Legende

Die Legende vom heiligen Esser

Legenden sind vielfach berührt von Speise und Trank: schon der Name deutet darauf hin, dass die Lebensbeschreibungen der Heiligen und ihre Wunder sich zum lehrhaften Vortrag eignen. Verlesen wurden sie im Gottesdienst, verlesen wurden sie aber auch an der Tafel der Mönche, in den Refektorien der Klöster. Es verwundert nicht, dass die Legenden von dieser Anwendung nicht unberührt bleiben. Neben einer Vielzahl von Heiligenviten enthalten Legendensammlungen wie die Legenda Aurea des Genuesers Jacobus a Voragine auch Auslegungen von Schriftstellen zu kirchlichem Gebrauch, die etwa das vierzigtägige Fasten zu Ostern oder die Wunder Christi betreffen. Gemein ist den meisten Heiligenlegenden, und von ihnen gilt es zu sprechen, dass sie den Heiligen als Helden Gottes auszeichnen. Als Helden Gottes, als ausgewählte Beispiele göttlichen Wirkens, erweisen sich Heilige durch Wunder: durch Wunder, die sie vollbringen, und durch Wunder, die an ihnen vollbracht werden. Über die Wunder hinaus zeichnen sich Heilige durch ihren sittsamen Lebenswandel aus, der neben Geiz, Habgier, Stolz und Wollust auch die Völlerei ausschließt. Speisen sind vorrangig auf die Heiligkeit der Haupthandelnden bezogen: sie belegen seine Widerstandskraft gegen das Böse, sie bezeugen seine Wundertätigkeit und beschwören seine Heiligkeit in einer himmlischen Spende. Außer diesen Wirkungen, die sich diesem Darstellungszweck zuordnen, verweisen Speisen und Tränke in der Legende auch auf andere Glaubenszeugnisse, die in außerordentlicher Vielfalt ins legendarische Erzählen hineinwirken: in der Hauptsache die Schrift selbst und die Schriften der Väter, daneben zeitgenössisches Erzählgut und profane Quellen. Speisen verweisen auf Erwähnungen jener Speisen in den gültigen Mustern der Glaubensunterweisung: Brot und Wein wecken die Vorstellung des letzten Abendmahls, erinnern an die Hochzeit zu Kana und die wunderbare Brotvermehrung. Kein Trank und keine Speise ohne Vorbild in den heiligen Schriften, die als bekannt vorausgesetzt werden und in der Lektüre mitklingen. So darf man die Judaserzählung aus der Vita des Apostels Mathias aus der Legenda aurea (167) als Vermischung jüdischer und griechischer Überlieferungsstränge begreifen. Judas, von dem wie von Ödipus vorhergesagt wird, dass er Unheil bringe, wird wie Moses in einem Binsenkörbchen ausgesetzt. Unweit des väterlichen Hauses im Palast des Pilatus aufgezogen, ergreift ihn ein unstillbares Verlagen nach den Äpfeln im Garten seines Vaters Ruben. Er bricht einen jener Äpfel der Verhängnis und setzt die Maschinerie des Unheils in Gang: im Streit um diese Tat wird er kurz darauf seinen Vater töten, wenig später ehelicht er seine Mutter Cyborea. Als Nachbild eines heilswirksamen Geschehens, des Quellwunders Mosis in der Wüste, ist die Wasserspende des Franziskus zu verstehen: der heilige Franz von Assisi lässt einem dürstenden Bauern eine kühlende Quelle aufspringen (LA, 591).

