenden Wanderung auch Gespräche zu zweit, die in Gedichten auch von Naturbeobachtungen ausgehen können. In Hedwig Lachmanns Spaziergang (1919) legt das Naturbild ein Liebesgeständnis nahe, das aber unterbleibt: „Zwei helle Birken an der Waldeswand. / Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh! / Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt! / Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen’s nie.“ Gegenstand des Spazierganggedichts kann auch das langsame Vergehen der Zeit sein, die Gelegenheit gibt, im Traum zu versinken wie in Georg Trakls Spaziergang: „Du träumst: die Schwester kämmt ihr blondes Haar, / Auch schreibt ein ferner Freund dir einen Brief. / Ein Schober flieht durchs Grau vergilbt und schief / Und manchmal schwebst du leicht und wunderbar.“ Im Gegensatz zum Wanderer, der sein Ziel erreichen möchte, hat der Spaziergänger Muße, stehenzubleiben – wie Hugo von Hofmannsthals Sprecher in Spaziergang (1893), der an einen Bretterzaun gelangt und über die Welt dahinter spekuliert. Das ruhige Durchschreiten der Natur kann allerdings auch heilsam sein- Aus einem längeren Spaziergang bringt der Sprecher in Der Spaziergang von (1785) Johann Gaudenz von Salis-Seewis folgende Erkenntnis mit: „Wenn euch die Sorgen drücken, / Geht in das weite Feld hinaus; / Trost wird euch da erquicken. / Im Leiden Mut und Labung nur / Gewährt die heilige Natur!“

Gedichte über Städtereisen

Die Anzahl der seit dem Barock entstandenen Städtegedichte ist unübersehbar. Für die Reiselyrik relevant sind insbesondere Texte, die sich a) dem Abschied aus einer Stadt, b) dem Herannahen und der Ankunft und c) der Beschreibung eines Reiseziels widmen. Eine Sonderform ist das vom Reisenden zum Ausdruck gebrachte Städtepreis, eine Lobpreisung einer Reisestation. Ein barockes Beispiel ist Paul Flemings Er redet die Stadt Moskau an (1636), in dem er Russlands Hauptstadt als „edle Kaiserin der Städte der Ruthenen“ preist. Das Städtelob verkehrt sich in der Moderne zur Zivilisationsklage. In Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht (1975) entsteigt der desillusionierte Reisende dem Zug, um eine von Unrat und Enttäuschung entstellte Stadtlandschaft zu beschreiben: „Zerstörte Landschaft mit / Konservendosen, / die Hauseingänge / leer, was ist darin? Hier kam ich // mit dem Zug nachmittags an“.

Gedichte über Sommerfrische und Urlaub

Das Urlaubsgedicht ist eine kulturgeschichtlich relevante Sonderform des Reisegedichts. Zwar gibt es bereits in der Minnelyrik das mittelhochdeutsche „urloup“ als Erlaubnis des Dienstherrn, wegzugehen. Seine arbeitsrechtliche Bedeutung erhält der Urlaub erst im Kaiserreich: 1903 werden erste tarifliche Vereinbarungen zum Jahresurlaub getroffen. Erst das Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) vom 8.1.1963 regelt die Mindesturlaubsdauer für Arbeitnehmer und gewährt 24 Tage Jahresurlaub zur Wiederherstellung der Arbeitskraft. Damit wird deutlich: Urlaubsreisen sind Reisen von Arbeitnehmern, ihr Zweck ist die Erholung, wie auch immer sie ausfallen möge. Schon in Oskar Kanehls Am Strande (1913) klingen typische Motive des Urlaubsthemas an, zeitgemäß verknüpft mit der seit der Jahrhundertwende populären Freikörperkultur, dem Naturismus: „Wir liegen nackt und lassen uns besonnen.“ Es gehört zu den Eigenheiten des Urlaubs, eben nichts zu tun – den Nietzscheband „ungelesen“ liegen zu lassen, nichts zu denken, mit der Natur zu verschmelzen. Eine Kulturstudie der bürgerlichen Sommerfrische ist Ludwig Thomas Sommer-Idylle (1901): „Berge und Täler sind jetzt voll von Menschen / Welche sich Urlaub genommen haben / Und an der reinen Luft der Kurorte / Sowohl sich als ihre Angehörigen laben“. Der Text versammelt das typische Personal der Sommerfrische: ahnungslose Städter, höhere Töchter bei der Balz, Damen beim Kaffeklatsch, Skat klopfende Ehemänner. Ein modernes Sittenbild des Urlaubs in der Fremde liefert Hans Magnus Enzensberger in Der Urlaub (1980). Zu den Gemeinplätzen des Urlaubserlebnisses gehört die schwüle Erotik des Fremden genauso wie das Zusammentreffen mit Bekannten aus der Heimat; die koloniale Abwertung des Gastgeberlandes und die zäh sich ausdehnende Langeweile am Strand, wo Kreuzworträtsel gelöst werden.

