Justinus Kerner in Winnenden und Schwaikheim

Zum Autor

Wie andere Vertreter der Schwäbischen Dichterschule wird Justinus Kerner, Arzt und Dichter, auch in Württemberg kaum noch gelesen, gilt als behäbig und sentimental. Es wird ihm nicht gerecht, dieses von Heine ausgehende Urteil. Der Sohn von Louise und Christoph Kerner kommt am 18.9.1786 Oberamtmann in Ludwigsburg zur Welt. Nach dem Schulbesuch in Ludwigsburg und Maulbronn wird Kerner Kaufmannslehrling, wiederum in Ludwigsburg. Dort beginnt er, die psychisch Kranken im Gebäude der Tuchfabrik mit der Maultrommel zu unterhalten. Bis 1808 studiert Kerner Medizin und Naturwissenschaften in Tübingen, wo er die Bekanntschaft von Ludwig Uhland macht, Karl Mayer, Gustav Schwab und Karl Heinrich Gotthilf von Köstlin trifft. Nach mehreren Zwischenstationen erwirbt der als Arzt praktizierende Kerner 1819 das Kernerhaus in Weinsberg. 1851 wird Kerner wegen eines Augenleidens pensioniert, 1862 stirbt er. Zumindest regional kennt man Kerner als Spiritist und Psychiater, Heimatkundler und Sammler kurioser Begebenheiten. Auch als Namenspatron für eine Rebsorte, den Kerner, ist der Dichter geläufig. Weniger bekannt ist Kerner als klinischer Erstbeschreiber des Botulismus.

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Bild: Ottavio d’Albuzzi: Justinus Kerner, in der Hand eine Maultrommel, 1852, Ö/L

Bezug zu Winnenden

Spuren Kerners im Stadtbild gibt es kaum. Die Winnender Kernerstraße mündet in der Nähe des Winnender Lessing-Gymnasiums in die Schubart-Straße. Auch im benachbarten Schwaikheim gibt es eine Justinus-Kerner-Straße. Zu beiden Ortschaften gibt es Bezüge. In Winnenden hat Justinus Kerner seinen Freund Nikolaus Lenau besucht, der dem älteren Freund als Insasse der „Königlichen Heilanstalt“ sein letztes Gedicht in die Feder diktierte. Schwaikheim hingegen verdankt Kerners Sammeleifer die Lokalsage von einer Geistererscheinung am Teufelsbrunnen. Noch heute erinnert der örtliche Karnevalsverein „Sumpfgoischter“ an diese Verbindung.

Lenau und Kerner

Emphatisch kündigte Gustav Schwab am 28.8.1831 den ersten Besuch Nikolaus Lenaus im Weinsberger Kernerhaus an, eines „herrlichen Dichter und Menschen“ (Pfäfflin, S. 26). Berühmt ist die Anekdote, wie Lenau Kerner und seine Frau Friedrike antrifft: Auf dem Boden liegend, um schon einmal die ewige Ruhe in der Familiengruft zu üben. Im Frühjahr 1834 wohnt Lenau erneut bei Kerner, diesmal im Geisterturm, wo er sein Versdrama Faust abschließt. Es überrascht nicht, dass Kerner aus persönlichen und fachlichen Gründen Lenaus Erkrankung als interessante Herausforderung versteht. Am 21.11. schreibt Kerner aus Weinsberg an Lenau:

Geliebtester Herzens-Niembsch! Gott sey Lob und Dank, daß alle Nachrichten über Deine Gesundheit so gut lauten und Deine Nerven bald wieder geklärt und in Ordnung seyn werden, Folge nur vollends dem lieben, lieben Zeller recht. Du machtest uns allen sehr Angst, und bist du genesen, mußt du recht lieb und zahm seyn, daß wir auch wieder Freude haben.“ (Schurz, S. 263).

