Literarische Erörterung zweier Texte: Felix Krull / Der Verschollene

Die beiden Romane, die im Abitur 2023 verglichen werden, weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) und Franz Kafkas „Der Verschollene“ (1927) sind Fragmente, spiegeln das Zeitgeschehen der Moderne und erzählen vom Werdegang zweier Protagonisten mit gebrochenen Biographien, die sich in der Fremde beweisen müssen. Das und viele andere Parallelen macht die Texte vergleichbar. Bei der literarischen Erörterung zweier Werke im Vergleich kommt es darauf an, eine im Außentext formulierte These auf beide Werke anzuwenden. Dadurch sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlicher hervortreten.

Hinweise zum systematischen Vorgehen

  1. Achte auf die Formulierung der Aufgabenstellung. Liegt eine eingliedrige oder eine zweigliedrige Aufgabenstellung vor? Bei der eingliedrigen Aufgabenstellung musst du den Außentext analysieren und an beiden Werken im Vergleich prüfen. Bei der zweigliedrigen Aufgabenstellung musst du außerdem erörtern, ob die These des Autors auf beide Werke zutrifft.
  2. Davon abhängig, welche Aufgabenform vorliegt, planst du deine Arbeitszeit. Grob ein Viertel der Zeit sollte aufs Konzept entfallen, ein weiteres Viertel ist für die Einleitung, die Einordnung ins Werk und die Darstellung des Außentexts nötig. Etwa zwei Drittel der verbleibenden Zeit sollte für den Hauptteil aufgewendet und den Schluss. Die verbleibende Zeit dient der Korrektur und sollte als Puffer eingeplant werden.
  3. Analysiere nun den Außentext. Arbeite heraus, aus welchem Kontext er stammt – wer ihn verfasst hat, welchem Werk er entnommen ist, welche Textsorte vorliegt, wo und wann er erschienen ist.
  4. Formuliere eine zentrale Hypothese (z. B. „Ein freier Mensch kann über seinen Werdegang bestimmen.“)
  5. Ergänze Prüfaspekte, an denen sich zeigt, inwieweit die Hypothese auf die Vergleichswerke anzuwenden ist. Alle Prüfaspekte müssen Teile der zentralen Hypothese darstellen (z. B. „Sind die Charaktere frei?“ / „Könen Sie über ihren Werdegang selbst bestimmen?“).
  6. Erstelle nun eine dreispaltige tabellarische Materialsammlung. In die erste Tabellenspalte gehören die Prüfaspekte. In die Kopfzeile rechts und links werden die Basisdaten beider Werke eingetragen.
  7. Zeige bei der Prüfung, inwiefern die Prüfaspekte auf die Charaktere zutreffen (z. B. „Ist Karl Roßmann frei?“ / „Kann Felix Krull über seinen Werdegang bestimmen?“). Dabei ist zu erwarten, dass die Aussagen aus dem Außentext zutreffen oder nicht; möglich ist auch, dass sie mit Einschränkungen zutreffen.
  8. Trage zuerst eventuelle Gemeinsamkeiten Diese ergeben sich meist schon aus den Prüfaspekten.
  9. Ergänze dann signifikante Unterschiede.
  10. Begründe dein Ergebnis sorgfältig! Gehe auch auf die Erzählform der Texte ein! Beziehe Unterrichtsergebnisse ein, lasse literaturwissenschaftliches Fachwissen (z. B. zum Hochstaplermotiv) und kulturgeschichtliche Kenntnisse miteinfließen (z. B. zur Epoche der Moderne).
  11. Setze Schwerpunkte! Entscheide dich, welche Argumente und Belege du bei großer Zeitnot weglassen kannst. Klammere sie ein.
  12. Belege dein Prüfergebnis am Text! In der Regel werden paraphrasierte Stellen aus dem Werk genügen, eine Seitenangabe ist dabei nur bei strittigen Aussagen nötig: Paraphrase (vgl. S. 23). Willst du Begriffe und charakteristische Wendungen anführen, musst du deine Aussage mit einem korrekten Stellennachweis absichern: „Anführungszeichen“ (S. 23).
  13. Skizziere für beide Werke eine aspektorientierte Einordnung in den Handlungsgang. Beachte bei der zweigliedrigen Aufgabenstellung, dass du hierbei bereits die Prüfaspekte miteinbeziehst!
  14. Vervollständige dein Konzept: Du brauchst noch einen Titel, eine Idee für den Einstieg, eine grobe Übersicht über die Einleitung. Außerdem solltest du dir für den Schluss überlegen, a) zu welchem Gesamtergebnis du kommst, b) was das für deine Deutung des Werks und das Publikum bedeutet, c) inwiefern sich darin Züge der Entstehungszeit spiegeln.
  15. Verfasse die Reinschrift: Schreibe nun deinen Aufsatz ins Reine. Achte darauf, dass du den Außentext bei der Analyse methodisch korrekt wiedergibst. In der Regel wirst du dafür die indirekte Rede verwenden. Bei der Einordnung ins Werk solltest du das Präsens verwenden. Vorzeitigkeit wird in der Regel mit dem Perfekt dargestellt.
  16. Im Anschluss solltest du deine Arbeit methodologisch und sprachlich korrigieren. Achte auf Stil, Rechtschreibung, Grammatik (Konjunktiv) und Stimmigkeit des Inhalts. Sorge für flüssige Übergänge.