Ernährt von Tieren. Manche Heiligenviten lassen Heilige von Tieren ernährt werden, die ihnen himmlisches Brot zutragen oder als Säugamme auftreten. Tierammen sind keineswegs auf die Legende beschränkt, wir finden sie auch in Sage und Mythos: Romulus und Remus, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen, werden vor ihrer Auffindung durch latinische Hirten von der kapitolinischen Wölfin gesäugt. Hilfreiche Tiere treten als Werkzeuge höherer Gewalt auf und stehen nicht selten im Dienst heraldischer und genealogischer Programme. In der Legende sind es vorwiegend Tauben und Hirschkühe, die als Kellner des heiligen Geists in Wüste und Wald die Erwählten des Herrn am Leben halten. Von einer Hirschkuh ernährt wird beispielsweise der heilige Aegidius (LA, 513). Der heilige Paulus wird von Raben ernährt, und Vögel bringen auch dem Walderemiten Blasius seine Speise (LA, 150). Eine von Christus gesandte Taube schließlich speist die heilige Katherina während ihrer zwölftägigen Haft in den Kerkern des Kaisers (LA, 707).

Die Farbe der Unschuld. Der verstorbene Heilige hinterlässt Manna im Grab, der Märtyrer blutet Milch. Die sieben Frauen, die das Blut des heiligen Blasius sammeln, werden von einem heidnischen Fürsten gefoltert: ihr eigenes Blut fließt mit der Weiße der Milch, als man ihn ihnen mit eisernen Kämmen das Fleisch vom Leib zerrt. Begründet ist diese Verwandlung durch den Wunsch der Kinder einer jener Frauen, das Martyrium mit der Mutter zu erleiden: "'... speise uns mit der Süßigkeit des Himmels wie du uns mit der Süßigkeit deiner Milch hast gespeiset." Milch fließt also auch deshalb, weil sie die Anfüllung des heiligen Leibes mit Gnade andeutet. Nicht mehr das sündige Blut, Träger der Leidenschaften, sondern die reine Milch des Lebens in Christo fließt in den Adern der Gefolterten. Auch der bekehrte Paulus, als man ihn köpft, erweist mit einem Strom von Milch zunächst seine Heiligkeit, erst danach strömt Blut (LA, 343). Selbst aus den Brüsten der heiligen Christina, die ihr Vater abschneiden lässt, fließt statt des zu erwartenden Blutes Milch (LA, 375).

Hungern und Fasten. Mit dem Verzicht auf Beischlaf gehört das Fasten zu den anerkannten Ritualen des Heiligen - Heilige wie Jacobus Minor verzichten auf geistige Getränke, essen kein Fleisch (LA 263) und ernähren sich wie Sankt Peter von "Brot allein mit Oliven" (LA, 329). ausgezeichnete Heilige wie Johannes der Täufer nähren sich noch kümmerlicher mit wildem Honig und Heuschrecken (LA, 320). Der heilige Hieronymus verzichtet auf Gekochtes, weil solcherlei ihm in der Wüste als eine "zu große Üppigkeit" erscheint (LA, 583). Bezeichnenderweise fastet mit ihm auch sein Löwe; jedenfalls wird er zu unrecht verdächtigt, einen Lastesel des Klosters verspeist zu haben (LA, 583). Gefastet wird im Dienste der Askese, gefastet wird aber auch, um das Martyrium herbeizuführen oder einen Gnadenakt Gottes zu bewirken. Zuweilen fasten Heilige stellvertretend für ihre Gemeinde, zuweilen bekämpfen sie den Feind im eigenen Leib. Der heilige Andreas erwirkt mit einem nur fünftägigen Fasten die Erlösung des wollüstigen Greises Nicolaus, der dann weisungsgerecht das ihm verbleibende halbe Jahr bei Brot und Wasser zu Ende bringt. Der heilige Benedikt wird nach der Legenda aurea, weil seine Klause zu Fuß nicht erreichbar ist, von Romanus mit Brot ernährt - dennoch, aus unbekanntem Grund, verhungert er fast. Bezeichnenderweise wird er an Ostern ins Leben und zu einem üppigen Mahl zurückgeführt. Die höchste Stufe der Erlösung, der Aufgabe des Leibes, erreicht der Heilige, der sich selbst zum Mahl weit. So berichtet die Legenda aurea (141), der Heilige Ignatius habe, von Trajan in den Circus geschickt, die wilden Tiere angefleht: "O der heilsamen Tiere, die bereit sind wider mich: Wann kommen sie? Ich lade sie zur Speise meines Leibes und bitte sie, daß sie mein nicht schonen, ...". Ähnlich verhält sich Sankt Christina, die ihrem Vater einen Fetzen des eigenen Fleisches ins Gesicht wirft und dazu die Worte spricht: "'Nimm, Wüterich, und friß das Fleisch, das du selber erzeugt hast.'" (LA, 374). Noch deutlicher macht seine Selbstaufgabe der heilige Laurentius, den Spötter gelegentlich das erste menschliche Steak der Kunstgeschichte nennen. Er erleidet unter dem Christenverfolger Decius das Martyrium auf dem Feuerrost und hält seinem Peiniger sterbend, aber "mit fröhlichem Angesicht" entgegen:

