Vormärz

FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!

Georg Büchners Worte aus dem Landboten, oft verdreht und oft gebraucht, sind für viele Leser (und Nichtleser) sprichwörtlich geworden. Sie stehen für die einzige Revolution auf deutschem Boden, die diesen Namen verdient - oder auch nicht, die Geister scheiden sich. Nach schwelender Unruhe, die nach dem Sieg bei Waterloo aufflackerte und nie ganz verlosch, griffen Dichter, Arbeiter, Handwerker, Studenten und Bauern im Revolutionjahr 1848 zu den Waffen - und nach wenigen Monaten unterlagen sie den Truppen der Territorialherren.

Die Literaturwissenschaft tat sich lange schwer mit den Dichtern des Jungen Deutschland. Der Vormärz stand im Schatten Weimars, politische Dichtung genoss damals wie heute wenig Ansehen im Lande - Nationalisten und Sozialisten, beide berufen sich auf die 1848er. Viele Dichter, damals verfemt und heute vergessen, werden heute im Ausland höher geschätzt als in Deutschland selbst. Erst die Studentenbewegung machte die Zeitgenossen Marx' und Heines wieder bekannter, nicht ohne das Misstrauen der Philister zu erregen.

Derzeit vollzieht sich ein Wandel. An den Schulen werden Texte von Büchner und Heine gelesen, die Zeit vor dem Revolutionsjahr ist fester Bestandteil des Bildungsplans. Aber was macht die Literatur dieser Epoche wirklich aus? Diese Seite bemüht sich, eine systematische Zusammenschau bekannten Materials zu liefern, für Studium und Unterricht gleichermaßen; darüber hinaus werden auch neue Beobachtungen hinzugefügt.

Die Erstellung der Seite ist verbunden mit dem Proseminar Vormärlyrik am Institut für Neuere deutsche Literatur der Universität Stuttgart, gehalten von Frau Dr. Mirjam-Kerstin Holl im Sommersemester 2004.

Wozu Vormärz im Unterricht?

  • Die Literatur des Vormärz spiegelt die einzige Erhebung weiter Kreise des deutschen und österreichischen Volks gegen den Ständestaat; gegen Unrechtsregimes, Zensur und Menschenhandel. Schriftsteller machen deutlich, was das aufgeklärte Gewissen gegen Verdunkelung und Beschönigung vermag.
  • Die Publizistik der Epoche zeigt, welche Macht dem geschriebenen, gesprochenen und gesungenen Wort im Streit mit dem Unrecht bewirkt.
  • Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, das Grundgesetz und seine Grundfreiheiten, stützt sich auf Forderungen der Revolutionäre von 1848: Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.
  • Zahlreiche Symbole der modernen Demokratie stammen aus der Zeit der Freiheitsbewegungen. Kenntnis der freiheitlichen Bedeutung jener Symbole schützt sie vor der Aneignung durch Nationalisten.
  • Deutsche Schriftsteller und Publizisten setzen sich für Polen und Frankreich ein. Erstmals in der Geschichte Europas erwacht ein gesamteuropäisches Bewusstsein.
  • Die vermittelte Erfahrung von Haft, Vertreibung und Zensur macht empfindlich für das Leid jener, die heute noch in aller Welt unter Verfolgung leiden. Sie macht bewusst, dass die Freiheit des Einzelnen mit allen Rechten des Individuums erst mühsam und gegen zahlreiche Widerstände erkämpft werden musste.
  • Die Beschäftigung mit dem Vormärz zeigt jedoch auch, wie gefährdet jede Demokratie ist, wenn deren Bürger wirtschaftliches Wohlergehen oder Sicheheit über Freiheit und Gerechtigkeit stellen.
  • Erstmals in der deutschen Geschichte gelangen auch Kinder ärmerer Familien in verantwortungsvolle Stellungen. Nie zuvor hatte die Unterschicht eine vergleichbar wirkungsvolle Stimme.
  • Trotz aller Gegenreden entwickelt sich das Bild der nicht allein ans Haus gebundenen Frau: Geschlechtererziehung kann auch heute noch an Beispiel geistig unabhängiger Frauen der Restaurationsepoche anknüpfen.

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