Hinweis: Die Aufgabenstellung zu beiden Musteraufsätzen entstammt dem von Joachim Bedenk und Sabine Behrens entwickelten Modul 7 (Werkvergleich: Literarische Erörterung zweier Texte) des Zentrums für Lehrerbildung des Landes Baden-Württemberg (ZSL). Die Musteraufsätze sind dagegen Arbeiten des Verfassers (M. B.). Sie stellen nach Struktur und Inhalt lediglich eine mögliche Lösung dar und können daher nicht als Richtschnur für die erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe dienen. Eine Beschäftigung mit diesen Hinweisen kann eine aufmerksame Teilnahme am Unterricht keinesfalls ersetzen.

Musteraufsatz 1: Literarische Erörterung: Eingliedrige Aufgabenstellung

Textgrundlage: Franz Kafka (1883-1924): Der Verschollene, Thomas Mann (1875-1955): Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Außentext: Ein freier, denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern. Er fühlt, daß man sich über das Schicksal erheben könne, ja, daß es im richtigen Sinne selbst möglich sei, das Schicksal zu leiten.

Quelle: Heinrich von Kleist: Briefe. An Ulrike von Kleist, Frankfurt a. d. Oder, Mai 1799

Aufgabenstellung: Erörtern Sie in einer vergleichenden Betrachtung, ob und inwieweit Kleists Ausführungen auf Karl in Der Verschollene und Felix Krull in Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull zutreffen.

Literarische Erörterung: Selbstbestimmung als Motiv von Franz Kafkas „Der Verschollene“ und Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Wie frei ist der Mensch? Kann er die Welt seinem Willen unterwerfen oder ist er ein Spielball des Schicksals? Diese Leitfrage philosophischen Denkens hat auch in der Literatur eine lange Geschichte. Immer wieder begegnen uns Figuren, die entweder ihres Glückes Schmied sind oder vom Schicksal wild herumgeworfen werden. Der deutsche Novellist Heinrich von Kleist stellt in einem Brief an seine Schwester Ulrike die Behauptung auf, frei denkende Menschen seien in der Lage, ihr Schicksal grundsätzlich selbst zu bestimmen. Es liegt nahe, diese These auf Karl Roßmann aus Kafkas „Der Verschollene“ und den Titelhelden aus Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ anzuwenden. Inwiefern sind sie also frei denkende Charaktere im Sinne Kleists, die ihren Werdegang in völliger Freiheit und zu seinen Gunsten selbst bestimmen?

Karl Roßmann aus Franz Kafkas „Der Verschollene“ von 1927 wird schon zu Beginn vorgegeben, wohin seine Reise führt. in Kafkas fragmentarischem Roman, erschienen in München bei Kurt Wolff, verstoßen die Eltern ihren Sohn, weil ihre Köchin von ihm schwanger wird, nachdem sie sich Roßmann als dem Sonn ihrer Herrschaft aufgedrängt hat. An Bord des Dampfers, der ihn nach Amerika bringt, führt ihn ein Zufall mit dem Heizer Schubal zusammen, der von seinem Vorgesetzten schikaniert wird und in dessen Sache er vor den Kapitän des Schiffes tritt. Bei dieser Gelegenheit lernt er seinen ein vermögenden Onkel Jakob kennen, der nun die Verantwortung über Roßmann auf sich nimmt. Weil sich Roßmann gegen den Willen Jakobs auf das Landgut eines Geschäftsfreunds seines Onkels einladen lässt, Herrn Pollunders, wird er erneut verstoßen. Ein zufälliges Zusammentreffen mit den vagabundierenden Arbeitern Robinson und Delamarche führt ihn letztlich ins Hotel Occidental, wo er als Liftboy angenommen wird. Weil er jedoch Robinson beisteht, der plötzlich im Hotel auftaucht, wird er entlassen. Nun findet Roßmann gemeinsam mit seinen Reisegefährten Aufnahme in der Wohnung der Opernsängerin Brunelda, die ihn als Diener in sklavenartiger Unmündigkeit hält. Als sie ausziehen muss, ist auch Roßmann gezwungen, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen. Dabei gelangt er ans riesenhafte „Theater von Oklahama“, wo er sich als Schauspieler bewirbt, aber als technischer Arbeiter angenommen wird. Das letzte Fragment zeigt ihn bei der Weiterreise.