Kerners Freundschaftsglas, das im Gedicht erwähnt und bedichtet wird, dient als Symbol der treuen Dichterfreundschaft zwischen Lenau und Kerner:

Text

Justinus Kerner: Mein Kristallglas

An Nikolaus Lenau.

Ein Glas, das ist mein Lieben;
Schon sind es zehen Jahr,
Daß es mir treu geblieben
Voll Scharten, dennoch klar:
Viel Risse, Ehrenzeichen,
Die Fahne zeigt im Wind,
Den Rissen zu vergleichen
Des Glases Scharten sind.
 
Oft ward es angestoßen
Mit Sang und Klang die Rund’,
Daß spritzte, rot wie Rosen,
Der Wein aus seinem Grund,
Drob ist es nicht zersprungen,
Es schließt in sich noch gut
Den Alten und den Jungen,
Gleich wie ein Herz das Blut.
 
Treu wie mein lichtes Lieben
Ist selbst die Sonne nicht,
Im Winter noch, dem trüben,
Gibt’s Wärme mir und Licht.
Im Winter wie im Lenze
Füllt sich’s mit goldnem Wein
Und hüllt in Rosenkränze
Den Schmerz des Trinkers ein.
 
Seh’ ich in seine Tiefe,
Wird es gar seltsam mir,
Als ob ein Freund mir riefe:
Herz! Herz! ich bin bei dir!
Dies Glas hat mir gegeben
Ein Freund im Trennungsschmerz,
Zerspringt’s mit meinem Leben,
Legt mir’s im Sarg aufs Herz.

Kontext und Kommentar

Das Nikolaus Lenau gewidmete Gedicht Mein Kristallglas erschien in der dritten Auflage von Kerners Gedichte bei Cotta in Stuttgart. Die 1826 erstmals veröffentlichte Sammlung hatte Kerner von Ausgabe zu Ausgabe stark erweitert (1834, 1841 und 1848). Der Text folgt der Ausgabe letzter Hand, die Kerner 1854 unter dem Titel Die lyrischen Gedichte veröffentlichte.

Das in vier Oktette aufgeteilte Lied wirkt volkstümlich: Ein dreihebiger Jambus mit alternierenden Kadenzen verleiht dem Text einen gleichbleibenden Rhythmus, der im Zusammenklang mit dem Kreuzreimschema die Melancholie der Verse unterstreicht.

Einer Beschreibung des Glases mit seinen Nutzungsspuren (Z. 1-7) folgt ein Rückblick auf vergangene Feiern (Z. 8-13). Noch immer hält es gleichermaßen: den „Alten und den Jungen“ (Z. 13), den ausgebauten Wein (oder Kerner) und den jungen Wein (oder Lenau). Den Trost, den Becher und Wein gewähren, beschreibt die vierte Strophe (Z. 17-24). Das „Glas“ ist eine Freundschaftsgabe: Der Blick in den Grund des Gefäß weckt die Wehmut und die Erinnerung an den Geber – das lyrische Ich bittet zuletzt darum, man möge ihm das Glas, falls es zerspringt, „im Sarg aufs Herz“ legen (Z. 32).

Das erwähnte Glas hat Lenau seinem Gastgeber wohl 1834 in Weinsberg überreicht. Ob es erhalten ist, lässt sich jedoch nicht nachprüfen. Kerner war ein leidenschaftlicher Zecher (oder Viertelesschlotzer, wie es auf Schwäbisch heißt) – es gibt Berechnungen, er habe im Laufe seines Lebens 21.000 Liter Weißwein zu sich genommen.