Reisedrang: Vagabunden und Vaganten

Die seit dem Frühmittelalter bezeugte lateinische Vagantenlyrik entfaltet sich zu einer reichen volkssprachlichen Tradition, die nicht nur die Fahrenden, sondern auch temporär Wandernde einschließt. Zu denen, für die das Wandern eine soziale Notwendigkeit darstellt, gehören Tagelöhner, Hausierer, Spielleute, Schausteller, Handwerker und Handwerksburschen. Noch 1945 reflektiert Mascha Kaléko im Vagabundenspruch (1945) die Heimatlosigkeit des vom Schicksal Umhergetriebenen. Die Verlockung des Abenteuers treibt auch die Sprecherin in Kalékos Sehnsucht nach dem Anderswo (1977) an: Sobald der Vagabundenwind pfeift, entbrennt die „Sehnsucht nach dem Anderswo“. Das Vagabundieren stand jahrhundertelang unter Strafe oder zumindest im Verdacht, sozialschädliches Verhalten zu begünstigen; eine Studie des Forensikers Ludwig Mayer aus dem Jahre 1899 postulierte einen „Wandertrieb“ als Hauptursache für Landstreicherei, um die Strafverfolgung Wohnsitzloser zumindest einzuschränken. Gleichzeitig erscheinen „Zigeuner“ in mythischer Verklärung; mit dem Leben der Sinti und Roma hat diese romantisierte Vorstellung kaum etwas zu tun: Sie liefert dem Sesshaften die Verheißung des freizügigen, selbstbestimmten und lustbetonten Lebens, fernab von bürgerlicher Sittenstrenge und staatlicher Kontrolle. Der Vagabund ist im regellosen Draußen ganz auf sich gestellt, und mag er auch alles verloren haben (wie der Sprecher in Klabunds Vagabundenlied von 1919), so bleibt ihm doch „die Seele, welche fühlt.“ Wer nichts hat und sich niemandem verbunden fühlt, „tiefer wissend, dass man nirgends bleibt“, der mag wie ein hinduistischer Wandermönch, nichts mehr begehren. In Rainer Maria Rilkes Der Fremde verzichtet der Wandernde auf „Lust, Besitz und Ruhm“, streift also alles Diesseitige ab. Der vogelfreie Vagabund orientiert sich nicht an Gartenzäunen und festen Häusern, sondern an den Zugvögeln. Auch wenn der Sprecher in Rüdiger Posths Zu Hause ist nirgendwo (2007) eine andere Zugrichtung wählt als die zum Äquator, weiß er sich den Zugvögeln verwandt: „[I]ch küsse die vielen Schnäbel bis / meine Lippen bluten zu Hause ist nirgendwo.“ Auch für Musiker, deren Handwerk die Notwendigkeit des Fahrens oft einschließt, kann es naheliegend sein, sich als Vagabund zu begreifen. Hannes Wader etwa eröffnet Heute hier, morgen dort (1972) mit einer Vagabundenlosung, die das Unstete des reisenden Liedermachers zum Ausdruck bringt: „Heute hier, morgen dort / Bin kaum da, muss ich fort / Hab’ mich niemals deswegen beklagt.“ Der Vagabund scheint von einem inneren Drang erfüllt, reisen zu müssen – er reist nicht auf ein Ziel hin, sondern wird von Station zu Station weitergetrieben. In Conrad Ferdinand Meyers Wanderfüße (1882) wird der Wanderdrang in den Füßen verortet. Während der Sprecher sein fortschreitendes Alter nicht leugnen kann, scheinen die Füße unweigerlich jung: „Durch das leichte Paar, das stets entflammte, / Bin ich der zum Reiseschritt verdammte.“ In Robert Walsers Weiter (1909) beendet der Kehrreim „es trieb mich weiter“ jeglichen Aufenthalt, das unbestimmte „Es“ macht jedes Bleibenwollen zunichte. Der solchermaßen Getriebene fühlt sich dem Fernweh auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. In Christian Morgensterns Wohin? (1894-1898) wendet sich das lyrische Ich, eingespannt zwischen „dunkle[m] Vergessen“ und „der Zukunft / dunklere[m] Pfad“ an das Fernweh selbst: „Wohin noch / wirst du mich reißen, / ruhlose Sehnsucht – / wohin? wohin?“. Der Ort, auf dem sich der Vagabund zu Hause fühlt, ist die Landstraße, dort trifft er die Heimatlosen. In Rose Ausländers Landstraße (1984) heißt es: „Auf der Landstraße / treffen wir uns / Weggefährten // Auf der Landstraße / westlich östlich / im Süden und Norden.“ In Albert Ostermaiers the motel chronicles (2007) schlägt der Sprecher vor: „lass uns einfach aufbrechen / überleg nicht lang & von / motel zu motel ziehen es / müssen die einsamsten / sein die irgendwo auf einer / landstraße ins nirgends“.