Schicksalshafte Wendungen finden sich auch in Thomas Manns Hochstaplerroman „Die Bekenntnisse des Felix Krull“, 1954 bei S. Fischer in München veröffentlicht. Die Titelfigur ist zugleich der Ich-Erzähler. Auch Krull verliert schon sehr früh eine sichere Bleibe im Elternhaus, weil die Schwindelen des Vaters dessen Sektkellerei in den Bankrott führt. Krull folgt der Mutter nach Frankfurt, wo er sich dem Großstadtleben hingibt und sich als Zuhälter der Prostituierten Rosza verdient. Der Einziehung in den Militärdienst entgeht er mit einem vorgetäuschten epileptischen Anfall. Eine Empfehlung seines Paten Schimmelpreester bringt ihn nach Paris, wo er im Grandhotel des Schweizers Sprüngli Liftboy wird. Seine anziehende Wirkung nutzt er aus, indem er sich von der verheirateten Autorin Madame Houpflé alias Diane Philibert verführen lässt. Ein Angebot des schottischen Lords Kilmarnock, dessen Alleinerbe zu werden (und wohl auch sein Liebhaber), lehnt er dagegen ab. Ein Rollentausch mit dem Marquis de Venosta ermöglicht ihm eine Reise. Eine zufällige Begegnung mit dem Paläontologen Professor Kuckuck trägt ihm eine Einladung nach Lissabon ein, wo der falsche Marquis sogar eine Audienz beim König von Portugal erhält. Der Roman bricht ab, nachdem Felix Krull sowohl die Tochter als auch die Gattin des Professors verführt. Die geplante Fortsetzung mit der Weitereise nach Amerika hat Mann nicht mehr ausgeführt.

Wie sehr wird die Romanhandlung beider Texte von den Protagonisten bestimmt – und wie sehr vom Schicksal, das der Autor vorgibt? Heinrich von Kleist hat dazu Stellung genommen - in einem seiner Briefe an seine Schwester Ulrike von Kleist, entstanden wohl im Mai 1799 in Frankfurt a. d. Oder. Kleist schreibt, ein „freier, denkender Mensch“ begnüge sich nicht mit dem Platz, den ihm das Schicksal zuweist. Damit unterscheidet er sich offenbar von Menschen, die nicht für sich beanspruchen können, frei zu sein. Frei ist demgemäß nur, wer aufgrund seiner persönlichen und sozialen Voraussetzungen eigenständige Entscheidungen treffen kann. Wenn er an dem Ort bleibe, der ihm zugewiesen ist, so führt Kleist weiter aus, so treffe er eine bewusste Entscheidung und bleibe als Folge einer „Wahl des Bessern“. Ein solcher Mensch fühle sich berufen, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Bei der Anwendung von Kleists These ist nun zu prüfen, inwieweit Felix Krull und Karl in der Lage sind, freie Entscheidungen zu treffen. Ferner muss geklärt werden, ob sie ihr Schicksal damit beeinflussen können.

Wie frei sind die Charaktere in ihren Entscheidungen?

Felix Krull in „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ erfährt durch den Verlust des Vaters und seiner Heimat schon früh, dass Freiheit an Vermögen gebunden ist. Wer nicht über die materiellen Voraussetzungen verfügt, sein Leben zu bestimmen, muss wie die Mutter des Protagonisten mit einer Notlösung vorliebnehmen. Deswegen setzt sich Krull das Ziel, in höhere Kreise aufzusteigen und damit Unabhängigkeit von Sachzwängen zu erlangen. Immer wieder findet sich Krull in Verhältnissen, die ihm ein bestimmtes Verhalten nahelegen – und immer wieder nutzt er seine natürlichen Anlagen, um sie zu umgehen. Frei ist Krull nicht deshalb, weil er aus begüterten Verhältnissen kommt, sondern weil er seine Prägung, seine Talente und äußeren Vorzüge nutzt, um sich Entscheidungsspielraum zu verschaffen. Er bedenkt dabei systematisch, welche Folgen seine Entscheidungen haben könnten. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass er Angebote ausschlägt, die ihn auf eine bestimme Lebenslaufbahn festlegen. Dies trifft besonders zu auf die Bitte des Lord Kilmarnock, ihm zunächst als persönlicher Kammerdiener nach Schottland zu folgen und dort schließlich dessen Erbe anzutreten. Damit ist Krull zweifellos als „freier, denkender Mensch“ im Sinne Kleists einzustufen.