Bild: Carl Dörr: Weinsberg, Kernerhaus, Tuschezeichnung, um 1826 (im Hintergrund die Feste Weibertreu, darunter der Geisterturm)

Kerner bei Lenau

Kerner war am 28.11.1844 in Winnenthal angekommen und – Schurz zufolge – im Hause Zeller abgestiegen. Er begrüßt Schurz mit größter Liebenswürdigkeit. Am kommenden Morgen begleiten Schurz und Kerner Dr. Zeller bei seiner Visite, als sie die Nachricht erreicht, Lenau wolle Kerner unverzüglich sehen. Man eilt an Lenaus Bett. Kerner und der Kranke umarmen einander „wie zwei lange getrennte Liebende“ (Schurz, S. 265). Er bietet Kerner den Pelzkragen jenes Mantels zum Kuss, den ihm der verstorbene Graf Alexander eins geschenkt hat. Für Kerner, der Arzt ist, ist Lenau nun „doppelt interessant“: als Freund und als Fall. Kerners Interesse am Wahnsinn ist bekannt. Insbesondere nach der Veröffentlichung der Seherin von Prevorst wird Kerners Haus in Weinsberg eine Pilgerstätte für psychisch Kranke. Zu ihrer Beruhigung spielt er die Maultrommel. Den Brief Sophie von Löwenthals, den Lenau seinem älteren Freund überreicht, kann dieser wegen seines grauen Stars nicht lesen. Offenbar hat Lenau einen klaren Tag, Kerner bekundet vor dem einstweiligen Abschied: „Der ist ja weit gescheidter als ich!“ (Schurz, S. 266). Als sich alle drei gegen vier wiedertreffen, kommt Lenau gerade von einem Schneespaziergang im Schnee zurück. Man tauscht Erinnerungen aus: an Kerners Häuschen in Weinsberg und den Geisterturm, an Graf Alexander und dessen Hund, an die Windharfe auf Burg Weibertreu. Dann sieht Lenau Kerners schatten an der Wand und zeichnet ihn „unter heiterem Lachen und Scherzen“ nach (Schurz, S. 266). Als Zeller von einem Krankengang wiedergekehrt ist, trägt Lenau das Sonett „Eitel nichts!“ vor, Lenaus letztes überliefertes Gedicht – ein „höchst seltenes Geschenk einer schönen Stunde im Wahnsinn“ (S. 267). Lenau erzählt von der nachts im Wahn erlebten Schlacht von Aspern, bei der eine Latte des Krankenbetts zu Bruch gegangen ist. Am 29.11. bittet Lenau Kerner beim Abschied um dessen Kappe, die ihm der Freund im Austausch für Lenaus Kopfbedeckung gerne gibt. Als Kerner Winnenden am Vormittag des 30.11. verlässt, schweigt er sich Schurz gegenüber aus, was seine Erkenntnisse über Lenaus Zustand betrifft. Gegenüber Dritten sagt er jedoch, es bestehe wenig Anlass zur Hoffnung.

Bild: Justinus Kerner: Selbstporträt beim Maultrommelspielen, von einer Erscheinung überrascht, Bleistiftzeichnung, Weinsberg, Justinus Kerner-Verein und Frauen-Verein e. V.

Justinus Kerner und die Sage vom Teufelsbrunnen

Dass Justinus Kerner an Gespenster glaubte, ist so vielfach bezeugt und landläufig bekannt, dass es nicht verwundert, dass er auch die Geschichte einer Geistererscheinung und Erlösung, die er aus dem „anmutigen Thälchen“ bei Schwaikheim berichtet (Kerner, S. 162), offenkundig für wahr hält. Die Geschichte stammt aus Kerners Magikon, das er bei Ebner und Seubert von 1840 bis 1853 herausgibt. Es trägt den bezeichnenden Untertitel Archiv für Beobachtungen der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens nebst andern Zugaben für Freunde des Innern.

