Krimi

Spitzenköche und Arsen: Ernährung im kriminalen Genre

Vergiftete Speisen. Zunächst Tierversuche, dann Vergleichsprobe am Menschen: "Zu diesem Zweck teilte sie vergifteten Zwieback unter die Armen aus und brachte selbst diese tödlichen Geschenke in das Hôtel-Dieu, um mit eignem Auge die ersten Wirkungen derselben an den Kranken beobachten zu können." Steigerung: Kammerjungfer: "Sie gab ihr einen Teller mit vergifteten Johannisbeeren und Schinken." Nach einer Bemerkung der Madame de Sévigné setzte die Brinvillier ihren Gästen auch "vergiftete Taubenpasteten vor, nicht gerade, um sie ums Leben zu bringen, sondern nur um ihre Beobachtungen über Gifte anzustellen. Mehrere starben wirklich davon. Auch der Ritter von Guet hatte einst eine solche Mahlzeit bei ihr eingenommen." Eigener Vater: "Sie vergiftete eine Suppe, die sie ihm selbst brachte, und sie war Ungeheuer genug, um sie ihm mit der Miene der zärtlichsten Besorgnis für seine Gesundheit selbst reichen zu können." Ihr Bedienter La Chausée wird zum Helfershelfer: "Er brachte dem Zivilleutnant Wein und ein Glas Wasser, das er vergiftet hatte." Der Anschlag scheitert jedoch, weil das Wasser bitter geschmeckt habe. Vermutlich wird ihr gerade auch vor dem Hintergrund, dass sie durch Essen gemordet hat, die Henkersmahlzeit verweigert.

Die Zunge lockern. Nicht selten bedienen sich gerissene Ermittler berauschender Flüssigkeiten, um Zeugen zu einer Aussage zu bewegen. In dubiosen Gaststätten setzt sich der Detektiv unter zwielichtige Gestalten und bekommt für ein Bier, einen Schnaps oder eine Flsche Roten mancherlei zu hören. So etwa der Ich-Erzähler in Richmonds Mein erster Fall: "Am mitteilsamsten war ein Fuhrknecht, der einige Zeit bei Jones gearbeitet hatte, dem die Stelle jedoch nicht zugesagt und der gekündigt hatte. Ich bezahlte diesem Menschen ein paar Glas Bier; er erzählte mir dafür, daß das Gerücht über den Leichenhandel den Tatsachen entspreche; [...]" Aber nicht nur Alkoholika selbst, auch die Hersteller und besonders die Verbreiter geisthaltiger Getränke tragen dazu bei, dem Leser Fährten zu legen. Auf Barkeeper und Wirtspersonen braucht man kaum hinzuweisen - ihnen gehört ein eigener Abschnitt. Entzug von Essen und Trinken ist ein probates Mittel des kriminalistischen Verhörs und damit auch Gegenstand jener Textem, die sich mit Verhören befassen. Dazu gehört auch Verhör, eine Krimi-Kurzgeschichte aus der Feder des schweizerdeutschen Altmeisters der Kriminalerzählung, Friedrich Glauser. Der Text ist gefasst als die Rede des Hauptverdächtigen, den der Untersuchungsrichter Schaffroth zu Tisch lädt. Im Verlauf des Gesprächs enthüllt der Verdächtige die Tat und befördert sich zuletzt mit einer vergifteten Zigarette ins Jenseits - womit, was die Erzählperspektive notwendig vorgibt, die Erzählung endet. Eben erst von Polizeibeamten verhört, klagt der als Täter verdächtige Industrielle über einen trockenen Hals (Arnold 1972, S. 392) und bekommt prompt einen Wein serviert. Immer wieder spielt er, das unterstreicht seine unverhüllte Gelassenheit, auf die servierten Getränke an und gibt dem untersuchenden Richter noch einen Kaffee aus: "Natürlich, der Kaffee ist für Sie bestimmt, Sie werden ihn brauchen, darf ich Sie bitten, mir einen kleinen Schluck zurückzulassen, ich habe nämlich Angst, dass der Wein mich sonst ganz schläfrig macht." Diese Vorausdeutung auf den anstehenden Todesfall wird wieder aufgenommen, als der Verdächtige gegen seine bekundete Gewohnheit, den Kaffee schwarz und ungesüßt zu trinken, darauf besteht, an diesem Tage doch ein Zuckerstück anzunehmen. Ebenso der Wein - der personale Erzähler hat, was der Leser noch nicht weiß, durch das Zerkauen der Zigarette ein Gift freigesetzt: "Danke, ich nehme gern noch einen Schluck Wein, habe so einen bitteren Geschmack im Munde."