Wie frei ist im Vergleich damit Karl Roßmann? Schon ganz zu Beginn wird der Minderjährige ohne eigene Einflussmöglichkeiten nach Amerika geschickt. Dort entscheidet er sich zwar frei, dem Heizer beizustehen, gerät aber gerade dadurch in eine Zwangslage, aus der ihn erst sein Onkel befreit. Dieser unterwirft ihn einem Erziehungsprogramm, das ihn zur Teilhabe in der Oberschicht befähigen soll. Diese Möglichkeit, künftig freie Entscheidungen zu treffen, vergibt Roßmann. Auf seinem weiteren Weg begegnet Roßmann immer wieder Autoritäten, die eigenständige Entscheidungen zu hintertreiben suchen und vereiteln – zunächst der Onkel, dann der Hotelportier, zuletzt Delamache und Brunelda. Dabei wenden sie oft Zwangsmittel an. Der wesentliche Grund dafür, weswegen Karl in seinen Entscheidungen nur bedingt frei ist, ist jedoch seine persönliche Verfassung. Kafka entwirft einen Protagonisten, der sich treiben lässt, kaum eigenmächtige Entscheidungen trifft und sich von übergeordneten Figuren bestimmen lässt. Damit ist Karl Roßmann nur dem Potenzial nach frei, nicht jedoch als Person.

Sind die Protagonisten mit ihren Entscheidungen erfolgreich?

Felix Krull ist zumindest seiner Selbstdarstellung nach zu erstaunlichen Willensakten in der Lage. Es gelingt ihm dadurch, nicht nur seine Umgebung zu kontrollieren, sondern auch seinen Körper. Krull ist damit in der Lage, seinen Körper als Instrument der Täuschung erfolgreich zu nutzen. Mit einem vorgespielten Anfall bewegt er die Musterungskommission, ihn untauglich zu schreiben, auch die Bewegung seiner Pupillen kann er vorgeblich durch bloße Willenskraft steuern. Selbst seine äußere Schönheit, seine wohlgeratenen Beine und seine angenehme Stimme führt er auf willentliche Bemühungen zurück. Damit scheint er nicht das Produkt seiner Verhältnisse zu sein, sondern die Umstände nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er reagiert dabei nicht auf äußere Notwendigkeiten, sondern unterwirft die Umgebung seinem Willen, schlägt sie in den Bann seines „Gefälligkeitszaubers“. Auch mit der freien Wahl seiner wechselnden Identitäten, erwirkt durch passende Verkleidung und Haltung, gelingt es Krull, seine Laufbahn günstig zu beeinflussen. Der „Kostümkopf“ kann sich leichthin und mühelos eine neue Identität aneignen, etwa die des Marquis de Venosta, um gesellschaftlich über ihm stehende Personen für sich einzunehmen. Er überschreitet dabei die Schranken von Geburt und Klasse, um in höhere Kreise aufzusteigen. Das zeigt, dass Krull sein Schicksal erfolgreich gestalten kann.