Auf Schusters Rappen: Lyrische Wanderungen

Die Wanderung zu Fuß, langsam und mühselig im Vergleich zu Kutschfahrt und Ritt, ermöglicht ein genaueres Betrachten der Umgebung. Gleichzeitig lädt sie dazu ein, diese ursprünglichste aller Reiseformen von der Reise hoch zu Ross abzugrenzen. Dies tut beispielsweise Leopold Friedrich Günther von Goeckingk in Erkannte Wohltat (1780): „Ich danke Gott, dass ich zu Fuß muss gehen, / Nicht fahren und nicht reiten kann!“. Wer auf Schusters Rappen unterwegs ist, sieht nicht unbedingt mehr, aber anderes als der Kutschenreisende – das spiegelt sich in der Reiseliteratur, man vergleiche Seumes Spaziergang nach Syrakus etwa mit Goethes Italienischer Reise. In Texten des neuen Jahrtausends dominieren nostalgische Rückverweise an Fußreisen, die den zeitgemäßen oder zumindest gerade modernen Reisemöglichkeiten gegenübergestellt werden. In Jan Wagners trapper (2010) schlägt sich ein Trapper durch eine feindliche Umwelt, um dann am Rand einer Straße zu verenden, während das lyrische Ich und seine Begleitung „im mazda / vorüberfahren“. In Uta Regolis Über die Alpen (2013) wird die Beschwerlichkeit der fußläufigen Alpenüberquerung in grauer Vorzeit („Passlos / rastlos / ratlos / treulos / über die Alpen“) der Mühelosigkeit einer modernen Alpenfahrt und der poetischen Alpenüberwindung gegenübergestellt. Wanderungen gibt es in der Lyrik seit der Antike, dominant wird das Motiv allerdings in der Romantik. Der isolierte Wanderer der Romantik schwankt zwischen Fremdheitsgefühl und Allverbundenheit, Herumirren und Aufgehobensein. Er bewegt sich durch eine poetisierte Natur, die seinen Seelenzustand spiegelt und die Möglichkeit zur Selbstreflexion spiegelt. Der Wanderer entsagt der philiströsen Sesshaftigkeit, um sich von der Sehnsucht sorglos in die Ferne treiben zu lassen, wie in Joseph von Eichendorffs Der frohe Wandersmann (1817): „Die Trägen, die zu Hause liegen, / Erquicket nicht das Morgenrot, / Sie wissen nur vom Kinderwiegen, / Von Sorgen, Last und Not um Brot“. Zum Motivschatz des Wandergedichts in Romantik und Biedermeier gehören außerdem die Trennung von der Geliebten und der Höhenblick in die Vergangenheit; die Begleitmusik liefert der singende Wanderer selbst oder die Wappenvögel der Romantik: Lerche und Nachtigall. Die Nähe der Romantiker zum idealisierten Handwerk zeigt sich auch im Thema der Gesellenwanderung. Die Walz verschafft schon im Volkslied Es, es ist ein harter Schluss (19. Jh.) Entlastungen von den Bedrückungen der Lehrzeit und den Liebeshändeln: „Ich will mein Glück probieren, / Marschieren!“. Die Walz liefert die Grundlage zu Wilhelm Müllers bekanntem Lied Wanderschaft (1818), das den geradezu sprichwörtlichen Müller auf Reisen schickt – das Modell seines Wanderns entnimmt er dem Handwerk: dem Wasser, das „stets auf Wanderschaft bedacht“ und den Mühlrädern, die „gar nicht stille stehn“. Wer wandert, entzieht sich gesellschaftlichen Zwängen und folgt seiner Wanderlust (die als Germanismus ins Englische übernommen wurde); er lässt zurück, was ihn niederdrückt und hemmt: „Wo wir uns der Sonne freuen, / Sind wir jede Sorge los; / Dass wir uns in ihr zerstreuen, / Darum ist die Welt so groß“ (Johann Wolfgang Goethe: Wanderlied, 1821 / 1829). Damit ist die Lust am Wandern eben kein Herumirren (im Sinne einer Poriomanie), sondern ein bewusstes Erleben seiner selbst in Bewegung. Im Gegensatz zur Kutschfahrt und selbst zum Ritt wendet sich der Wanderer wohin er will – die Wanderung ist ein Ausdruck von Freiheit, von selbstbestimmter Bewegung. Joseph Victor Scheffels Wanderlied Ausfahrt endet mit solch einer Freiheitsbekundung: „Mag lauern und trauern, / Wer will, hinter Mauern, / Ich fahr‘ in die Welt.