Brauchen wir Gott in der Schule?

Die Erfahrung, Teil zu sein vom Ganzen, teilzuhaben am Sinn, überwältigt von Schönheit; die Erfahrung von goldenem Trost und silberner Hoffnung – wie könnte man je leben oder lernen ohne Gott?

Ich spreche nicht vom Gott, den man ans Kreuz schlägt, den man groß nennt, weil er Völker auswählt und vernichtet. Ich spreche von einer persönlichen Erfahrung, die hinausweist aus der Enge unserer Existenz. Die Erfahrung unserer selbst im Nebel; die Erfahrung, die uns überkommt, wenn aus der Schwärze des Alls ein Stern hervorleuchtet; die Erfahrung der Weite am Strand des Ozeans und des Wogens des Windes im Weizenfeld.

Wenn wieder einmal die Rede ist von den zahllosen Fehlern der Kirchen, ihrem Dogmatismus, ihrer Heuchelei, ihrer Gottesferne, von den Widersprüchen eines rationalisierten Glaubens, dann frage ich mich: Wo sind die Alternativen? Wo ist der Humanismus, der sich nicht überhebt? Wo ist die Aufklärung, die Schwächen verzeiht? Ich fürchte, die Wettbewerbslogik des Kapitalismus oder eine aus Darwin abgeleitete Verdrängungsideologie lässt uns nicht besser leben. Wenn Glück ein Ziel unserer schulischen Bemühungen sein soll, bringen uns Markt und Materialismus ebenso wenig weiter wie Nihilismus oder Agnostizismus. Wenn niemand mehr glaubt – wie wird das sein? Wer pflegt unsere Schwächsten? Wer trauert mit uns um geliebte Tote? Wer reißt uns aus dem Tal der Finsternis?

Dass der tatsächlich praktizierte Glaube gewaltige Mängel hat, versteht sich von selbst. Allerdings ist Religionskritik im Unterricht oft ahistorisch und unsoziologisch. Mittelalterliche Kreuzzüge und die Hexenjagden der Frühaufklärung haben mit Gott gerade so viel zu tun wie Mopsfledermäuse oder Michelangelo mit der Mitternachtsformel. Auch die Leidensgeschichten katholischer Chorbuben und evangelischer Heimkinder sind keineswegs das Ergebnis übergroßer Frömmigkeit. Wer vor den Opfern von Missbrauch über das Theodizeeproblem räsoniert, schlägt ihnen ins Gesicht. Es ist eine Binsenweisheit: Fromme Christen oder Muslime sind nicht schon durch ihr Festhalten an religiösen Überzeugungen bessere Menschen. Auch religiöse Lehrer sind nicht bessere Pädagogen als vollkommene Heiden. Es ist aber durchaus von Bedeutung, wie man seine Schüler sieht: Als Ebenbilder Gottes oder als reparaturbedürftige Maschinen.

Ich weiß nicht mehr viel vom Religionsunterricht, es ist auch lang her. Ein Klassenzimmer ist gewiss keine Kirche und in vielerlei Hinsicht ungeeignet für die Begegnung mit einer höheren Erfahrung. Und es ist sicher richtig, den Glauben auf das feste Fundament des Wissens zu bauen. Zweifellos ist es besser, die Klärung ethischer Fragen nicht dem Bauchgefühl zu überlassen. Aber wie oft spüren wir in der abgestandenen Luft des Klassenzimmers die überwältigende Fülle des Daseins – und wie oft nicht?

Viele eurer Lehrer haben einmal ihre rechte Hand zu folgendem Schwur erhoben: „Ich schwöre, dass ich mein Amt nach bestem Wissen und Können führen, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, die Landesverfassung und das Recht achten und verteidigen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“ Nicht wenige haben diesen Diensteid mit einer Formel bekräftigt: „So wahr mir Gott helfe.“ Man kann auf diesen metaphysischen Zusatz auch verzichten. Der Eid gilt auch so. Die Vorzüglichkeit eines Lehrers hängt eher nicht davon ab, ob er sich von Gott bei seiner Dienstausübung unterstützen lässt.