"Siehe, Elender, die eine Seite hast du gebraten, brate auch die andere, und iß." (LA, 439)

Laurentius wird also gebraten, die Heiligen Justina und Cyprian dagegen frittiert (LA, 575). Die jedem Verzicht entgegengesetzte Lust auf Trank und Speise, sie ist - wen wundert es? - des Teufels. Die Verführung durch nackte Leiber ist in der Kunstgeschichte öfter dargestellt worden als die Verführung durch Leckereien, seltener erzählt wird letztere jedoch nicht. Benedikt von Nursia (186) muss zweimal eingreifen, um Schutzbefohlenen ihre Verfehlungen spürbar zu machen. Einem fastenden Laien, der den kulinarischen Versuchungen eines als Pilger verkappten Teufels erliegt, hält er entgegen:

"Lieber Bruder, der böse Geist mochte dich mit der ersten Versuchung nicht überkommen noch mit der anderen, doch hat er dich mit der dritten überwunden." (LA, 186).

Einem anderen Laien, der ihm von einem Gönner zwei Flaschen Wein zutragen soll, zeigt er deutlich, dass die ihm vorenthaltene Flasche des Teufels ist: als der Diener sie umwendet, fährt eine Schlange heraus (LA, 187). Der Heilige weist sich ganz im Gegensatz zu jenem Diener dadurch aus, dass er sich eben nicht verführen lässt und die teuflischen Sendungen vernichtet: die heilige Theodora, die "einen Korb voll der herrlichsten Speisen" erhält, bekreuzigt sich, und das angebliche Geschenk eines Fürsten verschwindet (LA, 355). Ein wahrer Held der Nahrungsverweigerung, anders darf man es kaum nennen, ist indes der heilige Bernhard von Clairvaux, den die Legenda aurea in seinen Gewohnheiten so genau wie keinen anderen Heiligen porträtiert. Die Schilderung ist steigernd angelegt: zunächst wird von den Zisterziensern behauptet, sie hätten ihr Mahl aus Buchenblättern zubereitet. Dann verengt sich der Blick auf Bernhard selbst, den Verächter des Schlafs, den er als Tod auffasst. Zum Essen zieht ihn "kaum einige Freude und Begierde", es ist die Furcht, dass er zu weiteren Exzerzitien zu schwach werde; auch soll dem heiligen Barnhard, der die Völlerei in sich "gezähmt und ausgetilgt" hat, "nichts so wohl" geschmeckt haben wie klares, bloßes Wasser. Den Höhepunkt der ohnehin schon verwegenen Verachtung des Diesseitigen erreicht die Schilderung, als sie dem weltvergessenen Bernhard und seinen Mitbrüdern recht eigenartige Versehen unterlaufen lässt:

So geschah es, dass er etwan Öl trank, das man ihm versehentlich reichte, und es nicht gewahr ward, bis einer sich verwunderte, daß seine Lippen von Öle feucht waren. Desgleichen aß er vier Tage lang, ohne daß er es gewahr ward, geronnenes Blut, das ihm durch einen Irrtum für Butter war dargereicht worden. (LA, 471)

Vom heiligen Augustinus sagt man immerhin, dass er für Gäste Kohl und Gemüse, für Gäste sogar Fleisch bereitgehehalten habe, aber doch "war ihm Lesen und Gespräch tröstlicher als Schmausen." (LA, 493).