Anders ergeht es Karl Roßmann in „Der Verschollene“. Wann immer er eigenständige Entscheidungen trifft, sobald es die ohnehin schon ungünstigen Umstände zulassen, scheitert er. Er entschließt sich, den Heizer zu verteidigen – und unterliegt. Er entscheidet sich, Pollunders Angebot anzunehmen – und wird verstoßen. Er ringt sich durch, einen Fluchtversuch aus Bruneldas Wohnung zu unternehmen – und wird von Delamarche brutal daran gehindert. Er versucht, sich im Theater von Oklahama als Schauspieler neu zu erfinden – und wird als „technischer Arbeiter“ eingestellt. Die Schuld für die Folgen seines Handelns wird stets Roßmann zugeschoben, selbst, wenn er aus noblen Motiven handelt oder gar nicht anders kann. Infolgedessen gerät Roßmann zunehmend auf Abwege, die er nicht selbst bestimmen kann. Gedrängt von übermächtigen Akteuren und gefangen in undurchschaubaren Hierarchien, steigt er Stufe um Stufe herab, bis er zuletzt seine Identität ganz einbüßt. Damit wird deutlich: Wann immer Roßmann eigenmächtig entscheidet, muss er dafür büßen. Er ist, anders als Krull, nicht in der Lage, sein Schicksal selbst zu leiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Felix Krull gelingt es durch Geschick und Ausstrahlung, seine Umgebung zu manipulieren, sie für sich gewinnen und dadurch aufzusteigen. Karl hingegen bleibt ein hilfloses und oft orientierungsloses Objekt fremder Interessen und verliert zunehmend die Möglichkeit, eigenständige Lebenspläne zu entwerfen. Felix Krull reflektiert seine Ziele und seine Eignung; im Unterschied dazu erkennt man bei Karl kein eigenständiges Nachdenken über seine Rolle im Handlungsgeschehen. Felix Krull kann als Musterbeispiel für Kleists These gelten kann, dass ein „freier, denkender Mensch“ sein Schicksal selbst leitet, indem er Alternativen bedenkt und sich durch freue Entscheidungen in eine günstige Lage hievt. Karl hingegen ist fremdbestimmt und hat allem Anschein nach weder die Kraft noch die Neigung, daran etwas zu ändern. Sobald er eigenmächtig handelt, wird er unweigerlich dafür bestraft. An ihm bewahrheitet sich Kleists Aussage daher nicht. In der Moderne wird die Hoffnung, der Mensch sei seines eigenen Glückes Schmied, in verschiedener Hinsicht frustriert: Karl Roßmanns Entwicklung spiegelt die Bedeutung innerer Hürden ebenso wie äußere Hindernisse, die sich aus der Unübersichtlichkeit einer modernen Existenz ergeben. Er ist trotz des Abbaus von Standesgrenzen nicht frei, auch deshalb, weil er seine Freiheit nicht nutzen kann. Felix Krull, der nach seinem Absturz zum Emporkömmling wird, spiegelt vordergründig den Chancenreichtum der Moderne, in der sich auch Verlierer sich mit Begabung, Charme und Geschick nach oben arbeiten können. An der ironisch gebrochenen Figur Krulls zeigt er zugleich die Grenzen dieser Philosophie. Seine Selbstentwürfe gehen weit über das hinaus, was uns möglich wäre. Während Kafka zeigt, was dabei herauskommt, wenn man sich unter Verzicht auf eigene Entscheidungen treiben lässt, macht Thomas Mann in seiner Figur Felix Krull deutlich, dass der Machbarkeitswahn der Moderne Grenzen hat.

Musteraufsatz 2: Literarische Erörterung: Zweigliedrige Aufgabenstellung

Textgrundlage: Franz Kafka (1883-1924): Der Verschollene; Thomas Mann (1875-1955): Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Außentext: Es ist wohl kein historischer Zufall, dass das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet. Darin liegt eher eine Anerkennung der Tatsache, dass jedermann überall und immer mehr oder weniger bewusst eine Rolle spielt. [...] In diesen Rollen erkennen wir einander; in diesen Rollen erkennen wir uns selbst. In einem gewissen Sinne und insoweit diese Maske das Bild darstellt, das wir uns von uns selbst geschaffen haben [...], ist die Maske unser wahreres Selbst: das Selbst, das wir sein möchten. Schließlich wird die Vorstellung unserer Rolle zu unserer Natur und zu einem integralen Teil unserer Persönlichkeit. Wir kommen als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen.

Quelle: Robert Ezra Park (Soziologe, 1864-1944), zit. n. Erving Goffman: Wir spielen alle nur Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, übers. von Peter Weber–Schäfer, München 162016 (zuerst 1959), S. 21

Aufgabenstellung: Erörtern Sie in einer vergleichenden Betrachtung, ob und inwieweit Felix Krull aus Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull und Karl Rossmann aus Der Verschollene Rollen spielen. Prüfen Sie dabei, inwieweit die These von Robert Ezra Park auf diese Figuren zutrifft.

Literarische Erörterung zu Kafkas „Der Verschollene“ und Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“: Das Problem der Rolle

Wir alle spielen Rollen, sind Söhne oder Töchter, Vorgesetzte oder Untergebene, Lehrende oder Lernende. Dieses tägliche Theaterspiel macht uns für andere erkennbar und verhilft uns zur Erkenntnis dessen, wer wir eigentlich sind. Diese Auffassung vertrat der amerikanische Soziologe Robert Ezra Park, der sich mit der Wirkung dieses alltäglichen Rollenspiels auf die Persönlichkeit befasst. Doch nicht jedem gelingt es, seine Rollen anzunehmen und dadurch zur Persönlichkeit zu reifen. Während Felix Krull aus Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ virtuos von Rolle zu Rolle wechselt, tut sich Karl Roßmann aus Franz Kafkas fragmentarischem Roman „Der Verschollene“ äußerst schwer damit, seinen verschiedenen Rollen zu genügen. Welche Rollen spielt Felix Krull – und inwiefern füllt er sie aus? Wie verhält es sich bei Karl Roßmann?