Dort, wo heute Schwarzerlen und Weiden wachsen, stand zu Kerners Zeiten ein Birkenwald. Kerner berichtet, der Schwaikheimer Bürger und Maurer Johann Leibfriz sei dort am 17.1.1816 zu Fuß unterwegs gewesen, ein „stiller und christlich gesinnter Mann“ (Ebd.). Plötzlich habe er in nur etwa drei Metern Entfernung eine Gestalt gesehen, eine „nebelhafte, jedoch helle Gestalt, welche anfangs einer Dunstsäule glich“ (Ebd. S. 163). Aus dem Leib dieser wunderbaren Erscheinung tritt ein etwa drei oder vier Jahre altes Kind hervor. Die Geisterfrau nimmt Leibfriz das Versprechen ab, zwei Tage darauf am selben Ort um ihre Erlösung zu beten. Auf dem Rückweg sieht er lediglich zwei sich bewegende Lichter und hört ein „deutlichen Stöhnen und Seufzen“ (Ebd. S. 164). Ohne die Zustimmung ihres Mannes wendet sich Frau Leibfriz an den Pfarrer, der mit üblen Folgen droht, falls Leibfriz der Sache nachgehe. Dieser fühlt sich jedoch an sein Versprechen gebunden und versammelt sechs Freunde um sich, die ihn am 19.1. um halb acht zum Teufelsbrunnen begleiten. Zwei Kumpane begleiten ihn zur Quelle, sehen aber nichts. Erst, als Leibfriz allein ist, erblickt er eine unheimliche Erscheinung:

„Sobald jedoch die Begleiter sich zurückgezogen hatten, sah er, wie jene weibliche Gestalt an der Wurzel eines Weidenbaumes, der über die Quelle hereinhieng, langsam aus dem Wasser sich herhob, und auf dessen Fläche zu stehen schien. Zu gleicher Zeit bemerkte er dicht neben sich eine schwarze, thierähnliche, abschreckend häßliche, mit wilden Augen ihn anklozende Gestalt, vor deren Anblick er so gewaltig erschrack, daß er die Besinnung verlor, und am Rande der Quelle niedersank.“

Erst beim dritten Versuch überwindet Leibfriz seine Angst vor dem Untier und erlöst das Gespensterfräulein durch inbrünstiges Beten. Er hört die Erlöste sagen: „Nun Seele, schwing dich in die Höh’ / Und sage dieser Welt Ade!“ (Ebd. S. 166). Allerdings wird Lebfriz verkrampft aufgefunden, und einer seiner Begleiter öffnet ihm den Kiefer mittels eines Schlüssels, was den Verlust von „drei gesunden Zähnen“ zur Folge hat. Man denkt unwillkürlich an einen epileptischen Anfall. Nicht so Kerner, der immerhin Arzt ist: Er führt zur Erklärung des Sachverhalt an, eine gewisse Katharina Spörlin habe sich mit ihrem ungeborenen Kind ertränkt, weil sie der Schwaikheimer Kronenwirt wegen ihrer Schwangerschaft aus dem Dienstverhältnis entlassen habe. Kerner sieht hier eine „genaue und sehr ernste Uebereinstimmung“ (Ebd. S. 168) und fährt fort, wobei er nicht mit Kritik an der Obrigkeit spart. Der Bürgermeister Johann Melchior Ulrich habe darauf den Pfarrer aufgefordert, Leibfriz zu vernehmen - Kerner zitiert aus einem Schreiben in der Amtsregistratur. Der Pfarrer wendet sich seinerseits an das Oberamt. Leibfriz wird in Waiblingen vernommen, in den Turm geworfen, erneut befragt und erneut eingesperrt. Erst beim dritten Mal, so Kerner, habe er angegeben, nichts gesehen zu haben.

Bibliographie

  • Kerner, Justinus: Magikon: Archiv für Beobachtungen der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens nebst andern Zugaben für Freunde des Innern. Stuttgart: Ebner und Seubert, 1840, Bd. 1, S. 162 ff.
  • Schurz, Anton: Lenau’s Leben. Großentheils Aus des Dichters eigenen Briefen. Stuttgart / Augsburg: Cotta, 1855
  • Pfäfflin, Friedrich: Justinus Kerner: Dichter und Arzt: 1786-1862, hrsg. v. Ulrich Ott. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, 1986 (Marbacher Magazin, 39, 1986)