Der Leib des Herrn. Die Verwandlung des Messweins in das Blut Christi und des Brots in sein Fleisch, das bedarf immer neuer Belege. Legenden erzählen daher wiederholt, wie verletzte Oblaten zu bluten beginnen, wenn man sie aufschlitzt. Die geweihte Hostie bedeutet nicht nur den Leib Christi, sie ist der fleischgewordene Heiland selbst, den der Gläubige in sich aufnimmt. Mehr als jedes andere Symbol vereinigt es in sich das Bezeichnete und den alltäglichen Stoff, gibt Anlass zur Lästerung. Einer ungläubigen Frau führt der heilige Gregor besonders drastisch vor Augen, dass eben auch ein selbstgebackenes Brot jederzeit zum Leib Christi werden kann. Er fällt vor dem Brotlaib zum Gebet nieder, ein Stücklein des Brotes wird zu einem Finger, er betet erneut, der Wesensübergang wird rückgängig gemacht (LA, 179).

Speisen. Wie Märchen, Sage und Fabel bringen Legenden nur selten mehr als das sprachlich Notwendige auf den Tisch: Brot, Wein, Milch. Gastmähler kommen zwar vor, führen den Heiligen in Versuchung, werden aber kaum einmal näher beschrieben. Die Vorzugsspeise für Heilige ist besonders das schlichte Gerstenbrot, an dem die kulinarischen Verlockungen der adligen Tafel zerschellen. Das schlichte Gerstenbrot eignet sich insbesondere als Kontrastmittel, das vor dem Hintergrund der Demut die Zeichnung des Hochmuts um so deutlicher hervortreten lässt. Der heilige Basilius soll, das bezeugt Fulbert von Chartres, in Kappadokien dem oströmischen Kaiser Julianus vier Gerstenbrote zum Empfang dargeboten haben - dieser sei darüber so ergrimmt, dass er den Christen Heu zurückgesandt habe, gedacht als Entgegnung des Speisegrußes. Dieser Austausch ist freilich symbolisch zu denken: der Christ lädt zur gleichmachenden Brotbrechung, der Kaiser verweigert sich der Annahme dieser Gleichheit, indem er den Christen "unvernünftiger Tiere Futter" zuerkennt. Die christliche Kaiserinmutter Galla Placidia hingegen nimmt das von Germanus angebotene Gerstenbrot bereits dankbar und mit Freude an. Von der heiligen Paula wird berichtet, dass sie nur selten Öl zum Essen hinzugenommen habe. Selbst diese in den Kirchen des Südens übliche Fastenspeise, der Verzehr von Olivenöl ist im Gegensatz zum Buttergenuss gestattet, versagt sie sich. Damit wird sie zum Exempel für jene Enthaltsamkeit, die vom Gläubigen gefordert ist. Die Legenda aurea (125) unterweist den Gläubigen mittelbar, indem sie dem Verzicht der Heiligen die Maßlosigkeit der Andern gegenüberstellt:

Sie war so mäßig an ihrer Speise, daß sie selten Öl in ihre Speise nahm, es sei denn an hohen Feiertagen; und aus diesem einen mag man ersehen, wie sie von Wein und Brühe, von Fisch, Milch, Honig, Eiern und andern wohlschmeckenden Dingen dachte; da doch viele sich es schon für eine große Enthaltsamkeit anrechnen, wenn sie nur das allein essen, und sich für sicher halten in ihrer Tugend, wenn sie damit ihren Leib gefüllt haben.