“ Die Sternwanderungen der Lehrlinge und Studenten des Vormärz zum Wartburgfest (1817) und zum Hambacher Fest (1832), oft von Liedern untermalt, schaffen Gemeinsamkeit, aber in Freiheit, ohne die Bedrückungen eines autoritären Staats. Vor diesem Hintergrund lässt sich Emanuel Geibels Wanderlied (1848) verstehen: „O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust! / Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust, / da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: / wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!“ Auch die Umgebung und die Beziehung des Ichs zur langsam erschlossenen Landschaft wird erst durch das Wandern möglich, wie beispielsweise Georg Trakls Am Moor (1915) zeigt, wo der „Wanderer im schwarzen Wind“ seine seelische Deformation in eine Sumpflandschaft spiegelt. Während AugustHeinrich Hoffmann von Fallersleben die gesellige Wanderung schon 1871 in Die Wanderlieder für tot erklärt hatte, trägt die 1896 in Steglitz entstandene Wandervogel-Bewegung dazu bei, dass wieder gewandert wird – und beim Wandern gesungen. Ein Beispiel für den Zeitgeist ist Hjalmar Kutzlebs neuromantisches Wir wollen zu Land ausfahren (1911), dass die zauberhaften Erfahrungen benennt, die man als Wanderer macht: „Es rauschen die Bäume, es murmelt der Fluss, / Und wer die blaue Blume finden will, der muss / ein Wandervogel sein, / ein Wandervogel sein.“

Melancholische Wanderungen: Herbst- und Winterreise

Der Gang oder Ritt durch die herbstliche Landschaft ist eine überaus passende Gelegenheit, sich und den Leser in Melancholie versinken zu lassen. In Nikolaus Lenaus Herbstgefühl (1831) empfängt eine abweisende Herbstlandschaft das reisende Ich: „Mürrisch braust der Eichenwald, / Aller Himmel ist umzogen, / Und dem Wandrer, rauh und kalt, / Kommt der Herbstwind nachgeflogen.“ Dieselbe Verdrießlichkeit beim Reisen gibt Heinrich Heine in einem Stück aus den Neuen Gedichten (1827) wieder: „Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend, / Reis ich verdrießlich durch die kalte Welt, / Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält / Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.“ Nicht erst seit Schuberts Liederzyklus Winterreise nach Texten Wilhelm Müllers (1827) sind Winterreisen in der Lyrik etabliert. Die stille, einsame, manchmal tödliche Winterwelt mit ihrer abweisenden Kälte verleitet zu Meditationen über Sterblichkeit und Lebenssinn. Ein bekanntes Beispiel für eine lyrische Winterreise ist Goethes Hymne Harzreise im Winter, die auf eine Brockenbesteigung im November 1777 zurückgeht. Das vermutlich bekannteste Gedicht, das eine Winterwanderung beschreibt, ist neben Fontanes Alles still!Friedrich Nietzsches Vereinsamt (1884), das von der Betrachtung des winterlichen Krähenzugs ausgehend die existenzielle Heimatlosigkeit des lyrischen Ichs in einer abweisenden Welt darstellt: „Nun stehst du bleich, / Zur Winter-Wanderschaft verflucht, / Dem Rauche gleich, / Der stets nach kältern Himmeln sucht.“ Nietzsches Text wird in Ulla Hahns lakonischem Gedicht Auf Erden (1985) aufgegriffen: „Die Krähen schrein. Natürlich ziehn / sie schwirren Flugs zur Stadt. Wer / keine Heimat hat schaut sich / den Himmel an.“ Befreit-beschwingte Winderfahrten sind eher selten, man findet sie allerdings auch. In Richard Dehmels Novemberfahrt (1926) wagen sich die „jungen Dreistewichte“ hinaus in den „Novembersonnentag“, während sich das „Zimperpack“ den Hintern am Herdfeuer wärmt.