Bei Felix Krull beginnt das Rollenspiel bereits mit der Einführung durch den Erzähler von Thomas Manns 1954 bei S. Fischer in München erschienenem Roman. Der inzwischen vierzigjährige Krull blickt auf sein Leben zurück und inszeniert sich als ehrlicher und bescheidener Autobiograph. Diese Rolle ist jedoch höchst durchsichtig – immer wieder spürt der Leser, dass es Krull lediglich um Selbsterhöhung geht. Zeichnet man sein Lebensbild nach, begegnet man schon früh einem gekonnten Rollenwechsel. Krull gibt sich kindlichen Rollenspielen hin, in die er andere miteinbezieht – er gibt den Kaiser und das Wunderkind und fungiert als „Kostümkopf“ seines Mentors, des hochstaplerischen Künstlers Schimmelpreester. Rollenspiel betreibt er, wenn er vor der Musterungskommission den Epileptiker mimt oder in Frankfurt als Roszas Zuhälter posiert. Auch die Rolle eines Liftboys und Hotelpagen in Paris spielt er gekonnt, ebenso die des Meisterdiebs und Liebhaber Madame Houpflés. Manche Rollen weist er zurück, beispielsweise die des Alleinerben des schottischen Lords Kilmarnock. Sein Glanzstück ist die Rolle des Marquis de Venosta, die er besonders überzeugend spielt. Ihr verdankt er eine Reise nach Portugal, wo der vermeintliche Adlige den Habitus eines reichen Zöglings der Oberschicht so brillant spielt, dass er sogar als Tennisspieler Anerkennung findet, den König von Portugal amüsiert und Mutter und Tochter Kuckuck erobert. Die Weiterreise nach Amerika, die Thomas Mann geplant hatte, kommt nicht mehr zur Ausführung.

Zu anderen Ergebnissen kommt man, wenn man Franz Kafkas „Der Verschollene“ analysiert. Der fragmentarisch überlieferte Roman entstand noch zu Lebzeiten Kafkas in den Jahren 1911 bis 1914. Verlegt wurde er allerdings erst 1927, nach Kafkas Tod, von dessen Freund Max Brod. Erschienen ist er bei Kurt Wolff in München unter dem Titel „Amerika“. Auch Karl Roßmann übernimmt schon früh im Handlungsverlauf Rollen. Nachdem er bei einem erzwungenen Geschlechtsakt die Köchin geschwängert hat, schicken ihn seine Eltern nach Amerika. An Bord des Ozeandampfers begegnet er dem Heizer des Schiffes, Schubal, der von seinem Vorgesetzten schikaniert wird. Roßmann übernimmt die Rolle seines Verteidigers. Aufgrund mangelnder Erfahrung und Redegewandtheit scheitert er jedoch und bekommt seine Grenzen zu spüren. Glücklicherweise trifft er dort seinen wohlhabenden Onkel Jakob, der ihm zu einer weiteren Rolle verhilft. Roßmann ist nun der Neffe eines reichen Industriellen, der in der Oberschicht New York gut vernetzt ist. Onkel Jakob versetzt Roßmann durch Englisch- und Reitunterricht in die Lage, seiner Rolle zu entsprechen. Erneut gelingt es ihm jedoch nicht, den Vorgaben seiner Rolle zu genügen. Er folgt der Einladung Herrn Pollunders, eines Geschäftsfreunds seines Onkels, auf dessen Landgut; damit missachtet er die rollengemäße Pflicht, die Wünsche seines Förderers zu berücksichtigen. Nachdem er auf die beiden arbeitslosen Maschinisten Robinson und Delamarche trifft, die ihm die Rolle eines untergeordneten Begleiters und Kumpanen aufzwingen, hat er Gelegenheit, im Hotel erneut seine Rollentauglichkeit zu beweisen. Als Liftboy soll er seinen Pflichten als Untergebener genügen. Auch hier scheitert er, diesmal am Konflikt seiner beiden Rollen als Hotelangestellter und Kumpan Robinsons. Er wird entlassen. Erneut ohne Obdach gelangt er in die Wohnung der ehemaligen Opernsängerin Brunelda, die ihm die Rolle eines untergeordneten Dieners zuweist. Seine Versuche, diese Rolle zumindest besser zu spielen als Robinson, sind erneut nicht von Erfolg gekrönt. Karl befindet sich als rechtloser Sklave ohne eigene Ansprüche am Tiefpunkt seiner Entwicklung. Als er Bruneldas Haushaltung mit deren eigenem Auszug verlässt, erhält er das Angebot, sich dem momunentalen „Theater von Oklahama“ anzuschließen. Er bewirbt sich als Schauspieler, einer Tätigkeit, die ihm neben Souveränität im Umgang mit Rollen auch sozialen Glanz verspricht. Angenommen wird er allerdings als „technischer Arbeiter“ (S. 286). Dieser Abstieg spiegelt sich in der Bezeichnung „Negro“ (S, 281), die ihm anstelle seines eigenen Namens zugewiesen wird.