Im Gegenteil: Nicht selten muss man sich als Lehrer gegen religiös verbrämten Wahnwitz verteidigen. Wenn Schüler anderen Menschen das Recht absprechen, ihre Liebe so heilig zu finden wie andere die ihre. Wenn Eltern in jedem Schulbuch den Satan wittern. Wenn das biblische Bild zur Blaupause für wissenschaftliche Erkenntnis erhoben wird. Wenn Kinder weder schwimmen noch verhüten lernen.

Es kann und darf nicht sein, dass radikale Fundamentalisten die Grundlagen unseres Zusammenlebens zerstören – dass Fanatiker die Toleranz einfordern, die sie anderen verwehren. Es kann nicht sein, dass ein erwiesenermaßen schädliches Dogma Teenagerschwangerschaften begünstigt und Religionslehrer zu einem heiklen Spagat zwischen Mission und Bildungsauftrag zwingt. Es kann nicht sein, dass die schwache Rechtsstellung der Frau in Kirche und Gesellschaft religiös legitimiert wird. Es kann nicht sein, dass christliche und islamische Theologen darüber befinden, ob Religionsreferendare fest genug glauben.

Im Schulgesetz des Landes Baden-Württemberg (§98) wird bestimmt: „Die Religionsgemeinschaft stellt den Lehrplan für den Religionsunterricht auf und bestimmt die Religionsbücher für die Schüler.“ Sollte die Lobby der Pharmaindustrie den Lehrplan für Chemie bestimmen? Sollten politische Partien die Richtlinien für Gemeinschaftskunde festlegen? Wohl kaum! Religion ist ein ordentliches Schulfach, bezahlt aus Steuern – gleichermaßen bezahlt von Christen, Muslimen, Juden, Buddhisten, Sikhs und Hindus.

Als Schüler habe ich noch erlebt, wie auf Schülerklos religiöse Comics ausgelegt wurden. Die Geschichten wechselten – es ging um Drogen und Homosexualität, um Selbstmord und Sex. Die Logik der Handlung war jedoch immer dieselbe: Der Protagonist, verführt von Satan, wird der ewigen Verdammnis überantwortet. Eine tröstliche Botschaft für einen Heranwachsenden: Befriedige dich ruhig selbst, die Höllenflammen warten schon.

Gegen solche Schreckbilder hilft ein Religionsunterricht, der zu religiöser Mündigkeit erzieht. Ein Religionsunterricht, der das Leben bejaht und den Fanatismus bekämpft. Ein Unterricht, der aus Buchstabentreue gnadenlos aufräumt mit Buchstabengläubigkeit. Dieser Religionsunterricht bedarf weder des Segens der Evangelischen Landeskirche noch des wohlgefälligen Placets der Bischofskonferenz. Wir brauchen einen freien, staatlichen Religionsunterricht, der nicht Bekenntnisse fordert, sondern Erkenntnisse fördert, einen Religionsunterricht, bei dem sich niemand abmeldet, weil er mit zwölf plötzlich Einsicht in die Gesetze des Kosmos erlangt.

Der Religionsunterricht sollte Kenntnisse über Religionen vermitteln, nicht „religiöse Kenntnisse“. Der Religionsunterricht sollte Abstand zur verfassten Gläubigkeit halten und Raum bieten für den Weg zu sich selbst. Er sollte eure Zweifel ernstnehmen und euch Wege zeigen zur Begegnung mit dem Mysterium eures Daseins. Er sollte euch zum freien Denken anregen, ohne Knute und Katechismus. Im Grunde wäre der beste Religionsunterricht ein praktischer Philosophieunterricht, der euch zugleich lehrt, die leere Mitte der Philosophie zu füllen – oder ihre Leere auszuhalten.

Vor dem Rätsel unserer Existenz stehen wir alle, Lehrer und Schüler, mit denselben bangen Ahnungen und derselben Hilflosigkeit unter dem Firmament des Unbegreiflichen – Suchende sind wir alle. Die Unfassbarkeit dieses Mysteriums ermöglicht uns, wohlfeile Antworten hinter uns zu lassen. Wir brauchen einen philosophischen Religionsunterricht, der uns im Fragen übt, der uns einübt in die Begegnung mit uns selbst; der uns auf Augenhöhe bringt, für den gemeinsamen Blick in die Unendlichkeit.