Zeitreisen

Nicht nur der Raum lässt sich im Gedicht durchreisen, auch die Zeit. Es bedarf dann aber meist des Orts, um an seiner Veränderung festzustellen, dass sich eine Zeitreise vollzogen hat. Physikalisch sind Zeitreisen bis auf Weiteres nicht möglich, poetisch aber durchaus. Typische Elemente der Zeitreise kennt man aus ihrer Behandlung in Roman und Film: Zunächst wird ein Portal durchschritten, der Zeitreisende taumelt ins Nichts, wirbelt durch die Zeit wie durch einen Aufzugsschacht, ehe er sich im Nu der Zukunft oder der Vergangenheit gegenübersieht. Die Notwendigkeiten eines Zeitreisegedichts, die Konfrontation mit dem Gewesenen, bringt es mit sich, dass Zeitreisen oft in Rückkehrgedichte verflochten sind. Das in Washington Irvings Rip van Winkle (1819) aufscheinende Motiv der im Jenseits verspielten Zeit erinnert daran, dass im Raum des Fiktiven die physikalische Zeit aufgehoben ist. Die Zugfahrt in Robert Gernhardts Fahrt in die Nacht des Landes der Kindheit (2002) regen Erinnerungen die Illusion einer Zeitreise an, die das lyrischen Ich in Verbindung mit dem Hell und Dunkel der Strecke zurückschickt in eine von Rudyard Kiplings Jungle Book geprägte Kindheit: „Nun aber Herbst und ich / im Zug nach Norden quer durch Zeit und Raum, / durch dunklen Raum und lichte Zeit.“ Der Wechsel von Hell und Dunkel eröffnet auch in Christian Morgensterns Nächtliche Bahnfahrt im Winter (1894-1898) den Blick in die Vergangenheit. Der Rhythmus der Bahnfahrt („Hier ein Licht und dort ein Schatten / aus durchdröhnten Finsternissen“) lenkt zuerst die Gedanken in die Winterlandschaft, dann in den Kosmos, bis zuletzt ein vertrauter Ruf an das „alte Städtchen“ der Heimat erinnert. 

Ressourcen

Literatur

  • Lindenhahn, Reinhard und Peter Merkel: Lyrik. Reisen von Sturm und Drang bis zur Gegenwart. Berlin: Cornelsen, 2018 [Kursthemen Deutsch]
  • Nachreiner, Arnhild (Hg.): unterwegs sein. Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart. Stuttgart: Klett, 2018 [Editionen für den Literaturunterricht]
  • Nutz, Maximilian (Hg.): Vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart. Stuttgart: Klett, 2018 [Editionen für den Literaturunterricht]
  • Vormbaum, Ulrich: Module und Materialien für den Literaturunterricht. Westermann: 2019
  • Vormbaum, Ulrich: Gedichtsammlung. Hallbergmoos: Stark, 2018
  • Crossley-Holland, Kevin (Hg.): The Oxford Book of Travel Verse. Oxford: Oxford University Press, 1986
  • Stempel, Hans / Ripkens, Martin (Hgg.): Sehnsucht nach dem Anderswo. Reisegedichte. Hamburg: Arche-Verlag, 2004