Es ist offenkundig: Krull spielt im Handlungsverlauf durchaus verschiedene Rollen, ebenso Karl Roßmann. Aber trifft es auch zu, dass die bewusste Aneignung von Rollen zur Persönlichkeitsbildung beitragen? Diese Ansicht vertritt jedenfalls der eingangs erwähnte Robert Ezra Park. Seine Bemerkungen zum Problem der Rolle stammen aus einem Beitrag zu Erving Goffmanns „Wir spielen alle nur Theater“, das 1959 in München erschien. Er geht zunächst von der Wortbedeutung des Begriffs „Person“ aus. Er bedeute „Maske“. Mit dieser Begriffsverwendung werde anerkannt, dass wir im Grunde fortdauernd bestimmte Rollen spielten. Sie dienten Park zufolge nicht nur anderen dazu, uns zu erkennen, wir seien dadurch auch zur Selbsterkenntnis in der Lage. Damit werde die Maske zu unserem „wahrere[n] Selbst“. Sie verkörpert, welche Persönlichkeit wir uns wünschen. Unsere Aneignung verschiedener Rollen beeinflusst unsere Charakterbildung und lässt uns zu Personen werden. Im Hinblick auf Parks Feststellung wäre nun zu prüfen, ob die Protagonisten ihre Rolle bewusst einnehmen. Dies ließe sich daran erkennen, ob sie die Rollenübernahme selbst thematisieren und ihr Rollenspiel reflektieren. Außerdem ist zu klären, ob die jeweils übernommenen Rollen den im Handlungsverlauf geschilderten Wunschvorstellungen beider Figuren entsprechen. Zuletzt ist zu fragen, ob die Rollen bei Krull und Roßmann zum Teil der Persönlichkeit werden, also einem geordneten und festen Selbstbild.

Übernehmen Roßmann und Felix Krull ihre verschiedenen Rollen bewusst? Kafkas Roßmann ergreift zunächst selbstständig und bewusst seine Rolle als Verteidiger des Heizers, wobei er sich auf das ihm eigene Gerechtigkeitsgefühl stützt. Anders sieht es bei den Entwicklungen auf amerikanischem Terrain aus – hier wird ihm eine Rolle angeboten oder sogar aufgezwungen, ohne dass er die Möglichkeit zur Rollenverweigerung hätte. Weder die Rolle als Neffe des reichen Onkels noch die des Liftboys eignet er sich selbsttätig an, Bruneldas Diener wird er gegen seinen Willen. Zwar bewirbt er sich selbst am „Theater von Oklahama“, aber die Rolle eines technischen Arbeiters wird ihm einfach zugewiesen. Weil der personale Erzähler uns kaum Einsicht in Roßmanns innere Vorgänge gestattet, können wir kaum beurteilen, ob er über den Wechsel seiner Rollen selbst nachdenkt. Damit ist klar: Strategisches Rollenspiel und bewusstes Nachdenken über die eigenen Rollen finden wir bei Karl Roßmann kaum. Felix Krull dagegen ergreift seine rasch wechselnden Rollen dagegen sehr zielstrebig und bewusst. Dies mag zwar nicht zutreffen auf die ersten Kindheitsexperimente mit Rollenspielen, die späteren Rollenübernahmen erfolgen nicht zufällig und gegen Krulls Vorstellungen, er übernimmt sie bewusst und reflektiert zudem über das Verhältnis zwischen Rolle und Persönlichkeit. Krull ist sich seiner Persönlichkeit und seiner Rollen bewusst, ob er als Liftboy oder als falscher Marquis de Venosta andere Figuren in seien Bahn schlägt. Der Ich-Erzähler gewährt umfangreiche Einsicht in Krulls innere Welt: Von Beginn an thematisiert er Rollenspiel als Bestandteil seiner Persönlichkeit. Insofern muss man festhalten: Krull geht auf in bewusst angenommenen Rollen, die er virtuos ausspielt.