Selbst auf dem Krankenbett weigert sich die Heilige, den ihr angebotenen und vom Bischof gereichten Wein zu kosten. Der in der Legenda aurea so seltene Ich-Erzähler, dessen Zeugnis als Gewährsmann eingeführt wird, stellt steigernd fest: die Kranke habe, ganz im Gegenteil, dem alten Bischof Epiphanius das Trinken fast ausgeredet. Öl lagern übrigens auch die Mönche auf dem Monte Cassino als selbstverständliches Küchengut, und der heilige Benedikt selbst vermehrt es wundersam, nachdem er das letzte Glas den Armen zukommen lässt (LA, 189). Nach dem Bericht der Legenda aurea (395) hält auch Sanct Martha eisern Diät: "Sie lebte ein hartes Leben, mied Fleisch und alles Fette, Eier, Käse und Wein, aß des Tages nur einmal und beugte hundertmal des Tags und alle Zeit der Nacht ihre Knie im Gebet." Noch strenger kasteit sich Germanus, der Bischof von Auxerre, der nach dem Wortlaut der Legenda aurea (LA, 399) dreißig Jahre lang

niemals Weizenbrot aß, und trank nicht Wein und nahm kein Gemüse, noch Salz zum Würzen. Des Jahres zweimal, zu Ostern und Weihnachten, trank er Wein; aber selbst den Geschmack dieses Weines nahm er sich gänzlich durch vieles Wasser. Als erste Nahrung nahm er des Morgens Asche zu sich, darnach ein Gerstenbrot; und fastete den ganzen Tag, und aß erst des Abends.

Erhält der Heilige doch einmal wider Willen üppigeres Essen dargeboten, dann gibt er es selbstredend sogleich an Bedürftigere weiter - dies tut Bischof Germanus, der die Silberschale der Galla Placidia zugunsten der Armen versilbert, dies tut aber auch Sankt Johannes der Almosner.

Speisewunder. Als Träger göttlicher Kraft und deuten Heilige ihre Nachfolge Christi an, indem sie Wunder vollbringen. Bereits Christus hat mehrfach Speisewunder vollbracht, hat auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt und als Prediger Brot und Fisch vermehrt. Es liegt also nahe, dass Heilige neben Heilungswunder auch Speisewunder vollbringen. Der heilige Nicolaus, dem seine volkstümliche Mildtätigkeit einen hervorragenden Rang im Heiligenkalender gesichert hat, vermehrt zwar kein Brot, er bewirkt jedoch, dass es sich nicht vermindert. Während einer Hungersnot in Myra bringt er Schiffer aus Alexandria dazu, den Weizen aus ihrer Ladung der Bevölkerung zu spenden. Zugleich sichert er ihnen zu, dass sich die Menge an Korn nicht verringere (22). Der heilige Remigius, der Bekehrer Chlodwigs und als Erzbischof Schutzheiliger der königlichen Grablege in Reims, füllt - so will es die Legenda aurea (87) einer offenbar armen Frau den Weinkeller mit Wein. Das Wunder wird nicht weiter kommentiert, es scheint, als handle es sich um ein bloßes Erzählornament, die überfließende Gnade Gottes abbildend. Vierzig Brüdern in der Sixtuskirche zu Rom lässt der heilige Dominicus Brot von himmlischen Sendboten austeilen (LA, 421):

[...] siehe, da traten zwei Jünglinge in das Refectorium, gar gleich von Gewand und Gestalt, die trugen viel Brot in ihres Mantels Falten und taten sie schweigend auf den Tisch vor Sanct Dominicum, den Knecht Gottes; darnach verschwanden wsie unversehens, daß niemand wußte, woher sie gekommen waren und wohin sie gingen.