Das Milieu. Milieustudien treibt fast jeder Ermittler, und nicht selten führen ihn seine Gänge zu Orten des Essens und Trinkens. Dort trifft er nicht nur Verdächtige aller Farben und Formen, es begegnen ihm auch die wesentlichen Informanten: Würstchenbuden, Kneipen, Restaurants, das sind im Kriminalroman die Umschlagplätze für jede denkbare Information, die, ob falsch oder treffend, die Aufklärung des Geschehens unweigerlich herbeiführt. Als besonders redselig erweist sich der Bierausträger mit dem so überaus vielsagenden Namen Jack Smith, den Richmond in Mein erster Fall ausgiebig schildert:

Was der Schuhputzer im Hotel, das ist der Bierausträger in der Pinte. Er besorgt die ganze Drecksarbeit: erschrubbt und putzt, wäscht die Gläser, spült die Flaschen und wischt die Bierlachen auf den Tischen im Schankraum auf. Seine wichtigste Aufgabe aber ist es, zur Zeit des Mittag- und Abendessens die Haushalte des Viertels mit Bierkrügen zu beliefern. [...] Während und zwischen den Runden schäkert er mit den Mägden oder unterhält sich - in der Gaunersprache - mit den Landstreichern, die er auf der Straße trifft. Infolgedessen weiß er über alles Bescheid, was in der Gegend geschieht; er weiß sogar mehr, denn es herrscht die Tendenz, Gerüchte nach Möglichkeit auszuschmücken.

Speisen als Mittel der Verführung. In der Verführung zum Verbrechen spielt das Essen, insbesondere aber das Trinken, eine wichtige Rolle. Der unheimliche Räuberhauptmann Ignaz Denner aus E. Th. A. Hoffmanns gleichnamiger Novelle verpflichtet den unfreien Bauern Andres zum Anschlag auf dessen Herrn, den Freiherrn von Vach, indem er dessen Frau Giorgina eine dubiose Medikation zukommen lässt: "Damit öffnete der Fremde sein Kistchen, holte eine Phiole heraus, tröpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor etwas auf Zucker und gab es der Kranken." Es könnte sich, das vermutet der Leser an dieser Stelle noch nicht, um Blut handeln, dass der in den schwarzen Künsten erfahrene Sohn des Alchemisten Trabacchio vorherigen Opfern entzogen hat. Auch sein weiteres Vorgehen lässt die verabreichten Nahrungsmittel im Zwielicht erscheinen: "Der Fremde kochte selbst ein eine Kraftsuppe für Giorgina, und man sah, daß er allerhand Gewürze und andere Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen." (Klein 1981, S. 70). So kommt es, dass Andres etwas später in die Räuberbande des vorgeblichen Kaufmanns eingeführt wird und sich am Überfall auf die Jagdgesellschaft von Vachs beteiligen soll.

Appetit und Schuld. Wer einen Mord begeht, dem bleibt der Appetit aus - so wenigstens will es die literarische Konvention. Die dient nicht selten dazu, die Kaltblütigkeit eines Verbrechers herauszustreichen, denen es an Appetit eben nicht fehlt. So bemerkt Willibald Alexis eigens, die Meuchelmörderin Maria Vicenta de Mendieta habe in der Kerkerhaft "immer mit gutem Appetit gegessen und ruhig geschlafen" (Kursivdruck im Original). Andererseits haben nervöse Verdächtige höchst ungesunde Diäten: es gibt wohl kaum einen Verdächtigen, der das Rauchen sein ließe, einige trinken überdies harte Alkoholika und Kaffee kannenweise. Dies gilt für Ross Macdonalds alternde Diva Millicent Dreen, die sich im Verlauf der Geschichte mehrfach Genussmittel zuführt. Sie beginnt mit Whiskey, den sie verbraucht "gleichmäßig wie ein Spirituskocher seinen Brennstoff", ihr zweiter Griff gilt einer Karaffe Scotch: "Am Nachmittag hatte auf dem Büfett noch eine fast volle Karaffe mit Scotch gestanden. Jetzt, um zehn Uhr, stand sie auf dem Kaffeetisch neben ihrem Platz und war fast leer." (Arnold 1978, S. 377). Den letzten Besuch des von ihr engagierten Privatdetektivs nimmt sie mit einer Tasse Kaffee in der Hand entgegen - und wird schließlich überführt (Arnold 1978, S. 385).


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