Entsprechen die jeweiligen Rollen dem idealen Selbst, dass die Figuren von sich entwerfen? Hier lässt sich erneut festhalten: Lediglich als Anwalt des Heizers sieht sich Karl in einer Rolle, die ihm entspricht. Dass er darin so kläglich scheitert, deutet auf ein Missverhältnis zwischen Selbstsicht und wahrer Rollentauglichkeit hin. Alle weiteren Rollen werden Roßmann übergestülpt, ohne dass erkennbar wäre, dass er dadurch einem erwünschten Zustand näherkäme. Dies liegt auch daran, dass wir über Roßmanns Vorstellungen seiner selbst, über seine Wünsche und Zielvorstellungen kaum etwas erfahren. Da sich Roßmanns Entwicklung von Stufe zu Stufe dem letzten Tiefpunkt nähert, an dem er Namen einbüßt und künftig „Negro“ heißt, ist nicht davon auszugehen, dass er damit dem erwünschten Selbst näherkommt. Krull hingegen hat bereits als Kind die Ahnung, er sei vom Glück ausersehen; diese im Namen „Felix“ verfestigte Rolle als Günstling des Schicksals ermöglicht ihm, alle ihm übertragenen oder selbst ergriffenen Rollen so zu spielen, dass er dem Idealbild von sich selbst näherkommt. Bereits als Kind spielt er den Prinzen, zu dem er als Marquis de Venosta dem Schein nach wird. Da der Ich-Erzähler die erzählte Welt in seinem Sinne färbt, müssen Zweifel erlaubt sein, wie glaubwürdig seine Selbstdarstellung ist. Der Handlungsgang zeigt Krull zuletzt auf dem Gipfelpunkt seiner Entwicklung. Als Gast der Familie Kuckuck und des portugiesischen Königs erscheint Krull als begnadeter Rollenspieler, der sich nicht nur als Glückskind sieht, sondern diese Rolle auch beherrscht.

Tragen die verschiedenen Rollen nun, ganz im Sinne Parks, zur Entwicklung eines Charakters bei, einer Persönlichkeit mit festen Zügen? Für Karl Roßmann liegt der Fall auf der Hand: Seine von Anfang an erschütterte Persönlichkeit wird durch Rollen immer weiter verformt, dass er zuletzt als „Verschollener“ sich selbst und anderen kaum mehr erkennbar ist. Sein ständiges und oft unverschuldetes Scheitern zeigt, dass es ihm nicht gelingt, seine Stärken zu entwickeln und sichtbar zu machen. Er lernt nicht dazu, gewinnt bis zuletzt nicht an Kontur und Selbstbehauptungswillen. Am Schluss ist Roßmann ein kaum merklicher Bestandteil des gewaltigen Theaters von Oklahama, hat seine sozialen Bindungen verloren und sogar seinen Namen verloren. Jede Rolle – vom Neffen des New Yorker Geschäftsmanns zum namenlosen „Negro“ – zeigt lediglich seine Defizite. Karl Roßmann löst sich als Person auf. Wenn er zuletzt aus der Bahn ins Gebirge blickt, ist er bereits verschollen – für sich, aber auch für den Leser.

Auch bei Felix Krull könnte man ins Zweifeln geraten, ob sein beständiges Rollenspiel zur Herausbildung einer Persönlichkeit führt, die für Krull selbst und andere greifbar wäre. Als Hochstapler spielt er ja beharrlich andere Rollen, die seiner eigentlichen Identität nicht entsprechen. Allerdings er sich dessen bewusst, dass er diese Rollen nur spielt. Er macht das Rollenspiel zum festen Bestandteil seiner Persönlichkeit. Zwar täuscht er andere über seine eigentliche Identität hinweg, erklärt aber gerade dieses kunstvolle Rollenspiel zum Prinzip seiner Lebensführung. Die Anmut und Leichtigkeit, mit der er von Rolle zu Rolle wechselt, ist für ihn ein bestimmendes Persönlichkeitsmerkmal. Insofern kann man festhalten: Krull bildet nicht nur trotz seiner wechselnden Rollen, sondern gerade deswegen eine auch für den Leser spürbare Persönlichkeit aus.

Beim Vergleich beider Figuren wird deutlich: Beide Figuren spielen verschiedene Rollen, schlüpfen in Berufsidentitäten und werden zum Teil eines sozialen Geflechts. Während sich Karl jedoch unter dem Druck aufgedrängter Rollen verformt, auch weil er beständig scheitert, gelingt es Krull, durch geschicktes Rollenspiel zur Persönlichkeit zu werden. Karl Roßmanns Weg führt ins Abseits, nach unten; Felix Krull, der Glückliche, steigt durch sein Rollenspiel auf, in höchste Kreise. Allerdings deutet sich auch bei Krull eine Glückswende an, wenn der Erzähler einen Gefängnisaufenthalt berichtet. Parks Bemerkungen über die Bedeutung von Rollen für unser Leben werden auch an den beiden Romanfiguren deutlich: Entscheidend ist nicht, welche Rollen wir spielen, sondern ob wir sie annehmen und wie wir sie spielen. Wer sich wie Roßmann unpassende Rollen aufzwingen lässt, verliert sich. Wer wie Krull mit Hingabe seine Rollen spielt, ohne damit zu verschmelzen, findet sich selbst. Damit führen beide Figuren Möglichkeiten der Moderne vor: Felix Krull erkennt die Chancen zum Aufstieg in einer Gesellschaft, in der Rollen flexibel geworden sind; Karl Roßmann scheitert an einer Massengesellschaft, die dem Einzelnen entfremdete Rollen aufzwingt, ihn verformt, isoliert und entstellt.