Das Speisewunder unterscheidet sich von anderen Wundertaten, erinnert wie in der Dominicusgeschichte an einen Taschenspielertrick: keineswegs ernährt das vermehrte Brot grundsätzlich die Armen, nicht immer werden Wein und Brot als Gaben der Eucharistie gereicht. Das wird in der Geschichte des Lupus aus der Legenda aurea (517) deutlich, der sein weltlich Gut den Armen schenkt und merkwürdigerweise dennoch nicht darauf verzichtet, Festgesellschaften auszurichten. Als ihm einmal nur die Hälfte des nötigen Weins zur Hand ist, verkündet ihm ein Bote unverhofft, das weitere hundert Fässer vor dem Tor stünden. Heilungswunder auf der Grundlage einer Speisung sind selten, doch gibt es auch sie: gleichsam als Versicherung, dass die heilsame Wirkung seines Tranks nicht etwa doch medizinisch zu erklären wäre, verstößt der Erzengel Michael gegen jede Regeln ärztlicher Kunst, wenn er einen Trank aus "Honig, Wein und Pfeffer" bereiten und die Krankenspeise daruntermischen lässt, "ob es gleich nach ärztlicher Kunst nicht gut ist, daß man den Fieberkranken hitzige Getränke gäbe." (LA, 575).

Der Gifttrank. Eng verwandt mit den Speisewundern ist die Unempfindlichkeit der Heiligen gegen jede Art von Gift. Ungerührt kippen sie die Tränke, die heidnische Ränkeschmiede ihnen reichen. Zuweilen schlagen sie das Kreuz über einem Gifttrank und machen die gefährliche Lösung wirkungslos, manchmal trinken sie ohne jede Vorkehrung und überleben dennoch. Wird das Kreuzschlagen jedoch einmal unterlassen, dann hat sich prompt der Teufel in den Trank gemischt - so ergeht es einem Mitbruder des Dominicus, der den Herr der Fliegen als Weinmücke verschluckt hat und erst durch das Wirken des Heiligen von seinem Peiniger erlöst wird (LA, 419). In der Johannesgeschichte aus der Legenda aurea opfert der Erzähler der Eindrücklichkeit seiner Wundergeschichte zwei Verbrecher, die wie die beiden Sünder an den Kreuzen zu Golgatha die Wirksamkeit des Gifttranks belegen, indem sie auf der Stelle versterben. Nicht so Johannes, der den Schmerzenskelch bis in die Neige leert und dennoch unbeschadet aus dem Anschlag hervorgeht. Auch der Apostel Mathias (LA, 169) trinkt in Makedonien unbeschadet von einem Gift, das bereits 200 Menschen das Augenlicht geraubt hat - mehr noch, er heilt die Geblendeten. Nicht nur giftigen Tränken, auch vergifteten Broten widerstehen Heilige, denen die Giftigkeit der Speise wunderbarerweise auch dann bekannt ist, wenn sie ihnen nicht kungetan wird: dem Raben, der das Brot auf Geheiß des heiligen Benedikt weit fortbringen soll (LA, 185), überträgt der erste Abt sogar die Unempfindlichkeit für jeden Giftanschlag. Der wunderbar harte Leib der Lieblinge Gottes vermag alle verstofflichte Feindseligkeit aufzunehmen, ohne zu zerspringen. Die Lust am Martyrium wird nirgends anschaulicher, als wenn Calocerus und Secundus "Pech und Harz" wie Limonade durch ihre Kehlen rinnen lassen und mit Zitaten aus dem Psalter würzen:

Das tranken sie mit großer Begierde, als ob es das beste Wasser wäre, und riefen mit lauter Stimme: "Wie süß ist dein Wort in unserm Munde, Herr unser Gott, es ist süßer denn Honig." (Ps. 118,103)

Wie "kühles Wasser" trinkt auch Sankt Primus das flüssige Blei, das ihm ein Richter des römischen Kaisers in den Mund gießen lässt (LA, 307).

