Sonderthemen

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Illusion: Kunst und Sinnestäuschung

Durch die Geschichte der Kunst zieht sich die Sinnestäuschung als ein roter Faden fort, von den Bildbeschreibungen des jüngeren Plinius bis zu Duane Hansons Wachsplastiken. Plinius erwähnt die Trauben des Zeuxis, die angeblich so naturnah gemalt waren, dass selbst Sperlinge auf sie herabgestoßen seien. Das der Kunst gewidmete Buch seiner Naturgeschichte kreist immer wieder um Täuschungen, die das naturtreu Künstliche bei verschiedenen Betrachtern hervorruft. Erst das abwartende Beobachten, das Berühren der Gegenstände schafft Sicherheit: erst mit der Dauer der Betrachtung, erst in der prüfenden Handlung erweist das Kunstwerk in der fortdauernden Unbeweglichkeit seine Leblosigkeit. Diese umkehrbare Täuschung ist in der Sprache unumkehrbar. Die "Unzeitlichkeit" des Kunstwerks bereitet den Betrachtern Schwierigkeiten: das sprachlich gefasste Kunstwerk ist ein nicht mehr augenblicklich erfahrbar, was wir den Werken der darstellenden Künste wider alle Erkenntnis über die Wanderung des Blicks zuweilen unterstellen, es entsteht erst im Vorgang des Lesens. Das Sprechen bringt es mit sich, dass sprachlich Dargestelltes grundsätzlich auf Zeit bezogen ist, auf Redezeit und Rededauer. Gegenständen überdies, die man aus der Lebenswelt als belebt oder gar absichtsvoll kennt, pflegt man Leben und absichtsvolles Handeln zuzuschreiben. Abbildende Kunstwerke verunsichern die Wahrnehmung: das Künstliche und das Natürliche können aufgrund ihrer Ähnlichkeit nicht klar unterschieden werden: der Pygmalion Ovids verliebt sich in die von ihm selbst geschaffene Elfenbeinfigur. Es bedarf der tastenden Prüfung, ob ein Kunstwerk Gegenstand oder Lebewesen ist. Pygmalion stellt nach seiner Umarmung fest, dass lediglich kühles Elfenbein zurückbleibt, wenn er sich von seinem Geschöpf löst. Die überlebensgroßen Porträts englischer Schlösser, die Bilder van Dycks und Reynolds, "verfolgen" den Betrachter, und so mancher Film zeigt, wie mit dem Verschwinden der Betrachter, hier beginnt die Erinnerung, die Bilder ihr Eigenleben entfalten. Beim Bild jedoch können wir uns zumindest in seiner Gegenwart von seiner Leblosigkeit überzeugen. Wenn uns auch seine Ähnlichkeit bald wieder dämonisch verfolgt, ist dies beim Lesen – und Erinnern! – eines Texts grundsätzlich nicht möglich. Das sprachliche Bild können wir nicht berühren, es entzieht sich dem Versuch, seine Wahrheit zu prüfen. In der Wirklichkeit kann geprüft werden, ob ein Gegenstand ein lebendes Wesen vorstellt oder ein totes Ding: in der Literatur ist das nicht mehr möglich. Ist ein Gegenstand erst versprachlicht, dann verschwimmen dem Leser die Grenzen von Dinglichkeit und Lebendigkeit. Der Leser sieht bereits in der Statue Pygmalions die lebende Geliebte enthalten. Kommt es daher, dass die Sprache und die Literatur den Unterschied zwischen unbewegtem Ding und lebendigem Wesen verwischen? Werden deshalb aus stummen Bildern sprechende Gestalten, werden deswegen Statuen lebendig und verloben sich ihrem Schöpfer, steigt daher Pygmalions Schöne von ihrem Marmorsockel herab? Don Juan ruft, als er den Grabspruch des Don Gonzalez liest, den Geist des Toten herbei. Daraus leitet sich die Vielzahl von literarischen Motiven ab, die einem Kunstwerk Leben zusprechen. Meist wird das tote Bild mit Hilfe eines Zaubers zum Leben erweckt. Rabbi Löw bedient sich eines Zauberzettels, in der Pygmaliongeschichte ist es Aphrodite, die dem Gegenstand Leben verleiht. Auch Aphrodite ist nur sprachlich zu fassen! Ist sie ein Sinnbild der Sprache und des Begehrens, die Grenzen der Wahrnehmung im Wort zu überschreiten? Wenn erzählte Statuen lebendig werden, wenn Bilder zu leben beginnen, dann bedarf es zumindest im realistischen Roman eines Rahmens, der diesen unerhörten Vorgang wahrscheinlich macht: es sind daher bevorzugt Visionen, Träume und Halluzinationen, die Bilder mit einem Eigenleben ausstatten. Oft treten Statuen, Don Juans Gast ist ein gutes Beispiel, erst in der Dämmerung oder des Nachts aus ihrer Fassung. Wen wundert es, dass auch das Exotische die Bilder ins Leben ruft?


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