Himmlisches Brot. Wer sich einige Heiligenviten aus der Legenda aurea durchliest, wird rasch feststellen, dass nicht ein Totenfleck oder die Leichenstarre, sondern ein süßer Geruch es ist, der den Tod des Heiligen anzeigt. Im Grab eines entrückten Heiligen findet sich gelegentlich ein himmlisches Brot. Johannes der Evangelist verrichtet vor der Himmelfahrt zunächst ein Gebet: "Und da das Licht verschwand, fand man das Grab voll Himmelbrotes; das wächst noch heutigen Tages dort und wallet auf des Grabes Grund, wie feiner Sand in einem Wasserquell." (56). Es ist sicher kein Zufall, das wenig zuvor im Gebet des Johannes des letzten Abendmahls gedacht wird. Himmlisches Brot, Manna, wie auch immer man es nennt: es hat viele Versuche gegeben, diese Speise im Reich der Pflanzen oder Pilze, selbst im Tierreich aufzufinden, Samen oder Harze zu benennen. Auch vom Grab des heiligen Andreas wird berichtet, dass es Manna ausströme, "ähnlich dem Mehl, und ein wohlriechend Öl." Dieses Manna hat eine weitere Wirkung, die ebenfalls mit Ernährung zu tun hat und die Verweiskraft des Himmelsbrotes unterstreicht, die das himmlische Brot als Gradmesser göttlicher Gnade erscheinen lässt, indem es die Reichlichkeit oder Kargheit der Ernte andeutet. Gott erhält die Seinigen, und wenn er nicht Manna ausstreut, dann genügt auch Brot. Nicht näher bezeichnete himmlische Speise hat Joseph von Arimathia in seinem Mauerloch am Leben gehalten, den der Eroberer Jerusalems, Titus, nach seinem Sieg auffindet (LA, 269). Lediglich zehn tage ohne jede Nahrung bleibt die heilige Eugenia im Kerker zu Rom, bis ihr der Christus selbst "ein schneeweiß Brot" bringt (LA, 537). Gestärkt wird auch Calixtus während seiner fünftägigen Kerkerhaft; wie, das erfahren wir nicht (LA. 608). Wie man sich himmlisches Brot vorstellen darf, das wird von Legende zu Legenda unterschiedlich ausgemalt; zuweilen ist fraglich, ob der Erzähler überhaupt an eine stoffliche Speise denkt. Solcherlei Zweifel befeuert eine Erzählung wie die von der täglichen Speisung der Maria Magdalena im Himmel, die aus ihrer wasserlosen und wüsten Einöde von Engeln emporgehoben wird:

An jeglichem Tag ward sie zu den sieben Gebetsstunden von Engeln auf in die Luft geführt, und hörte mit leiblichen Ohren den Gesang der himmlischen Heerscharen. So ward sie alle Tage mit dieser süßen Kost gespeiset und darnach von den Engeln wieder an ihre Stätte zurückgebracht, also daß sie keiner irdischen Nahrung bedurfte.

Liebesgaben der Heiligen. Vom ersten Eremiten Paulus berichtet die Legenda aurea (86), er sei von Gott durch einen Raben ernährt worden. Seinem ebenso heiligen Besucher Antonius deutet Paulus an, er bekomme an diesem Tage das Doppelte der üblichen Ration. Das gespendete Brot wird nun zum Gegenstand eines Wettbewerbs der beiden Eremiten um die Ehre, es dem jeweils anderen zu überlassen: das Gerangel um die Überlassung des Himmelsbrots ist lange unentschieden, dann bricht der Laib entzwei. Eher ungewöhnlich verläuft die Speisung des Maximus, Bischof von Nola, durch den heiligen Felix in pincis (LA, 93). Von einem Engel zur Lagerstatt des verfolgten und vor Hunger entkräfteten Bischofs geführt, drückt er ihm eine Traube in den Mund, die er von einem Dornbusch abpflückt - um ihn darauf auf seinen Schultern zu bergen. Die weinspendende Traube am Dornbusch mag auf die Blutspende Christi hindeuten, dessen Heil sich aus der Marter entfaltet - sicher ist dies jedenfalls nicht, die Stelle wird in der Legenda aurea (175) nicht weiter ausgedeutet. Die Mildtätigkeit der Heiligen, nicht nur im Umgang mit anderen Heiligen, erweist sich an der freigiebig und reichlich gespendeten Gabe - besonders der heilige Gregor tut sich als Spender milder Gaben hervor, indem er einem als Bettler vermummten Engel sein Speisegeschirr weggibt und auch danach als wohltätiger Wirt auffällt. So kommt es, dass Gregors Berufung durch eben jenen Engel erfolgt, den er als Pilger zu Tisch geladen hat - als dreizehnter Gast, den nur Gregor zu sehen vermag. Auch die heilige Elisabeth tritt als Spenderin von Trank und Speise in Erscheinung: in Zeiten der Teuerung, heißt es, soll sie ihren Schmuck verkauft haben, um den Armen Nahrung zu schaffen. Einen Bierkrug soll sie außerdem besessen haben, dessen Maß sich trotz reichlichen Ausschanks nicht vermindert habe (LA, 675).

Die Rache Gottes. Gottes Rache vollzieht sich in der Legende auf vielerlei Art - gelegentlich Bedarf es dazu nicht mehr als einer Gräter. Der heilige Silvester wird nach dem Bericht der Legenda Aurea (65) von Tarquinus, einem hochfahrenden Richter, ungerecht einer Kerkerhaft ausgesetzt. Bevor Silvester abgeführt wird, warnt ihn der Heilige:

"Du Tor, du stirbst noch diese Nacht, und färst in die Hölle zu ewiger Pein, und du wollest oder wollest nicht, so wirst fu den Gott erkennen, den wir ehren."

In der Tat ist es ein Symbol, ein Erkennungszeichen Gottes, das den Tod des Richters herbeiführt. Zu einem Mahl geladen, "blieb ihm eines Fisches Gräte im Halse stecken, die mochte er weder schlingen noch auswerfen." Zweierlei ist bemerkenswert an dieser Erzählung: zum Einen ist es ein Fisch, das Geheimzeichen der Frühchristen, der die Lästerung sühnt. Zum Andern straft es den Richter dort, wo er mit seinem Richterspruch gefehlt hat: in der Kehle. Mächtige Heiden und Erzbösewichter scheinen nach einer Fügung der Geschichte - oder vielmehr der christlichen Geschichtsschreiber - grundsätzlich beim Mahl umzukommen. Der Volksmund hat den Tod Attilas, der während des Beischlafs mit Hildiko einen Blutsturz erlitt, ebenfalls an den Folgen seiner Tafellust sterben lassen:

Attila, der Hunnenkönig,
Aß zuviel und trank zuwenig,
Drum starb er nicht im Kampfe,
Sondern an dem Magenkrampfe.

Belsazar, wie wir aus Heines Ballade wissen, stirbt wohl nicht unmittelbar bei Tisch, erblickt jedoch an der Wand des Speisesaals sein Todesurteil. Auch der Präfekt Lucretius, der den Tod der heiligen Beatrix verschuldet, stirbt während eines Gastmahls (LA, 395). Das Prinzip des Strafvollzugs im sündigen Glied veranschaulicht auch die Geschichte jenes Jünglings, der die Predigt des Antonius von den drei Bewegungen weltlicher Lust noch nicht verinnerlicht hat. Eine davon rühre von üppiger Speise her, und so ist es nur folgerichtig, wenn Antonius den Jüngling losschickt, etwas Fleisch einzukaufen. Auf dem Weg wird er von Hunden angefallen und gebissen. Das Fleisch ist nun nicht einfach eine beliebige Menge Fleisches, es handelt sich um das sündige Fleisch schlechthin - so, wie die Hunde den Teufeln gleichen, angezogen von der Sünde. Die Worte des Antonius machen deutlich, dass diese Episode nicht mehr ist als Predigtexempel: das rechte Verfahren wird im Lehrsatz verordnet, der Mensch geht fehl und wird bestraft, was die nachgeordnete Unterweisung begründet. Noch der heilige Remigius fasst die Sünde am rechten Fleck, wenn er die weiblichen Nachkommen trunkener Bauern, die in Notzeiten das von ihm gesammelte Korn verbrennen, mit einem Kropf zur Welt kommen lässt (LA, 587).


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